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Auf der Wiegefläche der Geschichte: k. k. Hof-Operntheater, Holzstich, um 1869.
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Baugeschichte

Vom Risiko, Architekt zu sein

„13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer“ stehen im Mittelpunkt von Charlotte Van den Broecks Band „Wagnisse“. Von der Geschichte historischer Bauwerke und von einer Nachwelt, deren Urteil so oft ganz anders ausfällt als das der Zeitgenossen: Erkundungen zwischen Wien, Washington und der nordbelgischen Provinz.

Den Tod kümmert kein Zeitplan und kein Fertigstellungstermin. Noch fehlen Monate bis zur Vollendung des neuen k. k. Hof-Operntheaters, als das „Neue Wiener Tagblatt“ am 4. April 1868 berichtet: „Es war ungefähr nach halb sieben Uhr morgens, als das Stubenmädchen wie gewöhnlich durch eine Tapetentür in das Schlafzimmer trat, um Feuer in dem Kamin zu machen. V. d. N. war bereits wach und verlangte, dass man ihm den Schlafrock geben solle. Wenige Minuten darauf entfernte sich das Mädchen und hörte, wie hinter ihr die Tapetentür abgeschlossen wurde, was sonst nie geschah. Ohne jemand davon in Kenntnis gesetzt zu haben, ging es mit dem Frühstück durch eine andere Tür in das Schlafzimmer ihres Herrn. Bei ihrem Eintritte fuhr sie mit einem Schrei des Entsetzens zurück. Van der Nüll war tot. Die amtlichen Erhebungen stellten fest, dass der Unglückliche sich mittelst seines Taschentuchs, welches er in einer aus einem Handtuch gedrehten Schlinge befestigte, an einem Bilderhaken – nachdem er das Bild zuvor abgenommen – erhängt hatte.“

Was da mit – aus heutiger Sicht ziemlich befremdlichem – Genuss am voyeuristischen Detail rapportiert wird, geht als eine der großen Tragödien in die hiesige Architekturgeschichte ein. Eduard van der Nüll, einer der beiden Planer des Hof-Operntheaters, hat sich das Leben genommen, sein Freund und Partner, August Sicard von Sicardsburg, folgt ihm wenige Wochen später, an Tuberkulose erkrankt, in den Tod. Und rasch verdichtet sich rund um ihr Sterben der Mythos, die Querelen rund um Planung und Errichtung des ersten Repräsentationsbaus an der neuen Wiener Ringstraße habe sie der Lebenskraft beraubt. Denn ja, an solchen Querelen gab es keinen Mangel – bis hinauf zu Abfälligkeiten aus dem Kaiserhaus. Aber kann es denn wirklich sein, dass ein Bauprojekt widrigstenfalls gleichsam seine Schöpfer umbringt?