Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ein Stück Natur, das zwar nicht mehr ganz Natur ist, aber auch noch nicht das andere.
Premium
Zurück

Die letzte Favoritner Gstätten

Wo vor einer Woche noch Schutt lagerte, erstreckt sich heute eine planierte Ebene. Wo man gestern passieren konnte, versperrt einem ein Bauzaun den Weg. Den Feldhasen habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Der einstige Lebensraum der einen ist der künftige Wohnraum der anderen. Immer muss irgendetwas verschwinden.

Ich bin ein Vogelbeckensaurier aus der Gruppe der Ankylosauria. Ein prachtvolles Weibchen. Bisschen zu dick vielleicht, selbst für ein ausgewachsenes Exemplar meiner Art, aber imposant anzusehen mit den steilen Knochenplatten auf dem Rücken. Trotz der schweren Panzerung ein friedlicher Pflanzenfresser. Vor 150 Jahren fand man versteinerte Überreste eines Artverwandten im niederösterreichischen Winzendorf-Muthmannsdorf und benannte ihn Struthiosaurus austriacus. Was man damals nicht ahnen konnte und auch heute kaum jemand weiß: dass es in Wien-Favoriten immer noch welche gibt. Also, zumindest einen. Mich.

Mein Habitat ist ein rund neun Hektar großes Areal in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs, zwischen Bahntrasse, Laxenburger Straße und Landgutgasse. Eine sogenannte Gstätten. Ein Stück Natur, das zwar nicht mehr ganz Natur ist, aber auch noch nicht das andere. Verbaute Stadt, Beton, Asphalt, Stein, Glas. Ich behäbige Saurierdame führe hier meinen vierbeinigen Begleiter spazieren, beobachte die vorbeigleitenden, ratternden oder quietschenden Züge und studiere die Graffiti auf der Lärmschutzwand vor den Gleisen.

Wer aus den Fenstern des lang gezogenen Wohnblocks am Rande dieser Gstätten blickt, architektonischer Vorbote kommender städtebaulicher Juwele, sieht bloß eine einsame Spaziergängerin mit Hund über den Schotter, die letzte Wiesenfläche, das bereits planierte Erdreich ziehen. Hin und wieder bückt sie sich, hebt einen Stein auf, betrachtet ihn, wirft ihn weg oder steckt ihn ein. Manchmal verharrt sie und mustert ein paar Quadratmeter armseliges Ruderalgestrüpp, als wäre es der schönste Rosengarten. Oft steht sie auch nur da und starrt mit in den Nacken gelegtem Kopf in den Himmel, als wartete sie auf den Meteoriten.

Götterbäume und Sommerflieder

Die Vorstellung, ein Saurier zu sein, überkam mich, nachdem ich über Monate, mittlerweile bereits Jahre, die Veränderung „meiner“ Gstätten beobachtet hatte. Anfangs mit Interesse, zunehmend mit Bedauern, zuletzt mit Anflügen von Melancholie. Ich hatte das Gefühl, auf kleiner Fläche ganze Erdzeitalter im Schnelldurchlauf zu erleben, inklusive Artensterben. Zwar brodelten hier auch zu Beginn keine Vulkane und lauerte kein Treibsand, aber ich fand es trotzdem sehr urtümlich. Immerhin bin ich einmal versehentlich auf eine weggeworfene, fast volle Flasche Ketchup getreten, die Eruption war durchaus spektakulär, wenn auch glücklicherweise seitwärts gerichtet, ein andermal habe ich eine Stunde auf dem Bauch liegend vor dem Trichter eines Ameisenlöwen verbracht und ihm gelegentlich ein Beutetier über den Kraterrand geschnippt.