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Sozialwissenschaften

Wohin soll ich mich wenden? An neue Apps!

Clemens Fabry
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Ein Forschungskonsortium aus Tirol, Vorarlberg und Salzburg sucht nach neuen Wegen, um Informationen für Menschen in sozialen Notlagen aufzubereiten – niederschwellig, nutzerfreundlich und digital.

Die Familie, die vor der Delogierung steht; der alleinerziehende Vater, der seinen Job verloren hat; die Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird; der Teenie, der seine Eltern pflegen muss: Die Situationen, in denen Menschen dringend Hilfe brauchen, sind vielfältig. Broschüren und Ratgeber können jedoch nicht auf alle individuellen Situationen eingehen.

Wer in einer verzweifelten Lage ist, wisse oft nicht, an welche Stelle man sich wenden könne, sagt Andreas Exenberger, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Innsbruck. Dazu komme, dass etliche Betroffene zusätzlich mit Sinnesbeeinträchtigungen oder Sprachproblemen zu kämpfen hätten. „Kaum jemand wird in einer solchen Situation beispielsweise nach einer ,Delogierungs-Präventionsstelle‘ suchen.“ Sondern man hat das konkrete Problem, die Miete nicht mehr zahlen zu können und nicht zu wissen, was man tun soll. „Es geht darum, wie diese Person letztendlich zur Delogierungs-Präventionsstelle kommt.“

Exenberger leitet ein Forschungskonsortium, das sich zum Ziel gesetzt hat, Personen, die soziale Unterstützungsleistungen brauchen, Informationen auf möglichst flexible und niederschwellige Weise an die Hand zu geben. Die Flexibilität könne dabei durch neue digitale Werkzeuge – Apps, Web-Anwendungen oder offene Schnittstellen – erreicht werden, die Niederschwelligkeit durch einen nutzerorientierten Ansatz, sogenanntes Service-Design-Thinking.

Ein digitaler Wegweiser

Die Zielgruppe soll in die Entwicklung miteingebunden werden. „Wir wollen nicht ein schönes Werkzeug für Wissenschaftler entwickeln, sondern eines, das von den Lebensrealitäten der Betroffenen ausgeht. Daher brauchen wir sie dringend im Entwicklungsprozess“, so Exenberger. Dementsprechend sind in dem Konsortium 14 Sozialeinrichtungen aus den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg als Projektpartner vertreten. Dazu kommen die vier Forschungsorganisationen (Universität Innsbruck, Fachhochschule Vorarlberg, IFZ Salzburg, Management Center Innsbruck), die das Vorhaben wissenschaftlich betreuen. Mit im Boot sind außerdem drei Unternehmen aus der IT-Branche. Denn das zweite große Ziel neben der Entwicklung eines neuen Services für die Nutzer ist, Erkenntnisse über Digitalisierung im sozialen Bereich zu gewinnen – über deren Chancen, aber auch Grenzen.

Grundlage des von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG finanzierten dreijährigen Projekts ist das Modell eines Sozialroutenplans. Es handelt sich dabei um eine Art Wegweiser durch soziale Angebote, wie er bereits in gedruckter Form für die Städte Innsbruck und Salzburg existiert. Zwar werde man auch in Zukunft Print-Versionen dieses Produkts brauchen, da es für viele Betroffene sehr wesentlich sei, eine Broschüre in Händen halten und durchblättern zu können, so Exenberger. Dennoch dürfte ein Sozialroutenplan in digitaler Form manchen Mehrwert bieten. Er könnte flächendeckend für ein gesamtes Bundesland designt werden. Informationen über Beratungsstellen könnten mit aktualisierbaren Schilderungen der Angebote und Voraussetzungen sowie der rechtlichen Rahmenbedingungen verknüpft werden.

Die große Herausforderung ist dabei, den Spagat zwischen Aktualität und Qualität zu meistern. Das digitale Produkt bietet zwar gegenüber dem Printprodukt den Vorteil leichterer Aktualisierbarkeit, aber auch die Gefahr geringerer Zuverlässigkeit. Fehlleitungen oder „tote Links“ müssten, so Exenberger, jedoch vom Konzept her ausgeschlossen sein. Eine Folgeinfrastruktur zu erschließen ist ebenso Teil des Projektplans. Sie soll so dezentral und schlank wie möglich organisiert werden, aber qualitätsgesichert und redigierbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2021)