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Film

„Luca“: Wie Disney Italien-Klischees erträglich macht

"Luca": An Land lutschen die Meeresmonster in Menschenform Eis
"Luca": An Land lutschen die Meeresmonster in Menschenform Eis(c) Pixar
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Dolce Vita, made in California: Mit dem Meeresmonster-Märchen „Luca“ entführt das Pixar-Animationsstudio in das Idyll eines italienischen Küstenorts. Mit vielen Klischees – aber die „kulturelle Aneignung“ gerät authentischer als früher.

„Santa Mozzarella!“ ruft die quirlige Giulia. Mit einem Temperament, das den alten Herren unten auf der Piazza locker die Spielkarten vom Tisch fegen könnte, den barfuß kickenden Buben am Hafen das Pistazien-Gelato aus der Hand und in den kleinen engen Gassen die Wäsche von den hoch gespannten Leinen. Darunter rattert der eitle Macho Ercole, die Haare dick pomadisiert und den feinen Wollpullover sorgfältig über die Schultern gelegt, übers Kopfsteinpflaster – wahlweise auf dem Rennrad oder auf der Vespa. Die Möwen schreien, die Panini brutzeln, und Giulias helle Stimme tönt bis zum kleinen Steintürmchen auf dem Hügel über dem Dorf: „Santo Pecorino! Santa Ricotta!“

Man kann es als eine Klischeeparade auffassen oder als liebevolle kulturelle Denkmalpflege. Wo der neue Pixar-Film „Luca“ lokalisiert ist, lässt sich jedenfalls nicht übersehen. Das Animationsmärchen, das gerade ausschließlich auf dem Streamingdienst Disney+ erschienen ist, erzählt von einem Buben, für den ein kleines Fischerdorf an der ligurischen Riviera zum Tor zur Welt wird. Seine Heimat ist das Meer davor. Meermonster nennen ihn die Dorfbewohner, die seinesgleichen mit Harpunen jagen. Geht Luca an Land, verwandelt er sich in einen Menschen, doch wird er nass, ist er sofort enttarnt: blaugrüne Schuppen, Schwimmhäute, eine lange Schwanzflosse.

Gegen die Verbote seiner Eltern erkundet er gemeinsam mit seinem besten Freund Alfredo die Erzeugnisse der Überwasserwelt. Das Sehnsuchtsobjekt schlechthin: eine echte Vespa. Damit durch die Lande brausen, das wär doch was! Das nötige Kleingeld dafür verheißt ein Sieg beim traditionellen Triathlon des Küstendorfes. Mit der Fischertochter Giulia nehmen sie das Training auf. Die Disziplinen: Schwimmen, Rad fahren, und natürlich Pasta essen.

Es geht um die Emanzipation von den Eltern, ums Anderssein und die Überwindung von Feindbildern. Eine universell menschliche, global taugliche Geschichte also, die sich eines bestimmten kulturellen Rahmens – in diesem Fall der italienischen Provinz der 1950er- oder 1960er-Jahre – bedient: Das ist so etwas wie die Stammdisziplin des Disney-Konzerns, der dafür in den vergangenen Jahren immer wieder gescholten wurde. Kulturelle Aneignung lautet der oft bemühte Kampfbegriff: Disney schnappe sich exotisches Kulturgut, picke sich die passendsten Elemente heraus und drehe alles durch den Hollywood-Fleischwolf. Was übrig bleibe, sei oft eine Sammlung von Klischees, aller Details und Feinheiten beraubt. „Aladdin“: ein Mischmasch aus Orientalismen. „Mulan“: eine mit westlicher Mythologie verfremdete chinesische Volkssage, die allerlei Orte, Völker und Epochen in einen Topf wirft. „Pocahontas“: ein romantisierendes Kolonialismus-Märchen.

Wird Kultur geehrt oder geplündert?

Freilich: Der Grat zwischen Ausbeutung und Ehrung einer Kultur ist schmal. Disney scheint die Kritik jedenfalls ernst zu nehmen – und betreibt zwar immer noch kulturelle Aneignung (was per se ja nichts Böses sein muss), aber mit dem Anspruch auf „Authentizität“. Für den Animationsfilm „Vaiana“, der auf einer polynesischen Insel spielt, bestellte man ein Gremium aus kulturellen Beratern: Anthropologen, Historiker, Linguisten. Ähnlich ging man bei „Coco“ vor und holte sich mexikanische Zeichner und Autoren ins Team. Klischees finden sich im Film trotzdem einige. Und dass Disney versucht hat, sich den „Tag der Toten“, einen der wichtigsten mexikanischen Feiertage, markenrechtlich zu sichern, war den Bestrebungen um ein Image kultureller Sensibilität wohl auch eher nicht zuträglich.

Am Ende geht es eben doch um Vermarktbarkeit. Disney ist spezialisiert auf Produkte mit globalem Unterhaltungswert. Auch „Luca“ braucht ein Italien-Bild, das verlässlich an den Rezeptoren eines weltweiten Publikums andockt. Die Detailtiefe ist hier aber doch beachtlich: Der italienische Regisseur Enrico Casarosa, der seit 2002 für Pixar arbeitet und hier erstmals einen Spielfilm inszeniert, ist in Genua aufgewachsen und hat die Sommer seiner Kindheit an der ligurischen Küste verbracht. Auf zwei Forschungsreisen war das Kreativteam dort Focaccia essen, studierte die Farben an Land und unter Wasser. Das Design der Meeresmonster ist Abbildungen auf alten italienischen Seekarten und Brunnenskulpturen nachempfunden.

So ambitioniert und hintersinnig wie manch andere Pixar-Filme ist „Luca“ nicht, und Erwachsene werden in dem lieblichen Abenteuer nicht viel mehr entdecken als Kinder. Außer vielleicht jene nostalgische Dolce-Vita-Sehnsucht, die die terrakottafarben getönten Bilder verbreiten. Dazwischen wird es auch verspielt surreal: Wenn die beiden Buben zum Himmel fliegen, der voller Fische hängt. Oder auf dem Gefährt ihrer Träume durch leuchtende Rapsfelder gleiten, bis bald überall fahrerlose Mopeds auftauchen und über die Landschaft springen wie stolze Pferde: „Wilde Vespas!“

Und in manchen Momenten werden die Italo-Klischees selbst aufs Korn genommen. Ein melodiös gerauntes „Stupido!“ samt theatralischer Gestik kommt nicht in allen Situationen gut an, muss Luca lernen. Darauf einen Espresso!

[RKO63]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2021)