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Bachmannpreis

Lustvoller Grant über die Ex

Lob für männliche Autoren an Tag zwei des Wettlesens.

Klagenfurt. Der Deutsche Leander Steinkopf könnte bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur Preis-Chancen haben: Er erfreute am Freitag beträchtliche Teile der Jury mit einem grantigen Erzähler, der die Hochzeit seiner Ex miterlebt. Juryvorsitzende Insa Wilke blieb mit ihrer harten Kritik („völlig spießig“) allein, Kollegen lobten den Text als „geistvoll pointiert“, „charmant“, „versiert“. Wohl autobiografisch genährt ist der Text, den die in Moskau geborene Deutsche Anna Prizkau danach las: Es geht um den Umgang einer Familie mit dem Heimatwechsel. Eher kritisch war hier die Jury, ein Teil sah Unstimmigkeiten und fehlende Kohärenz, Kastberger störte das „Opernhafte“.

 

Onlinedating-Kultur

Bruchstückhafte Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Land brachte die Klagenfurterin Verena Gotthardt. Klare Wertschätzung gab es hier für Form (wenn auch für Kastberger „noch nicht genug gefüllt“) und „Gestaltungswille“, Jurorinnen stießen sich aber auch an einer gewissen „Schwerfälligkeit“. Um die Onlinedating-Kultur ging es beim Schweizer Lukas Maisel, derzeit Stipendiat in Krems. Die Reaktionen waren stark gespalten: „wahnsinnig großartig“ versus „telenovelaartig“ und „überkonstruiert“.

 

„Der sorgloseste Text“

Und schließlich dominierte Freude über den „sorglosesten Text, den wir bisher gehört haben“ (Insa Wilke): Der Weststeirer Fritz Krenn erzählte von einer Lesung, bei der ein Hund es auf das Bein des Autors abgesehen hatte. Eine „virtuose Literaturbetriebsetüde“ hieß es danach, ein „Salonmilieu“ werde hier lächerlich gemacht, „Lebendigkeit“ und „lakonische Komik“ wurden gelobt. Nur zwei Juroren fanden das „überladen“ bzw. oft unstimmig.

Dennoch: Die klaren Favoriten sind beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen bisher nicht zu sehen. Vielleicht kommen sie noch – am Samstag, dem letzten Lesetag. (APA/sim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2021)