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"Godzilla vs. Kong": Das Spektakel schlägt zurück
Kino

Von „Godzilla" bis „Space Dogs“: Ein Wegweiser durch die Filmstarts

Die Öffnungsfreude hat die Filmbranche erfasst: Studios und Verleiher feuern aus vollen Rohren, den Kinos beschert das nun einen Filmstartrekord. Ein Überblick über die neuen Filme.

Die Dämme sind gebrochen, die Kinos überschwemmt. Weniger mit Zuschauern – es ist Sommer! – als mit Filmen: Diese Woche schwappt eine wahre Flut an Filmstarts in die Lichtspielhäuser. Altes und Zurückgehaltenes aus der Arthaus- und Festivalwelt konkurriert mit relativ frischer Blockbuster-Ware – und mit der startenden Sommerkinosaison. Ob Sie nun Gelegenheitszuschauer oder Hardcore-Cineast sind: Wir helfen Ihnen, den Überblick zu bewahren, und empfehlen Gustostücke aus dem überbordenden Angebot.

„First Cow“ - Kelly Reichardts filigraner Neo-Western über Freundschaft, Mensch und Kuh

Die Tierwelt ist wieder groß im Kommen: Verstärkt wird Fauna zum Dreh- und Angelpunkt (oder gar Protagonisten) künstlerisch ambitionierter Filmprojekte. Meist verfolgen diese einen Ansatz, der dem des familienfreundlichen Dauerbrenners „Ein Schweinchen namens Babe“ ähnlich ist: Sie üben sich in Vermenschlichung, gehen dabei aber raffinierter vor. Viktor Kossakovskys Bauernhofdoku „Gunda“ (die bei uns am 3. 9. starten soll) stellt etwa Säue, Hühner und Kühe in den Mittelpunkt und versucht, ihnen (soweit es geht) auf Augenhöhe zu begegnen, ohne ihre unleugbare Un-Menschlichkeit auszublenden. Der oscarprämierte Netflix-Hit „My Octopus Teacher“ fantasiert sich sogar ins Innenleben einer Krake hinein.

Einer der besten Beiträge zu dieser Tierfilmwelle feierte schon 2019 Premiere bei der Berlinale – und läuft nun regulär bei uns an: Kelly Reichardts „First Cow“. Nach dem feministischen Roadtrip „Meek's Cutoff“ (2010) ist es bereits die zweite WesternRevision der US-Regisseurin. Sie spielt im Oregon des 19. Jahrhunderts und handelt vom sensiblen Koch Otis (John Magaro), der unterwegs mit einem raubeinigen Trappertrupp über den flüchtigen Chinesen King-Lu (Orion Lee) stolpert. Die beiden beschließen, neue Wege abseits des harten Frontier-Alltags zu beschreiten. Die Milchkuh eines feingeistigen britischen Sklavenbesitzers (Toby Jones) spielt dabei eine tragende Rolle, ist zugleich Hoffnungssymbol und Naturanker.

Reichardts entspanntes und ästhetisch filigranes Abenteuer im Geiste von Jim Jarmuschs Klassiker „Dead Man“ bündelt vieles, was den progressiven Zeitgeist umtreibt, auf clevere, berührende, teils auch humorvolle Weise: Ökobewusstsein, Kapitalismuskritik, Fürsprache für Empfindsamkeit und Solidarität, die Neubetrachtung der US-Pionierzeit aus der Perspektive Marginalisierter. Zuweilen kippt das Ganze fast ins Preziöse, wirkt aber nie aufgesetzt oder aufdringlich. Und funktioniert auch aufgrund des sympathischen Heldenduos. Nicht von ungefähr ist dem Film ein William-Blake-Zitat vorangestellt: „Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen Freundschaft.“ Die nächste Attraktion für den Kunstfilmzoo scharrt übrigens schon mit den Hufen: In Cannes präsentiert Andrea Arnold ihren neuen Dokumentarfilm „Cow“. Dreimal dürfen Sie raten, worum es darin geht. (and)

„Space Dogs“ - Ein Doku-Essayfilm aus Österreich: Auf den Spuren Laikas in den Straßen Moskaus

