Michelangelo
Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe des Genies
Die Wiener Albertina widmete sich 2010 einem Giganten der Kunstgeschichte: Michelangelo. Seit mehr als zwanzig Jahren wurde keine internationale Ausstellung über den Renaissance-Künstler in diesem Ausmaß gezeigt: Über 100 Zeichnungen, Skizzen und Entwürfen wurden zusammengetragen - aus der hauseigenen Sammlung, aus den wichtigsten Museen der Welt und aus Privatbesitzen. Im Bild: Männlicher Rückenakt (Verso), um 1504 © Albertina, Wien
© Albertina, Wien
In chronologischer Abfolge erklärt die Schau die Entwicklung des Zeichenstils des 1475 in Caprese geborenen Michelangelo Buonarroti. Durch welche Entwurfsphasen sich der Bildhauer, Architekt und Maler, der die Skulptur über alle anderen Kunstformen stellte, bei seinen wichtigsten Hinterlassenschaften arbeitete, wird anhand von geschlossenen Werkgruppen erläutert. Im Bild: Madonna mit Kind, 1520-25 © Casa Buonarroti, Florenz
© Casa Buonarroti, Florenz
So werden viele der zahllos erscheinenden Bewegungsstudien männlicher Akte präsentiert, sowie Vorzeichnungen zu den Mediceer-Gräbern oder den revolutionären Fresken in der Sixtinischen Kapelle in Rom gezeigt. Im Bild: Vier Studien für die Figur des gekreuzigten Haman (Recto), um 1512 © The British Museum, London
© The British Museum, London
"Wir wollten die gesamte Schaffenszeit abdecken" - bei Michelangelo sind das 75 Jahre - so Kurator Achim Gnann. Dass dennoch nur rund 600 Zeichnungen von Michelangelo bekannt sind - "es müssten 20.000 bis 30.000 sein", so Gnann - liegt nicht zuletzt daran, dass der Meister selbst viele vernichtete. In dreieinhalbjähriger Vorarbeit hatten sich Gnann und seine Assistentin Gisela Fischer mit der Zeichenkunst des Genies auseinandergesetzt. Im Bild: Der auferstandene Christus, um 1532 The Royal Collection © 2009, Her Majesty Queen Elizabeth II
The Royal Collection © 2009, Her Majesty Queen Elizabeth II
Er bediente sich an den Mythen der Antike, doch stets beziehen sich Michelangelos Studien des Körpers "auf die Realität, auf das Modell", erklärt Gnann. Voller Kraft, voller Größe, voller Spannung stellte er ihn dar, in jedem Muskel, und drückt im Anatomischen eine ungeheuerliche Spannbreite innerer Zustände und seelischer Vorgänge aus. Im Bild: Studien für die"Libysche Sibylle" (Recto), 1511/12 © The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz
© The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz
In seiner gesamten Schaffensperiode blieb Michelangelos Interesse am menschlichen Körper ungebrochen. Die Schau spannt den Bogen von der frühest erhaltenen Zeichnung von 1492 - eine Giotto-Kopie des 17-jährigen Michelangelos - bis zu seiner späten Schaffensperiode. Darin beschäftigte sich der Künstler intensiv mit Kreuzesdarstellungen und dem Tod. Im Bild: Christus am Kreuz mit Maria und dem heiligen Johannes, 1555-1564 ©The British Museum, London
©The British Museum, London
Neben seinem Blick für den menschlichen Körper behandelt die Ausstellung auch Michelangelos Zusammenarbeit mit seinem Lehrer Domenico Ghirlandaio oder die nicht unkomplizierte Beziehung zu seinem Schüler Sebastiano del Piombo. Im Bild: Die Bestrafung des Tityos (Recto), 1532 The Royal Collection © 2009, Her Majesty Queen Elizabeth II
The Royal Collection © 2009, Her Majesty Queen Elizabeth II
Auch bei seinen großen Aufträgen, wie etwa den Fresken der Sixtinischen Kapelle, hat Michelangelo "jedes Detail herausgezeichnet", um alles möglichst rasch einer Lösung zuzuführen", so Kurator Gnann. Oftmals finden sich viele kleine Skizzen auf einem Blatt, als "geizte er mit jedem Papierfleck". Im Bild: Brustbild einer Madonna im Profil, das auf einem Kissen liegende Christuskind und andere Studien, 1503/04 ©Staatliche Museen, Kupferstichkabinett, Berlin
©Staatliche Museen, Kupferstichkabinett, Berlin
"Michelangelo", dieser Name bedeutet nicht nur jahrhundertelang ungebrochene Faszination, er steht auch für "ein ganz neues künstlerisches Selbstverständnis", meinte Albertina-Direktor Klaus-Albrecht Schröder. Nicht mehr Handwerker, nicht mehr Günstling, "verzichtet er auf alle Titel, alle Auszeichnungen, fühlt sich den Fürsten nicht ebenbürtig, sondern steht über all dem, der Idee allein verpflichtet". Im Bild: Sitzender Jünglingsakt und zwei Armstudien, (Recto), um 1511 © Albertina, Wien
© Albertina, Wien
Aus dieser Prägung des modernen Künstlerbegriffs leite sich auch der Untertitel "Zeichnungen eines Genies" ab. Denn gerade in der Zeichnung als "Verdichtung der Idee eines Kunstwerkes" käme "das Ganze" des genialen Künstlers zum Tragen, unterstrich Schröder. Im Bild: Studie eines gesenkten Kopfes sowie Detail der Augenpartie, 1529/30
© Casa Buonarroti, Florenz
Dass manche, gerade in den Tagen vor der Eröffnung laut gewordene Kunsthistoriker die Echtheit von einigen Zeichnungen infrage stellen - davon betroffen ist auch der Großteil jener acht Blätter, die sich im Besitz der Albertina befinden - ist für Gnann allerdings "kein Richtungsstreit" der Kunstgeschichte, wie er hervorhob. Im Bild: Pietà, um 1530-36 © Albertina, Wien
© Albertina, Wien
"Die Zweifler beschränken sich auf zwei oder drei, unsere Ansicht, die wir hier vertreten, ist ein breiter Konsens unter internationalen Forschern", so Gnann. Im Bild: Studie einer männlichen Aktfigur, separate Studie ihres Kopfes (Recto), 1534-1536 © Teylers Museum, Haarlem
© Teylers Museum, Haarlem
Um Werkgruppen geschlossen darstellen, ihre Dimensionen veranschaulichen oder ihren Entstehungsprozess dokumentieren zu können, hat sich die Ausstellung bei nicht verleihbaren oder gänzlich verlorenen Werken auch an Kopien oder Abgüssen bedient. Im Bild: Drei stehende Männer in weiten Mänteln, um 1492-96 © Albertina, Wien
© Albertina, Wien
So entsteht das Grab des Papst Julius II mit Gipsabgüssen der Statuen, die im 19. Jahrhundert datieren, unter den Kopisten von verlorenen Zeichnungen Michelangelos finden sich Namen wie Peter Paul Rubens. Im Bild: Halbfigur der Kleopatra (Recto), um 1533 © Casa Buonarroti, Florenz
© Casa Buonarroti, Florenz
Werke aus fremden Händen werden auch mit Giulio Clovio, Daniele da Volterra und anderen Künstlern aus Michelangelos unmittelbarem Umfeld gezeigt.Im Bild: Madonna mit dem Christuskind und dem Johannesknaben, um 1533 © The British Museum, London
© The British Museum, London