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Literatur

Nachtgebet des Katers Willibald: Adolf Holl, aus dem Nachlass

Adolf Holls Fragment „Leibesvisitationen“ gibt noch einmal exemplarisch Einblick in seine Denkweise.

Für den „Leib“ hat sich Adolf Holl spätestens dann zu interessieren begonnen, als ihm die katholische Kirche eine bestimmte leibliche Betätigung untersagte. Seither gehörten Sex und Religion für ihn untrennbar zusammen. In etlichen seiner Werke kommt das Thema mehr oder weniger direkt vor. In den letzten Jahren seines Lebens hat er sich noch einmal damit beschäftigt und an einem Manuskript mit dem Titel „Leibesvisitationen“ gearbeitet. Die zunehmende Demenz verhinderte eine Fertigstellung.

Nun hat der Nachlassverwalter Walter Famler das Fragment mit einem empathischen und kenntnisreichen Nachwort von Peter Strasser in edler Ausstattung als Privatdruck in 399 Exemplaren herausgegeben, 333 davon nummeriert. Noch einmal behandelt Holl darin seine Lebensthemen – auf seine handfeste Art. Zeitlebens gehörte es zu Holls theologischem Programm, gegen das Erhabene, gegen alle „philosophischen und ästhetischen Konzepte des ,Heiligen‘“, wie Strasser schreibt, einzuschreiten. Die erzeugten für Holl jenen religiösen Fundamentalismus und jene Frömmelei, gegen die er zeitlebens ankämpfte. Allergisch reagierte er zum Beispiel auf das Wort Spiritualität. Freilich nicht, ohne verschmitzt einem Wunderglauben anzuhängen. Das war einer der produktiven Widersprüche des Adolf Holl.

Die „Leibesvisitationen“ sind nun ebenso wenig ein konziser philosophisch-theologischer Entwurf wie sein ganzes Werk. Holl war kein Hegel, sondern eher ein Lichtenberg, ein fragmentarischer Denker. Sein nachgelassenes Buch sollte deshalb auch nicht als Vermächtnis gelesen werden, sondern als Anregung. Anregend ist es zum Beispiel, wenn Holl am Beginn mit Hingabe die Zubereitung einer Einbrennsuppe schildert. Gerade wenn der Geist schwach ist, man etwa mit Kopfweh aufwacht, kann die Stärkung des Körpers helfen. Und wenn die „Kopfschmerzen nach Einnahme des Süppchens verschwinden, hat sich das Leben zum Besseren verändert“, so die profane Theologie des Adolf Holl. Das Kochen einer Suppe ist für ihn nicht gerade ein Akt der Anbetung, aber er hat in gewisser Weise doch etwas Liturgisches.