Kinomenagerie, die zweite: „Space Dogs“, ein poetisches Dokumentar-Essay der Kärntner Elsa Kremser und Levin Peter, gehört zu den wohl am öftesten im Zuge von Corona verschobenen heimischen Filmtiteln. 2019 in Locarno uraufgeführt, lief das Wunderding anschließend bei der Viennale – und hing seither in der pandemischen Warteschleife fest. Jetzt kommt es endlich ins Kino – eine rohe, melancholische Streunerballade, erzählt aus ungewöhnlichem Blickwinkel: Zumeist folgt die Kamera hier nämlich Moskauer Straßenhunden bei ihren Streifzügen durch unglamouröse Winkel der russischen Metropole, heftet sich an ihre Pfoten, bleibt über weite Strecken konsequent auf Hundehöhe. Und spinnt mithilfe einer genuin sowjetmystischen Erzählung, mit Märchenonkelstimme gesprochen vom Schauspielveteranen Aleksei Serebryakov (der übrigens im Actionfilm „Nobody“, siehe rechts, lustvoll den Gangsterendgegner gibt), eine berückende Rhapsodie über Hundeglück und Hundeelend – versetzt mit Archivaufnahmen aus der Zeit des Weltraumrennens, als Laika und Co. dem Forschergeist des Kalten Kriegs geopfert wurden. (and)

„Der Mauretanier“ - So wahr wie wunderlich: Mit sonnigem Gemüt durch die Hölle von Guantanamo

Wie lebensbejahend, ja leichtfüßig darf ein Spielfilm über Guantanamo sein? Mohamedou Ould Slahi war dort unschuldig inhaftiert, wurde gedemütigt und gefoltert, verklagte erfolgreich Amerika und saß doch 15 Jahre lang fest. Am Ende sieht man ihn in echt. Er hält seine in viele Sprachen übersetzte Autobiografie hoch – stolz, grinsend, einen Bob-Dylan-Song trällernd. Ein sonniges Gemüt, einer, der über kurz oder lang jedes Trauma überwindet.

Und genauso zeigt ihn Tahar Rahim im Film. „Der Mauretanier“ hält sich eng an Fakten und Memoiren und wird ganz von der überragenden Leistung dieses Schauspielers getragen. Alles andere ist Aktenwälzen, juristisches Ringen, belebt von einer kurios eindimensionalen Jodie Foster als Anwältin – extra trocken, knurrig, mit souverän kaschierter Emotion.

Regisseur Kevin MacDonald beschönigt nichts, aber er überzeichnet auch nicht, sucht Grautöne statt Schwarz-Weiß und verzichtet auf Effekthascherei. Selbst dem Ankläger und den Gefängniswärtern gewährt er ein paar menschliche Züge. „Der Mauretanier“ befeuert keinen ideologischen Furor und befriedigt auch nicht den Kunstanspruch von Cineasten. Aber er ist doch ein starker Film, weil er ein dunkles Kapitel amerikanischer Zeitgeschichte hell ausleuchtet – und zeigt, wie frei sich ein Mensch fühlen darf, der sich von nichts und niemandem den Lebensmut rauben lässt. (gau)

„Der Spion“ - Benedict Cumberbatch, back in the USSR: Ein Durchschnittstyp im Kalten Krieg

Benedict Cumberbatch als Mann, der beim Golfen das Loch auf zwei Meter Entfernung zu verfehlen scheint? Das ist vielleicht auch als Gag für ein Publikum gedacht, das diesen Schauspieler als zumindest kognitiv den Normalsterblichen weit überlegenen Sherlock kennengelernt hat. Hier spielt er einen Durchschnittsmenschen mit dem wenig prickelnden Job eines Handelsvertreters. Doch gerade weil er so unauffällig ist, wird er 1960 vom US-Geheimdienst als Kontaktmann für einen hochrangigen Sowjet angeworben, der offenbar aus Angst vor einem Atomkrieg wichtige Informationen preisgeben will.

