Die Albertina zeigt 110 Zeichnungen Michelangelos. "Michelangelo. Zeichnungen eines Genies" ist eine Ausstellung mit Milliardenwert. Sie bietet einen Einblick in die Schaffensweise dises Renaissance-Meisters.
Wo ist die vollendete Skizze des Moses? Des David? Der Pietà? Sind diese Ikonen der Kunst reine Kopfgeburten? Für eine Schaffensperiode von 75 Jahren haben sich erstaunlich wenige Zeichnungen des Renaissance-Genies Michelangelo Buonarroti (1475–1564) erhalten: nur rund 600, die über die ganze Welt verstreut sind. Sie waren bereits zu Lebzeiten des Malers, Architekten und Bildhauers begehrte Sammlerstücke, denn viele seiner Zeitgenossen hielten ihn für den Größten. Er schuf begnadete Körper. 1550 schrieb Giorgio Vasari in den „Lebensbeschreibungen“, dass Michelangelo der finale Punkt aller Kunst sei. Ein strenger. Von wahrscheinlich Tausenden Blättern hat der Künstler zumindest zweimal einen Gutteil vernichtet, verbrannt. Ein Kreativer, der Spuren verwischt, oder ein Geschäftsmann, der hart mit seinem Ruhm kalkuliert? Wir wissen es nicht.
Der Werdegang des Künstlers
Die Albertina zeigt nun 110 Zeichnungen Michelangelos (etwa aus Florenz, Rom, Haarlem, New York, London, Berlin). Das ist ungeheuer viel, wenn man die Fragilität der Blätter, die Exklusivität der 30 Leihgeber bedenkt. Sein Werdegang ist anhand der Zeichnungen nachzuvollziehen, sie sind noch in der kleinsten Skizze eine wunderschöne Begleitung zu berühmten Skulpturen, Gemälden, Fresken.
Es ist eine große Schau geworden, mit ehrgeizigen Zielen. Kurator Achim Gnann konzentriert sich darin auf das Kerngeschäft der grafischen Sammlung, die selbst acht Zeichnungen Michelangelos besitzt. Einzelne Forscher haben die Echtheit von sechs Wiener Blättern bezweifelt; ihnen wird bereits im Vorwort des Katalogs (Verlag Hatje Cantz, 416 Seiten, 29 Euro) energisch entgegengetreten. Akribisch werden die Zeichnungen in ihrem historischen Kontext geprüft, „anhand der wichtigsten Aufträge und Werkgruppen chronologisch aufbereitet“. Auf der Rückseite eines Blattes von 1508/9 zum Beispiel sind zwei rechte Arme zu sehen (siehe Abbildung oben) – es sind Studien für zwei Söhne Noahs in der Szene der Trunkenheit, im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle des Vatikan. Wie im Puzzle fügen sich Konstruktionen zusammen. Im Videofilm über die Entstehung der berühmten Fresken werden die Skizze der Libyschen Sibylle und das fertige Werk übereinander gelegt. Sie sind nicht deckungsgleich, sondern Varianten im Schaffensprozess – ein Beweis, heißt es, dass es sich nicht um eine Kopie handle, denn die wäre exakt.
Blatt für Blatt werden wichtige Stationen im Leben Michelangelos dokumentiert, des Knaben Kopien alter Meister z. B., die Schlacht von Cascina, die Sixtina, das Jüngste Gericht, die Kapelle der Medici in Florenz und späte Kreuzigungen. Der Abschnitt über das Grab von Papst Julius II. ist durch monumentale Gipsabgüsse aus dem 19. Jahrhundert ergänzt. Moses blickt zürnend herab. Dauert ihm der Bau zu lang? Wittert er gar Götzendienst? Im nächsten Abschnitt entführt ein göttlicher Adler den Knaben Ganymed. Kraft und Größe und Spannung bestimmen diese Bilder, ein Ringen um Körper, um Form. Man sieht dem Künstler geradezu über die Schulter, so intim ist diese Begegnung im milden Licht der Albertina.