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Afghanistan: Der sinnlose Krieg

Afghanistan
(c) EPA (S. SABAWOON)
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Präsident Karzai verhandelt mit den Taliban über ein Friedensabkommen und eine Regierungsbeteiligung. Militärisch sind die Taliban offenbar kaum noch zu besiegen. Den Preis dafür könnten die Frauen zahlen.

Für den Krieg in Afghanistan gab es gute Gründe: Die islamistischen Taliban hatten nicht nur ein freudlos-barbarisches Regime errichtet, in dem Mädchen nicht zur Schule gehen durften und Frauen hinter Ganzkörper-Burkas verschwinden mussten. Sie hatten auch al-Qaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährt, der von den Ruinen des Bürgerkriegslands aus seine Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York plante.

Trotzdem könnte der Militäreinsatz in Afghanistan, der nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 so notwendig erschien, als einer der sinnlosesten Kriege aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Denn neun Jahre nach ihrem Sturz stehen die Taliban vor einer Rückkehr an die Macht. Die afghanische Regierung von Präsident Hamid Karzai hat nach Angaben der „Washington Post“ geheime Verhandlungen mit den militanten „Koranschülern“ aufgenommen, um den Krieg am Hindukusch zu beenden. Ziel soll ein umfassendes Abkommen sein, das eine Regierungsbeteiligung der Islamisten und einen Abzug der internationalen Truppen vorsieht. Eingebunden in die Gespräche mit Karzais „Friedensrat“ ist diesmal angeblich auch die „Quetta Shura“ von Taliban-Führer Mullah Omar.

 

Obama sucht einen Ausweg

Die Vermittlung läuft über Saudiarabien, das die Herrschaft der Taliban schon von 1996 bis 2001 anerkannt hat. Von US-Seite dürfte volle Rückendeckung kommen. Präsident Barack Obama sucht einen Ausweg aus dem teuren Krieg. Er hat sich festgelegt: Spätestens im Juli 2011 soll der Abzug der amerikanischen Truppen beginnen. Die jüngste Offensive hat keine entscheidende Wende gebracht. Militärisch sind die Taliban offenbar kaum noch zu besiegen.

Die Schwierigkeiten mehren sich, vor allem auch im benachbarten Pakistan. Am Mittwoch griffen dortige Taliban neuerlich einen Konvoi an, der die Nato in Afghanistan mit Treibstoff beliefern sollte. 25 Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Es ist die sechste derartige Attacke auf Tanklaster der Alliierten in weniger als einer Woche.

Zudem schneiden die pakistanischen Grenzbehörden der Nato seit Tagen die wichtigste Nachschublinie am Khyber-Pass ab. Aus Protest gegen einen Luftschlag, dem pakistanische Soldaten zum Opfer gefallen waren. Wie nun bekannt wurde, töteten die Amerikaner in einem dieser Angriffe mit unbemannten Drohnen Anfang September im Nordwesten von Pakistan auch Abdul Jabbar, einen britischen Staatsbürger, der als neuer Europa-Chef des Terrornetzwerks al-Qaida gegolten hatte.

Schon zu Beginn des Vorjahres hatte Washington Verhandlungsbereitschaft in Afghanistan signalisiert. Ins Boot wollte man damals lediglich „gemäßigte“ Taliban holen, wobei nicht ganz klar war, wen man sich unter dieser Spezies vorzustellen hatte. Mittlerweile halten es die Amerikaner offenbar für zielführender, direkten Kontakt zu Gefolgsleuten von Mullah Omar aufzunehmen, auf dessen Kopf sie schon vor Jahren ohne Erfolg fünf Millionen Dollar ausgesetzt hatten.

Isoliert bleiben sollen indes die mit den Taliban verbündeten Rebellen von Maulvi Jalaluddin Haqqani. Urheber dieser Spaltungsstrategie dürfte US-General David Petraeus sein, der mit einer ähnlichen Methode Erfolg im Irak hatte.

 

„Aufgebrachte Brüder“

Bleibt die Frage, wer den Preis dafür zahlen muss, wenn die US-Armee Kabul verlässt und Afghanistans korrupter Präsident die „aufgebrachten Brüder“, wie er die Taliban nennt, zu einem Comeback einlädt. „Wir werden immer an eurer Seite stehen“, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton im Mai in Washington zu einer Gruppe afghanischer Frauen in Karzais Delegation. So sicher kann man sich da wohl nicht mehr sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2010)