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Gumpendorfer Farbenspiele

Grätzeltour. Mit Architektin und Farbdesignerin Pia Anna Buxbaum durch „ihr“ Grätzel im 6. Bezirk – vom Werkstättenhof über Angst- und Wohlfühlräume bis in die nepalesische Küche.

Im Büro von Pia Anna Buxbaum brütet die Hitze. „Auf die heutigen Sommer ist der 1909 geplante Werkstättenhof nicht ausgerichtet“, meint die Architektin und Farbdesignerin, die kürzlich gemeinsam mit Elisabeth Oberzaucher das Buch „Gebäudesoftskills – Bauen in menschlichen Dimensionen“ veröffentlichte. Die Hitze sei aber auch der einzige Nachteil hier im fünften Stock. Der einzigartige Mix aus 40 Wohnungen und 150 Arbeitsräumen an der Linken Wienzeile, aus denen Surren, Klopfen und mitunter Lachen zu hören ist – vom Jalousienschnurerzeuger bis zum Food-Fotograf ist hier alles zu finden –, sei ein Grätzel für sich. „In der Nazi-Zeit konnten sich hier eine Mutter und ihre Tochter erfolgreich verstecken“, weist Buxbaum auf eine Plakette im Erdgeschoß hin.


Frühe Modediktate

Über die Hornbostelgasse – interessanter Wandschmuck an den den Häusern Nummer 3, 5 und 9 – kommen wir zur Gumpendorfer Straße 120: ein reich stuckatiertes Haus aus dem Jahre 1915. „Das haben wir dem Freiherren von Doblhoff zu verdanken“, meint Buxbaum. Seine Terracotta-Fabrik stellte die damals beliebten, zuvor aus teurem Stein gehauenen Verzierungen seriell und günstiger aus Ziegel her – und beeinflusste so das Aussehen der Wiener Häuser erheblich mit. Ebenso wie die „Josephinische Verordnung“: Um die böhmischen Ockergruben der Kaiserfamilie zu nutzen, wurde die Farbe („Schönbrunnergelb“) quasi für alle Anstriche der staatlichen und habsburgischen Bauten verordnet – in der Folge zog das Bürgertum nach.

Typisch für Wien auch die dunkelbraun gestrichenen Fensterrahmen, wie etwa am Haus Sonnenuhrgasse 4: „Man wollte das teure Eichenholz imitieren, das sich nicht jeder leisten konnte. Und optisch bilden die dunklen Rahmen mit dem dunkel scheinenden Fensterglas eine ruhige Einheit.“ In Kombination mit einem von unten nach oben heller werdenden Farbverlauf prägen diese Elemente Wiens Aussehen bis heute mit.

Mit jeder Gasse öffnet sich eine neue Welt, gesehen mit den Augen und dem Wissen der Architektin, die sich auf Farbdesign und weitere Gebäude-Softskills – Begrünung, Licht, Akustik, Architekturpsychologie, Wasser- und Luftqualität – spezialisiert hat. Aufgewachsen am Land, hat sie das Urbane – und die Auseinandersetzung damit – schon immer interessiert.

„Das hier ist zum Beispiel ein klassischer Angst-Raum“, meint Buxbaum beim Durchgang zur Liniengasse. Die Sonnenuhrgasse verengt sich, wird unübersichtlich, ist im Dunkeln schlecht beleuchtet. „Niemand will das, aber wenn man es nicht von Anfang an mitplant, steht es am Ende so da, weil keiner mehr Ressourcen für die Ausarbeitung hat.“ Am Haus Liniengasse 29 erfreut dafür ein Pegasus-Graffiti von Video.Sckre, ein paar Schritte weiter erfrischt der Blick in den Gastgarten des Mills, „eine kleine grüne Oase“.


Grünes Rauschen

„Man weiß, dass ein Baum vor dem Fenster den Straßenlärm subjektiv um bis zu fünf Dezibel weniger laut empfinden lässt“, erklärt Buxbaum vor der begrünten Fassade der MA 31/Wiener Wasser in der Grabnergasse 4–6. Wobei die Einstellung zur Lärmquelle eine große Rolle spiele. „Verkehrslärm ist unangenehmer als ein Wasserfall, laute Geräusche eines netten Nachbarn leichter zu ertragen als jene eines Fremden.“

Ein Tipp für die kleine Auszeit zwischendurch ist auch das Augora Fermente – Greißlerei, Restaurant & Take-away in der Stumpergasse 1a – und der kleine Vinzenz-von-Paul-Park an der Garbergasse. Und natürlich das Yak und Yeti in der Hofmühlgasse 21. Im nepalesischen Restaurant mit authentisch gestaltetem, kühlem Gastgarten fühlt sie sich „seit 20 Jahren immer wieder wie im Kurzurlaub“.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Weinbau, Lehmgewinnung und Mühlen prägten lange Zeit die Ortschaft Gumpendorf im heutigen 6. Bezirk. Ab 1850 wurde das Gebiet verbaut und mit weiteren Vorstädten 1850 zum Wiener Bezirk Mariahilf. Eigentumswohnungenkosten im 6. Bezirk zwischen 3169, 64 (gebraucht) und 4771,73 Euro/m2 (neu).

Pia Anna Buxbaum ist in Wien als Architektin und Farbdesignerin tätig. www.archicolor.at, Link zum Buch: www.gebäudesoftskills.at. Mehr Fotos und Infos: diepresse.com/immobilien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2021)