Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

100 Jahre Jubiläum

"Hohe Warte": Wo Fußball immer Natur bleiben wird

100 Jahre Hohe Warte
APA/HANS PUNZ
  • Drucken

Einst spielte hier das "Wunderteam“ und begeisterte die Massen, jetzt diente sie der Vienna als Heimstätte: die Hohe Warte in Döbling. Am Stadion nagt der Zahn der Zeit, doch Mythos, Kultur und Emotion gehen nie verloren.

Sie war einst das größte Stadion des Kontinents und Geburtsstätte des legendären "Wunderteams". Auf der Hohen Warte begeisterten aber nicht nur der First Vienna FC und das österreichische Nationalteam die Massen. Vor 100 Jahren eröffnet, fanden im Naturoval in Döbling auch Boxkämpfe, Operndarbietungen, Rockkonzerte oder Footballspiele ihre würdige Bühne. Das runde Jubiläum des Stadions begeht die Vienna am Samstag mit einer Wiener-Liga-Partie und einer Museumseinweihung.

Im Eröffnungsmatch am 19. Juni 1921 feierte die Vienna einen 2:1-Sieg gegen Hakoah. Die Blau-Gelben waren 1894 in Döbling gegründet worden und vor dem Umzug in die neue Spielstätte nur einen Steinwurf davon entfernt zu Hause. Doch der alte Bau war längst zu klein geworden. Was Ingenieur Eduard Schönecker, der schon Rapids Pfarrwiese in Hütteldorf entworfen hatte, aber dann auf den grünen Hügel pflanzte, galt weit über Wien hinaus als Sensation.

APA/HANS PUNZ

Im nach einer Seite offenen Oval, mit einer mächtigen Naturtribüne den Hang Richtung Grinzing hinauf, auf der anderen Seite einer schlichten Holzdach-Konstruktion nach englischem Vorbild, passten an die 90.000 Zuschauer. Lediglich in London und Glasgow standen in den 1920er- und 1930er-Jahren größere Kathedralen für das damals florierende Massenspektakel Fußball. Die Hohe Warte "war auf jeden Fall eine der führenden Arena in Kontinentaleuropa, wenn nicht die führende Arena", sagt der Sporthistoriker Matthias Marschik.

Berühmtheit erlangte die Hohe Warte als Spielwiese für mehrere Wiener Clubs sowie als Festung des österreichischen Nationalteams. Am 16. Mai 1931 wurde das Wunderteam geboren, Österreich schlug das klar favorisierte Schottland in Döbling 5:0. Bis 1933 gewann die Mannschaft von Teamchef Hugo Meisl noch 13 weitere Partien, unterlag nur in London gegen England 3:4. Die Namen der damaligen Stars Matthias Sindelar, Toni Schall, Karl Zischek, Fritz Gschweidl oder Josef Smistik geistern bis heute im kollektiven Gedächtnis und in den ÖFB-Statistiken herum.

Nach der Wunderteam-Ära wuchs buchstäblich Gras über die in der Presse gerne als "Riesenspielplatz" der Wiener apostrophierte Anlage, die bereits 1931 mit dem Praterstadion eine übermächtige Konkurrenz bekommen hatte. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg begann die Natur mit ihrer stillen Rückeroberung. Vor allem die monumentale Hangtribüne wurde sukzessive vom Grün überwuchert, die Zahl der offiziell zugelassenen Zuschauer ging kontinuierlich zurück.

Das Wunderteam in Wien
APA

Die Vienna, 1955 zum sechsten und letzten Mal österreichischer Meister, ist seit der Nachkriegszeit Hauptnutzer des Grundstücks. Es fanden auf der Hohen Warte jedoch auch Wiener Derbys statt, Konzerte wie von Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan oder Austro-Rocker Dr. Kurt Ostbahn, Opern, Leichtathletik-Wettkämpfe, Rugby- und American-Football-Spiele und Boxkämpfe. Vom Glanz vergangener Tage ist freilich wenig geblieben. "Da braucht man schon jemanden, der einem das erklärt, wie es früher war", betonte Marschik im APA-Gespräch.

Die Vienna zelebriert den Geburtstag passend mit einem Fußballmatch. In der Wiener Stadtliga gastiert am Samstag Gerasdorf-Stammersdorf beim Tabellenführer. Davor wird das neue vereinseigene Museum eröffnet, die Vienna Frauen bekommen ihre Trophäe für den Meistertitel in der 2. Liga und den damit geschafften Aufstieg in die Bundesliga. Die blau-gelben Männer wollen zunächst in die Regionalliga Ost aufsteigen und in nicht allzu ferner Zukunft wieder im Profibereich Fuß fassen. Ein Abschied von der Hohen Warte, die von der Stadt Wien gepachtet wird, ist unvorstellbar.

APA/HANS PUNZ

Dem Verfall der Bausubstanz versucht man, Schritt für Schritt mit diversen Renovierungen zu begegnen. Zuletzt kam es ab 2005 zu einem größeren Eingriff. 2020 bemängelte der Stadt-Rechnungshof vor allem "starke Schäden an den tragenden Stahlbetonkonstruktionen", gleichermaßen eine Hauptzugangstreppe in "desolatem Zustand" oder Schimmelpilzbefall in den Sanitäranlagen. Für knapp 7.000 Zuschauer ist die Hohe Warte nun ausgelegt. Demnächst soll ein neues Gastro-Konzept realisiert werden.

"Man könnte sie schon herrichten. Aber die Vienna kann das nicht zahlen, da müsste wahrscheinlich die Stadt Wien einspringen", erklärte Marschik. Das würde aber ziemlich sicher weitere Begehrlichkeiten wecken. "Dann käme an erster Stelle auch der FAC, die dritte Kraft in Wien, und würde Geld einfordern. Denn das Leopold-Stroh-Stadion (alter Name/heute FAC-Platz; Anm.) ist natürlich auch in einem fragwürdigen Zustand."

(APA/Fin)