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Ungarn: Notstand nach Chemieunfall mit vier Toten

Rescue workers clear up toxic sludge in the flooded village of Devecser
(c) REUTERS (Bernadett Szabo)
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Aus einer Fabrik tritt Giftschlamm aus und überschwemmt mit dem herrschenden Hochwasser mehrere Dörfer. Es gibt Tote und Verletzte. Unter den Todesopfern sind zwei Kleinkinder.

Es sei der schlimmste Chemieunfall der ungarischen Geschichte, berichten lokale Medien: Am Montag ist aus einer Aluminiumfabrik nach einem Chemieunfall giftiger Schlamm ausgeströmt, ein Damm bricht, ein Bach wird verschmutzt. Kurz später überschwemmt die giftige Masse zusammen mit dem in der Region herrschenden Hochwasser mehrere Gemeinden in der Gegend der westungarischen Ortschaft Kolontar.

Bisher gibt es vier bestätigte Todesfälle, darunter zwei Kleinkinder. 113 Menschen tragen durch den extrem ätzenden Schlamm Verletzungen davon, sieben weitere werden noch vermisst. 400 Anrainer mussten in Sicherheit gebracht werden. Am Dienstagvormittag wurde in den drei Komitaten Veszprem, Vas und Györ der Notstand ausgerufen.

Den Einsatzkräften bot sich ein Bild der Verwüstung. In Kolontar und der benachbarten Kleinstadt Devecser stand der rote Schlamm meterhoch. Die Schlammlawine begrub hunderte Häuser, Autos und Gärten unter sich. Tote Fische aus dem Fluss Marcal wurden an die Ufer geschwemmt, berichtete die dpa. "Ich finde keine Worte dafür", zitierte das Internet-Portal "nol.hu" einen 25-jährigen Mann. "Ich rannte auf den Kirchhügel und musste zusehen, wie die Flut einfach mein Auto verschlang."

Eine Million Kubikmeter Giftschlamm sind aus dem Gelände der Aluminiumfabrik MAL AG geflossen - aus einem Becken, für das laut österreichischem Umweltministerium nur ein Schutzplan bis 300.000 Kubikmeter besteht. Das Werk musste auf Anweisung von Umweltminister Zoltan Illes mit sofortiger Wirkung seine Tätigkeit einstellen. Illes forderte das Unternehmen auf, umgehend mit den Reparaturarbeiten am gebrochenen Speicher für Rotschlamm durchzuführen. Es bestehe der Verdacht, dass im Speicher mehr Rotschlamm gelagert war als erlaubt.

Die Aluminiumfabrik wies in einer Aussendung die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen hätte die technologischen Verfahren "sorgfältig eingehalten" und "keinerlei Anzeichen für das Eintreten einer Naturkatastrophe wahrgenommen". Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass der Rotschlamm des Unternehmens nach EU-Standards nicht als "gefährlicher Abfall" gelte.

Gips soll das giftige Material binden

Die giftige Masse hat nicht nur Flora und Fauna in der Umgebung zerstört, sondern ist bereits in den Fluss Marcal geflossen. Es besteht sogar die Gefahr, dass der Schlamm auch die Raab und die Donau verunreinigt. Helikopter versuchten indes, durch Abwurf von mehreren Tonnen Gips das giftige Material zu binden.

Umweltstaatssekretär Zoltan Iles warnte vor einer totalen ökologischen Katastrophe, falls der ausgetretene Giftschlamm nicht gebunden werden könne. Greenpeace befürchtet, dass der toxische Rotschlamm nicht nur ins Grundwasser sickern und dieses vergiften könnte, sondern in getrocknetem Zustand viele Kilometer weit verfrachtet wird.

"Wenn der Giftschlamm trocknet, kann er durch Wind zu nahe gelegenen Siedlungen in einem Radius von zehn bis fünfzehn Kilometern transportiert werden. Wir werden deshalb sofort ein Team nach Kolontar und nach Devecser schicken, wo derzeit am meisten Probleme auftauchen. Ziel ist es, Proben zu nehmen und sich ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe zu machen sowie diese zu dokumentieren", so Zsolt Szegfalvi, Leiter des Greenpeace-Büros in Ungarn.

Schlamm mit extrem ätzenden Stoffen

Der "Rotschlamm" ist ein Überbleibsel aus der Aluminiumgewinnung und enthält extrem ätzende Stoffe, die bei Hautkontakt für Menschen lebensgefährlich sein können.

Abgebautes Bauxit wird mittels Natronlauge "aufgebrochen" - das dadurch gewonnene Aluminium wird abgefiltert, über bleiben Eisen und Titanoxide. "Diese Stoffe sind extrem giftig, aber nicht radioaktiv. Die Umweltbelastung ist aber erheblich", erklärte ein Sprecher von Global 2000.

 

(APA/red.)