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Achtelfinale

Harry Kane, der englische Strafraum-Patient

Der Blick in das Gesicht von Harry Kane verheißt nichts Gutes, Englands Stürmerstar blieb bei dieser EM bislang weit hinter den Erwartungen zurück.APA/AFP/JUSTIN TALLIS
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Kane gilt seit Jahren als einer der besten Torjäger der Welt, doch ausgerechnet vor dem Schlagerspiel gegen Deutschland wirkt er gehemmt. Englands Kapitän steht vor einem Dilemma, das weit über die EM hinausgeht.

London/Wien. Harry Kane sitzt im Büro von José Mourinho. Der Starcoach hat gerade Kanes Stammklub, Tottenham Hotspur, übernommen und erzählt seinem Topstürmer von seinen Plänen, Titel zu gewinnen. Dazu will er auch Kane in neue Sphären der Fußball-Popularität führen, die Riege der Größten dieses Sports schwebt ihm vor. Kane hört zu, dann sagt er: „Das ist mein Ziel. Wir haben uns hier gut geschlagen, ich habe mich gut geschlagen, aber ich möchte da hin, wo Ronaldo und Messi sind.“

Die Unterredung datiert aus der Saison 2019/20, zu sehen ist sie in „All or Nothing: Tottenham Hotspur“ (Amazon Prime). Kane war seither wieder einmal Torschützenkönig der Premier League, aber die Spurs stagnierten, auch mit Mourinho gelang kein Titel. Doch würde Kane nun bei dieser EM die englische Nationalmannschaft zum ersten Titel seit fast 60 Jahren schießen, noch dazu als Kapitän, der 27-Jährige wäre nicht nur im Mutterland des Fußballs eine Legende, so nahe wäre Ronaldo oder Messi schon lang niemand mehr gekommen.

Es war auch alles angerichtet für Kanes Aufstieg in den Fußball-Olymp. Das Londoner Wembley-Stadion garantiert englische Heimspiele, an seiner Seite die beste Auswahl der „Three Lions“ seit Jahren, er selbst in Topform und mit dem Achtelfinalduell gegen Deutschland (18 Uhr, ORF1, ARD) wartet auch noch die ganz große Bühne für ein neues Kapitel Fußballhistorie.

Torflaute oder Kalkül?

Doch Kane zündet bisher nicht. Sonst an Präsenz kaum zu übertreffen, wird er von den Mitspielern kaum gefunden, erhält wenig Bälle. EM-Tor gelang dem Schützenkönig der WM 2018 noch keines. England rätselt also. Ist es der angeblich anstehende Transfer zu Meister Manchester City, der ihn mit kolportiert 100 Millionen Pfund Ablöse (117 Mio. Euro) zum teuersten englischen Fußballer der Geschichte machen würde?

Die Summe dürfte Kane dabei weniger beeindrucken. Vielmehr, dass er Tottenham, seinem Herzensklub, den Rücken kehren würde. Kane avancierte zum Star des Teams, das er als Kind anfeuerte. Mauricio Pochettino formte ihn hier zu einem Anführer und einem der besten Torjäger der Welt, er stand mit den Spurs im Champions-League-Finale und alles, was man über Kane abseits des Platzes weiß, legt nahe, dass ihn ein solcher Wechsel alles andere als kalt lassen würde.

Auch wenn es nicht besonders viel ist, was man über Kane weiß, schließlich meidet der Starstürmer das Rampenlicht. Die „New York Times“ hat es vor der EM zusammengetragen: Er wuchs in Chingford, Essex, auf, heiratete seine Jugendliebe, führt eine skandalfreie Ehe, hat drei Kinder. Er besuchte dieselbe Schule wie David Beckham, eines seiner Idole (als Fußballer, nicht als Popstar). Er interessiert sich für die NFL, sah „The Last Dance“ über Michael Jordan und die Chicago Bulls und vertreibt sich die Zeit mit Golfen und „Game of Thrones“. Sein Bruder Charlie ist sein Agent, er unterstützt zahlreiche wohltätige Organisationen und ist Trikotsponsor von Viertligist Leyton Orient, seinem ersten Profiklub, dem er so durch die Pandemie geholfen hat.

"Genauso wollte ich es"

Vor allem aber weiß Kane: Will er große Titel gewinnen, muss er Tottenham verlassen. Selbst Mourinhos Glanz verblasste an der White Hart Lane, und noch immer haben die Spurs keinen Trainer für die neue Saison.

All das muss Kane nun während der EM ausblenden. Er liest keine Zeitungen, schaut kaum Nachrichten und hat keinen Kontakt zu seinem Verein. Hinzu kommt: Wegen seiner Torlosigkeit steht er gegen Deutschland nun besonders unter Druck.

Kane selbst aber kann seinen bisher schwachen EM-Leistungen sogar etwas Positives abgewinnen. „Bei der WM in Russland habe ich direkt zu Beginn viele Tore gemacht, war in den wichtigen Spielen danach aber vielleicht nicht in Topform. Dieses Mal wollte ich sicherstellen, dass ich zur richtigen Zeit auf dem Höhepunkt bin“, sagt er. „Am Dienstagabend werde ich körperlich in meiner besten Form bei diesem Turnier sein, und genauso wollte ich es auch.“


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