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Buch der Woche

Ann Petry: Hau lieber ab, Johnnie

Ann Petry (1908–1997), fotografiert von Carl Van Vechten.
Ann Petry (1908–1997), fotografiert von Carl Van Vechten.Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale
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Ein bisschen fies, nein, ziemlich fies: Im 1947 erstmals erschienenen, jetzt wiederentdeckten Roman „Country Place“ schreibt Ann Petry lustvoll von Betrug, Intrige und Mord in einer typisch US-amerikanischen Kleinstadt.

Der Taxifahrer heißt Wiesel, und so, wie ihn Ann Petry beschreibt, ist er einem auf Anhieb unsympathisch. Er hat ein „Frettchengesicht mit eng stehenden Augen“. Eine verbeulte Kappe sitzt falsch herum auf dem Kopf und ist „eigentlich hellgrau, aber stellenweise nachgedunkelt von Fett und Schweiß“. Hinter einem Ohr klemmt eine Zigarette. Und wenn er den Mund aufmacht, hört man besser weg. Er ist ein Meister der Intrige. Und des Tratsches. Er weiß genau, was vorgeht in dem kleinen Ort namens Lennox, und er weiß dieses Wissen zu nutzen, nicht unbedingt zu seinem eigenen Vorteil, aber zumindest zum Nachteil anderer. Das reicht ihm.

Nein, mit dem – fast durchgehend weißen – Personal im 1947 erschienenen Roman von Ann Petry wollte man im realen Leben nicht gerne zu tun haben. Da wäre der Kerl, der seine Frau vergewaltigt. Der Schwerenöter, der die verheiratete Damenwelt des Dorfes verführt. Eine alternde Schönheit angelt sich noch rasch einen reichen Erben, eine Matrone lässt ihren Sohn nicht aus den Fängen und schikaniert die Schwiegertochter. Und schließlich gibt es da noch den Apotheker: Er ist als Erzähler vorgeschaltet und gesteht dem Leser freimütig seine tief sitzende Misogynie. Weibliche Wesen sind ihm zuwider – nur für seine Katze Banana macht er eine Ausnahme.

Kommen deshalb die Frauen in diesem Buch ganz besonders schlecht weg? Darüber darf man rätseln.

Lust an der Überspitzung

„Country Place“ war der zweite Roman von Ann Petry. Und sozusagen das Gegenstück zu ihrem Debüt: „The Street“ spielte in Harlem. Und alle wichtigen Charaktere waren schwarz. Im Mittelpunkt stand die alleinerziehende Mutter Lutie, die sich selbst und ihren Sohn durchzubringen versucht, eine junge Frau voller Träume, mit einer gesunden Portion Ehrgeiz und einer ordentlichen Portion Abgebrühtheit. Die dann doch nicht reicht. Fast niemand ist abgebrüht genug für das Harlem der 1940er-Jahre, wo die Männer sich die Arbeitslosigkeit schön trinken, die kleinen Buben sich als Schuhputzer verdingen und manch einer als letzte Hoffnung einen selbst ernannten Heiler aufsucht. Der mit ein paar freundlichen Worten hilft. Die gibt es eben nicht umsonst.

Auch hier begegnete man so richtigen Widerlingen. Etwa einem Halbweltler, der Lutie eine Stelle als Sängerin im Casino verspricht. Damit wäre sie alle Sorgen los! Aber was verlangt er als Gegenleistung? Wie weit kommt sie ihm entgegen?