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Interview

ÖH-Chefin zum Herbst: "Nicht zu 100 Prozent zurück an die Uni"

Sara Velić wurde am Freitag zur neuen ÖH-Vorsitzenden gewählt.
Sara Velić wurde am Freitag zur neuen ÖH-Vorsitzenden gewähltCaio Kauffmann
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Die rote Studentenvertreterin Sara Velić will auch im Herbst Vorlesungen von zu Hause aus hören. Sie erklärt, weshalb es manchmal „auf jeden Fall notwendig ist“, Männer aus dem Raum zu schicken. Die Staatsbürgerschaft will sie „entwerten“.

Die Presse: Nach einem kurzen Intermezzo hat die Hochschülerschaft wieder eine linke Spitze. Ihre Fraktion, der rote VSStÖ, koaliert mit der grünen Gras und den unabhängigen Fachschaftslisten. Genau diese Koalition hat sich in der Pandemie selbst gesprengt. Wieso soll es diesmal funktionieren?

Sara Velić: Wir werden uns den Sommer Zeit nehmen, um die Vertrauensbasis zu stärken, damit wir eine bessere linke Koalition werden als die letzte.

Wie wird man das merken?

An unseren drei Themenschwerpunkten: Erstens haben wir eine Steigerung der Wahlbeteiligung zum Ziel. Dabei soll eine Befragung helfen. Zweitens geht es um die Frage, wie es nach drei Corona-Semestern weitergehen soll. Drittens bemühen wir uns um die soziale Absicherung.

Wie geht es den Studierenden derzeit?

Sie sind sehr frustriert. Es kommen viele politische Enttäuschungen zusammen. Man merkt halt nicht, dass sich die Regierung irgendwie dafür interessiert und einen Plan schmiedet, wie es an den Hochschulen weitergehen soll.

Wie soll es denn weitergehen?

Die 3-G-Regel ist für den Betrieb an den Hochschulen eine gute Voraussetzung (genesen, getestet, geimpft, Anm.). Es brauchte hier nur noch ein niederschwelliges Testangebot wie Testboxen vor Ort. Und wir würden uns ganz klar wünschen, dass der Lehrbetrieb nicht wieder zu 100 Prozent auf Präsenz umgestellt wird. Gewisse Lehrveranstaltungen sollte man sich schon noch von zu Hause anschauen können.

Sollen Teile des Studiums nur noch digital angeboten werden?

Bei der Ausgestaltung sollte man den Hochschulen viel Freiraum lassen. Ich persönlich fände es am besten, wenn es ein breites, also doppeltes Angebot gäbe.

Im Koalitionspakt wird über „unterirdisches Distance Learning“ geklagt. War es so schlecht?

Teilweise schon. Vor allem die Planungssicherheit hat oft gefehlt. Am Juridicum hat man von vielen Horrorszenarien in der Prüfungsvorbereitung gehört. Da wurde ganz kurzfristig bekannt gegeben, ob die Prüfung online oder in Präsenz abgehalten wird, und dann hat es bei der Onlineprüfung den doppelten Stoffumfang gegeben.

Angesichts dessen waren die Studierenden enorm leise.

Die Studierenden waren nicht leise. Ich glaube, dass die ÖH zu leise war, was Regierungskritik betrifft.

Eine umstrittene Maßnahme im Koalitionspakt ist die Schaffung von Safe Spaces. Sogenannte Flinta-Personen können in Sitzungen jederzeit verlangen, dass alle Cis-Männer den Raum verlassen. Weiß eine Mehrheit der Studierenden überhaupt, was diese Begriffe bedeuten?

Das wüsste ich jetzt gar nicht. Ich hoffe, dass viele diese Begrifflichkeiten kennen, wenn nicht, ist das ein Punkt, wo wir als linke ÖH ansetzen können, queerfeministische Bildungsarbeit zu leisten. Für uns ist es wichtig, alles Mögliche zu tun, um Safe Spaces für Frauen und Flinta-Personen sicherzustellen, weil wir es leider immer noch mit sehr patriarchalen Strukturen zu tun haben und auch mit Sexismus und Diskriminierung.

Zur Erklärung: Flinta steht für Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary-, Trans- und Agender-Personen. Und Cis-Männer sind Männer, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht übereinstimmt. Ist es fair, eine Gruppe aus dem Raum zu schicken?

Es ist auf jeden Fall notwendig. Wenn man sich auch auf Sitzungen der Bundesvertretung das Redeverhalten der Cis-Männer anschaut, wie viel Raum die sich in Debatten nehmen, weil sie so sozialisiert worden sind, dann muss man für ein Gleichgewicht sorgen.

An den letzten männlichen ÖH-Chef kann ich mich kaum noch erinnern. Ist die ÖH nicht ohnehin schon ein Platz, wo Frauen dominieren?

Boah . . . Ich weiß gar nicht, wann der letzte . . . Nein, doch: Der letzte männliche Vorsitzende war Desmond Grossmann.

Er war nur Stellvertreter.

Er war im Vorsitzteam. Aber ja, es stimmt, in diesen drei repräsentativen Funktionen haben alle Fraktionen zum Glück ein sehr feministisches Gesamtbild geschaffen. Das schlägt sich leider nicht auf alle Ebenen durch.

Knüpft man mit solchen Maßnahmen wirklich an die Lebensrealität der Studierenden an?

Auf jeden Fall. Das Thema Sexismus ist für die Hälfte der Studierenden Realität.

Sie sind Mitglied des SPÖ-Parteivorstandes. Zuletzt haben Sie eine „Entwertung“ der Staatsbürgerschaft gefordert. Wie ist das zu verstehen?

Mit einer StaatsbürgerInnenschaft (Velić legt Wert auf diese Formulierung, Anm.) gehen derzeit sehr viele Privilegien einher. Das heißt, dass diejenigen, die die StaatsbürgerInnenschaft nicht haben, es in der Gesellschaft viel schwerer haben. Daher gehört die StaatsbürgerInnenschaft entemotionalisiert und entwertet. Sie soll kein so hohes Gut sein.

Das heißt, es soll mit Blick auf die Sozialleistungen und das Wahlrecht gar keinen Unterschied zwischen Staatsbürgern und Nicht-Staatsbürgern geben?

Meiner Meinung nach braucht es eine Angleichung.

Am Samstag hat die SPÖ Parteitag. Werden Sie Pamela Rendi-Wagner Ihre Stimme geben?

Das wird mein Wahlgeheimnis bleiben.

Das klingt nicht nach einem überzeugten Ja.

Ich kann zur SPÖ nur sagen: Wir als VSStÖ haben ein Naheverhältnis – aber ein sehr kritisches. Für mich stehen die inhaltlichen Debatten im Vordergrund.

Zur Person

Sara Velić vom Verband Sozialistischer StudentInnen ist am Freitag zur neuen Vorsitzenden der Österreichischen Hochschülerschaft gewählt worden. Die 21-Jährige studiert Politikwissenschaft und Raumplanung. Die Vorarlbergerin führt eine linke Koalition aus VSStÖ, Grünen und Alternativen StudentInnen (Gras) und Fachschaftslisten (FLÖ) an. Nach einem Jahr soll sie den Vorsitz an die Gras-Spitzenkandidatin abgeben.


[RKOVW]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2021)