„Der Spion“ (im Original „The Courier“) ist ein durch und durch konventioneller Kalter-Krieg-Film – inhaltlich, visuell, farblich wie musikalisch – mit einer schon lachhaft plakativen Darstellung der russischen Führung, wie man sie aus westlichen Filmen von vor 50 Jahren kennt. (Schlagen sich hier etwa reale Spannungen zwischen London und Moskau nieder?) Trotzdem kann man den Film durchaus genießen: Er ist gut gemacht und hat zwei exzellente Hauptdarsteller (neben Cumberbatch den teils in Wien lebenden gebürtigen Georgier Merab Ninidze), die die Entwicklung einer sympathischen britisch-russischen Männerfreundschaft vorführen. Also: why not? (sim)

„Godzilla vs. Kong“ und „Nobody“ - Die wuchtige Rückkehr des (Genre-)Spektakels mit Monstern und Bob Odenkirk

Schon im Lockdown hörte man die Filmmonster mit Riesenschritten nahen: „Godzilla vs. Kong“, bombastischer Breitwand-Schaukampf zwischen Echsengigant und Affentitan, stellte im April trotz seines zeitgleichen Erscheinens beim US-Streamingdienst HBO Max einen globalen Pandemie-Kassenrekord auf. Auch der Actionknaller „Nobody“ legte in dieser Zeit einen erfolgreichen Start hin – im Kino und als „Premium“-Stream. Am Freitag stürmen die beiden Krachbumm-Kanonaden auch heimische Leinwände. Und läuten die Spektakelfilmsaison mit Nachdruck ein.

„Godzilla vs. Kong“ frönt, passend zu seinen überdimensionierten, grobschlächtigen Hauptfiguren, hemmungslos der audiovisuellen (3-D-)Überwältigung. Die überrollt einen zwar wie eine Walze, ist aber erfreulicherweise alles andere als lieblos. Im Geiste der japanischen „Godzilla“-Filmreihe wird hier jede Monsterrauferei zu einer wuchtigen Nummer für sich (mit gewitzten Details: Kong wirft Militärjets wie Darts auf seinen echsenhaften Widersacher). Die Möglichkeiten des Digitalen werden dabei voll ausgeschöpft: Eine körperlose Kamera schlägt Purzelbäume und dreht irre Kapriolen, ein Abstecher ins geheime Innere der (hohlen) Erde gerät zum Streifzug durch erlesene Desktophintergrundpanoramen einer urzeitlichen Anderswelt. Statt des abgründigen Zynismus seiner Horrorfilme setzt Regisseur Adam Wingard („You're Next“) hier zeitgeistkonform auf eine erbauliche Ökobotschaft und Holzhammerkritik an Tech-Konzernen. Die menschlichen Akteure bleiben Staffage, fast wünscht man sie sich ganz weg aus dem Film, der sich auch als reines Animationswerk gut machen würde.

„Nobody“ wäre indes undenkbar ohne Humankapital, geht es hier doch um die gepflegte Zerlegung menschlicher Körper in Actionfilm-Manier. Auch ein Bob Odenkirk (bekannt als schmieriger Anwalt aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) lässt sich nicht mit einem Digital-Avatar ersetzen. Hier wechselt er ins Rollenfach des rabiaten Rächers, der zunächst als Underdog erscheint. Sein Timing sorgt für den Humor bei der erfindungsreich brutalen Prügelorgie, die (im Unterschied zu vergleichbaren Filmen wie „John Wick“ oder dem „Death Wish“-Remake mit Bruce Willis) nicht ansatzweise versucht, so zu tun, als stünde hier etwas anderes auf dem Programm als die kathartische Instandsetzung geschröpfter Männlichkeit per Gewaltexzess. (and)

„Possessor“, „Conjuring“ und Co. - Ein Schauer des Schreckens gegen den Hitzewellenhorror

Der Horror endet nie – mag man sich denken, wenn die Delta-Variante dräut oder der Hitzekoller knallt. Im Kino währt das Grauen sowieso ewig. Was aber zumindest für Genrefans und profithungrige Produzenten Grund zur Freude ist. Dass der Bedarf an Leinwandschrecken auch in Pandemiezeiten nicht sinkt, bezeugt derzeit die Kassendurchschlagskraft von „A Quiet Place 2“ – die Fortsetzung des Überraschungshits über eine Welt, in der geräuschempfindliche Killeraliens die Menschen zu immerwährendem Stillschweigen verdonnert haben. In Teil eins spielte Krasinski noch selber mit, hier übernimmt seine Partnerin Emily Blunt als wehrhafte Mutter das Steuer.

