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Ex-Jugoslawen in Wien: Schon lange keine Feinde mehr

Die Kriege am Balkan sind noch nicht aufgearbeitet, aber wirken sie auch in Wiens ex-jugoslawischen Communities nach? Alte Wunden sind da und brechen bei Fußballspielen mitunter auf, doch meistens überwiegen die Gemeinsamkeiten.

Warum gerade die Ottakringer Straße Wiens Balkanmeile sein soll, versteht Dina Stanković nicht so ganz: Genauso oft wie Bosnisch, Serbisch oder Kroatisch höre man die Leute dort Deutsch oder Türkisch sprechen. „Aber auf der Märzstraße im 15. Bezirk, dort ist ein Balkangefühl.“ Die 24-Jährige Serbin studiert seit fünf Jahren in Wien. Sie gehört somit zur allerjüngsten Einwanderungswelle aus dem Balkan. Jener aus jungen Studierenden, die mit einer Hoffnung auf bessere Zukunftsperspektiven nach Wien kommen.

Menschen mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien sind in Wien nicht mehr wegzudenken. 102.000 Wiener stammen aus Serbien, 40.000 aus Bosnien und 28.000 aus Kroatien. Nimmt man die zweite und dritte Generation hinzu, ist die Zahl der balkanstämmigen Personen noch deutlich größer. Einst als Gastarbeiter oder Flüchtlinge hergekommen, führen sie mittlerweile die Staatsoper oder sitzen an der Spitze der Justiz. Und doch sind sie oft noch die Fremden, die mit den unaussprechlichen „-ics“ im Namen, oder die, die bei Fußballspielen austicken.

Wenn wie bei der Fußball-WM 2018 auf der Ottakringer Straße Kroaten und Serben aneinandergeraten oder Marko Arnautovic die albanische Mutter seines Gegenspielers beleidigt, scheinen die alten Gräben wieder aufzubrechen. Doch wie sehr wirken die – 30 Jahre, nachdem mit der Unabhängigkeit Sloweniens der Zerfall von Jugoslawien eingeläutet wurde – noch nach? Welche Spannungen existieren immer noch zwischen den verschiedenen Communities in Wien?

In ihrem Freundeskreis, der zum Großteil aus Wienern mit kroatischen, bosnischen oder serbischen Wurzeln besteht, erlebt Stanković das nicht. Auch in ihrer Familie, teilweise schon lang in Wien, seien ethnische Zugehörigkeiten kein Thema, ein Onkel sei etwa mit einer bosnischen Kroatin verheiratet. „Das war immer normal. Eigentlich sollten wir zusammenhalten und nicht das Bild in die Welt schicken, dass wir Gegner sind.“


Alte Wunden. Ähnlich sieht es Alberta. Es seien oft nur wenige, die aneinandergeraten. „Und die reden auf einmal für die ganze Kulturgruppe. Das ist einfach schade“, sagt die 26-Jährige. Gegen die Vorurteile komme man oft gar nicht an, so auch bei Arnautovic: Er habe seinen Fehler eingesehen und sich entschuldigt. Und trotzdem gehe die Diskussion in Richtung: „Nie ist Frieden, immer bekämpfen sie einander.“

Doch dass Konflikte und noch nicht verheilte Wunden mitunter aufbrechen, verwundert die im Kosovo geborene Wienerin nicht: „Es ist sehr viel Schmerz da.“ Viele Familien hätten Fluchterfahrungen gemacht oder Schlimmeres: „Ich habe zum Glück niemanden verloren, aber viele haben damit bis heute zu kämpfen.“

In ihrer Familie sei der Krieg nie groß diskutiert worden. Ihre Großeltern, Onkel und Tanten mussten flüchten, sprechen aber nur wenig davon: Eine Mischung aus Verdrängung und dem Glauben, schon abgeschlossen zu haben, vermutet Alberta. „Aber sobald eine Erinnerung hochkommt, wird es sehr emotional.“ Wie bei ihrer Oma, die die Hamsterkäufe vor dem ersten Lockdown in die Kriegssituation von damals zurückversetzten. Vor diesem Kontext verstehe man dann auch, was ein Kommentar am Fußballplatz auslösen kann, sagt Alberta.

