Parteitage sind oft Hochämter der Heuchelei. Hohe Zustimmungsraten sagen nichts über künftige Chancen der Gewählten auf eine Führung ohne Querschüsse aus.
Parteivorsitzende werden in Österreich seit jeher traditionell ohne Gegenkandidaten gewählt. Echte Wahlen zwischen zwei Persönlichkeiten sind die absolute Ausnahme. So hat sich eine Obsession entwickelt, jedes Wahlergebnis unter 90 Prozent als Schwächung und/oder Uneinigkeit in der Partei zu interpretieren. Deshalb werden ehrliche Ergebnisse auch so gefürchtet. Am besten wäre immer ein Ergebnis von 100 Prozent – ein Hauch von Sowjetunion seinerzeit und Diktaturen jetzt. Widersinnig in einer Demokratie eigentlich. Bejubelte 97, 98, 99 Prozent sind oft nichts wert. Das hat sich etwa 2019 bei der Wahl Norbert Hofers zum FPÖ-Chef gezeigt.
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Im „Presse"-Podcast zu Gast ist Innenpolitikexperte Thomas Prior zur SPÖ. Gleich hier zum Nachhören:
Oder bei jener Pamela Rendi-Wagners 2018 zur Vorsitzenden der SPÖ. Parteitage können auch zu Hochämtern der Heuchelei verkommen. So wird auch heute, Samstag, beim Parteitag der SPÖ die Zustimmungsrate zu Rendi-Wagner wenig bis gar nichts über ihre Chancen als Spitzenkandidatin bei der nächsten Wahl aussagen. Die entscheidende Frage ist ab heute: Kann Rendi-Wagner ihr Image der zwar fleißigen, beharrlichen und in Gesundheitsfragen kompetenten Ärztin ohne erkennbares Gespür für den politischen Betrieb noch ändern?