Diese Woche starten zwei weitere Horrorfilme, beide auf ihre Art sehenswert. Wer über die unverblümte religiöse Propaganda der „Conjuring“-Reihe hinwegsehen kann, wird auch von ihrem dritten Teil „The Devil Made Me Do It“ nicht enttäuscht sein. Wieder steht das grundgütige und strenggläubige Dämonenjäger-Powerpaar Ed und Lorrain Warren (souverän: Patrick Wilson und Vera Farmiga) bösen Mächten gegenüber, diesmal im Connecticut der 1980er. Michael Chaves inszeniert mit sicherer Hand, Michael Burgess imponiert mit gleitenden Kameraflügen. Die Gespenster geistern gach: Sogar ein Wasserbett wird hier zum wirkungsvollen Schreckobjekt. Einen markanten Widersacher gibt es obendrein.

Hintersinniger und verstörender: „Possessor“. Ein bisweilen recht blutiger Psychotrip von Brandon Cronenberg (Sohn des kanadischen Kultregisseurs David Cronenberg), in dem eine labile Killerin (toll: Andrea Riseborough) ihre Aufträge per Körpertausch ausführt – und dabei sukzessive den Realitätsbezug verliert. Wobei: Wirklichkeit, gibt es das überhaupt noch? Beiläufig packt Cronenbergs Film vielschichtige Kritik an der digital vernetzten, totaltransparenten (Un-)Kultur unserer Zeit in düsteres Sci-Fi-Thriller-Gewand. Letztlich bleibt „Possessor“ aber (wie die Körperhorror-Meisterwerke seines Vaters) auf unheimliche Art ambivalent. Und erfreut das geneigte Auge mit psychedelischen Analogeffekten. (and)

Sommerkinos und Retrospektiven - Sonnige und schattige Spaziergänge durch den üppigen Garten der Filmgeschichte

Wer Lust auf Lichtspiel hat, aber die laue Nachtluft nicht missen mag, kann aufatmen: Die Zeit der Sommerkinos ist angebrochen. Im Augarten schließt das Filmarchiv ab 1. 7. mit dem „Kino wie noch nie“ nahtlos an das im Mai semispontan anberaumte „Frühlingskino“ an, zeigt bis Ende August eine Mischung aus Arthaus-Hits, Klassikern, Previews – und ein kleines Krzysztof-Kieślowski-Special. Einen Tag später (2. 7.) startet das „Kaleidoskop“ (der junge, hippe Nachfolger des „Kinos unter Sternen“), diesmal nicht am Brennpunkt Karlsplatz, sondern in der Arena im Dritten. Im Programm, das bis 16. 7. läuft: das heimische Subkulturdrama „Another Coin for the Merry-Go-Round“ mit Voodoo Jürgens und Valerie Pachner.

Freitags eröffnen zudem die Freiluft-Urgesteine „Kino am Dach“ (Hauptbücherei Wien, bis 19.9.) und Volxkino (eine Wanderveranstaltung, bis 17. 9.). Weiters in Wien: Das kostenfreie Frameout (Museumsquartier, 9. 7.–28. 8.), das Sommerkino im Belvedere 21 (2. 7.–1. 8.), das (Musik-)„Filmfestival“ am Rathausplatz (3. 7.–4. 9.) und das Kurzfilmfestival Dotdotdot im Garten des Volkskundemuseums (25. 7.–24. 8.).

Auch die Bundesländer warten mit unbedachtem Filmvergnügen auf, etwa in Krems (Open Air Kino beim Kesselhaus, 1.–18. 7), Obertrum (Trumer Sommerkino, 8. 7.–12. 8.), Steyr (im Innenhof des Citykinos, 1. 7.–3. 9.) und Linz (Moviemento, OÖ-Kulturquartier, evtl. auch Kunstuni-Innenhof, Programm noch ausständig).

Wer lieber im dunklen Saal die Filmgeschichte erkundet, kann das im Wiener Filmmuseum tun, dessen Komödienschau noch bis 15. 8. läuft, ergänzt von Retrospektiven zum Filmvermittler Amos Vogel (2.–24. 7.) und zu Found-Footage-Kino (bis 23. 7.), oder aber im Filmcasino, wo ab Donnerstag das Werk des Hong-Kong-Romantikers Wong Kar-wai gewürdigt wird.(and)

Weiters ab Freitag im Kino: Das Fantasy-Actionabenteuer „Monster Hunter“ und der Kinderfilm „Catweazle“ mit Otto Waalkes. Hier die ausführlichen „Presse"-Kritiken: Hollywoods Monsterjäger-Ehepaar; In Kinderfilmen funktioniert der Otto-Humor noch.

[RLIV6]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2021)