Wissen fehlt. Was würde helfen? Bewusstsein zu schaffen, und viel mehr Wissen über die eigene Geschichte, glaubt sie. In der Schule lerne man nichts darüber, sie selbst habe sich erst beim Politikwissenschaft-Studium mit der Geschichte Jugoslawiens und dem Krieg auseinandergesetzt: „Wenn man zum Beispiel an Srebrenica denkt: Viele Kinder wissen nicht, was da passiert ist, oder wie es dazu kommen konnte.“

Auch Stanković zufolge gehen Rivalitäten innerhalb der ex-jugoslawischen Community von jenen aus, „die überhaupt keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht. Sie haben eine Geschichte gehört, oder sind erzogen worden, dass es so sein sollte zwischen den Ex-Yugos“.

Die Balkankriege seien noch lang nicht aufgearbeitet, bestätigt der Politologe Vedran Džihić. „Egal, wen man fragt, die Kroaten, die Serben, alle waren die großen Opfer. Niemand sagt: Wir waren Täter. Diese Einsicht fehlt noch.“ Die politischen Eliten in den jeweiligen Ländern seien gefragt, Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Doch stattdessen würden Spannungen politisch genährt, instrumentalisiert und reproduziert. „Diese Dinge gehen nicht spurlos an der Diaspora vorüber. Das spiegelt sich wider.“

 

Gerade bei emotionalisierten Ereignissen wie Fußballspielen würden diese dann auf die Spitze getrieben. „Die Energien bahnen sich einen Weg nach außen“, sagt Džihić. Aber: „Es ist eine Minderheit, die sich daran aktiv beteiligt.“ Das merkt Džihić, selbst mit bosnischen Wurzeln, auch in seinem eigenen Umfeld: „Ich spiele Basketball in einer ex-jugoslawischen Mannschaft, aus allen Teilen der Region.“ Nicht einmal „einen Anflug einer Auseinandersetzung“ habe er je erlebt.

Von großen Spannungen in der ex-jugoslawischen Community könne also keine Rede sein. Vor allem auch deshalb, weil diese so divers ist.

Das betont auch die Soziologin Ana Mijić: „Es ist nicht gewinnbringend, von Communities zu sprechen, zumindest nicht anhand ethnischer Grenzen.“ Es gebe andere Unterscheidungsmerkmale, die die Realität viel eher abbilden würden: Der Bildungsgrad, die ökonomischen Ressourcen, das Alter, die Migrationserfahrung oder der Zeitpunkt, „wann diese Menschen nach Österreich gekommen sind“. So habe ein ehemaliger Gastarbeiter aus den 1960er-Jahren oft wenig gemeinsam mit einem Flüchtling, der in den 1990er-Jahren nach Wien gekommen ist, selbst wenn beide bosnischer Herkunft sind.


Gemeinsam fremd? Gemeinsamkeiten gebe es dennoch, sagt Mijic. Etwa die Erfahrung, in Österreich als nicht komplett zugehörig wahrgenommen zu werden, auf den Migrationshintergrund reduziert werden.

„Jene, die hier geboren sind, sind davon besonders hart betroffen: Sie sind hier sozialisiert, gehen hier zur Schule, und trotzdem werden sie stets gefragt: ,Woher kommst du eigentlich?'“

Als Reaktion darauf würden manche sich erst recht darauf konzentrieren, „als richtige Serbin oder richtiger Kroate betrachtet zu werden“. Je nachdem, aus welchem Milieu man komme, könne das in einen ausgeprägten Nationalismus münden.

„Wenn der Migrationshintergrund stets problematisiert wird, wenn man hört, dass das Virus vom Balkan kommt, kann das die Abgrenzung verstärken“, sagt auch Džihić.

Diese Erfahrungen der Ausgrenzung haben auch etwas Verbindendes, können zu einem Gemeinschaftsgefühl führen, sagt die Soziologin. Nicht ohne Grund verwenden viele Wiener das oft als Schimpfwort verwendete „Yugo“ als Selbstbezeichnung.

„Man hält zusammen, hilft sich einfach, und schaut nicht, ob der aus Serbien oder Bosnien kommt.“ Wobei das nicht nur für Menschen vom Balkan gelte, sondern für „alle Personen die rassistisch markiert werden“, glaubt sie. „Das ist das, was uns leider vereint, und weshalb wir immer zueinander stehen sollten.“