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„The World’s Next Top Model“ Bellezza folgt ihrer Managerin Piacere (Cecilia Bartoli) auf den Pfad des Vergnügens: Im Sommer übernimmt Regula Mühlemann die Partie von Mélissa Petit, die ein Kind erwartet.
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Salzburger Festspiele

Händel, Bartoli und die zeitlose Schönheit

Robert Carsen inszeniert Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ als Pendant zum „Jedermann“ im Hier und Jetzt zwischen glamouröser Castingshow und schmerzlicher Selbsterkenntnis.

Bei Robert Carsen beginnt alles dort, wo Geschichten erst wirklich spannend werden: nach dem vermeintlichen Happy Ending. Gerade hat das „Salzburg-Finale“ des Castingspektakels „The World’s Next Top Model“ stattgefunden, ein Video zeigt eine ausgewachsene Backstage-Doku über die feschen jungen Leute, die da im Hier und Heute in und um Salzburg um ihr kleines Bisschen von jenem Ruhm rittern, den man getrost in jeder Hinsicht äußerlich nennen darf. Bellezza (die personifizierte Schönheit, gesungen von Regula Mühlmann) heißt dann die rasch zur Siegerin gekürte Bewerberin – und kann ihr Glück pflichtschuldigst kaum fassen. Ende gut, alles gut? Zweifel sind angebracht über die geschäftlichen Gepflogenheiten im Ambiente der Instant- und Einweg-„Stars“, da mag ein noch so lukrativer Vertrag winken, den die geschäftstüchtige, trügerische Piacere, das Vergnügen in Gestalt Cecilia Bartolis, dem heißesten Neuzugang der Szene unter die Nase hält.

Livekameras, Fototermine, ein riesiger Greenscreen, der die Protagonisten in den Urwald, vor Taj Mahal, zum Eiffelturm oder überhaupt ins Wasser versetzt, mit dem vollen Eintauchen in die Welt von Piacere dann auch Partys unter Discokugeln, Alkohol, Sex und Drogen: Da landet Bellezza in den muskulösen Armen des Top-DJs . . . Aber ist das der Weg zum Glück? Zwei Mahner finden langsam Gehör bei der zunehmend verwirrten, alte Träume neu bewertenden Bellezza: Tempo und Disinganno, Zeit und Erkenntnis (Charles Workman und Lawrence Zazzo).

Ein weiblicher Jedermann

Und so verwandelt sich die vielleicht auf den ersten Blick etwas moralinsauer anmutende Story von anno dazumal in ein Menschenschicksal von heute, ja aller Zeiten. „Lebt man das Leben in der Vorstellung, man würde für immer jung bleiben, wird man irgendwann unweigerlich das Leben als voll von Enttäuschung und Bedauern empfinden“, sagt Carsen: „Werden wir uns aber bewusst, dass jede Phase des Lebens nur vorübergehend ist, und lernen wir zu akzeptieren, dass der letzte Schritt auf dieser Reise der Tod ist, dann kann die Zeit für uns anders funktionieren.“ Dementsprechend deutet der Regisseur in seiner von Publikum und Presse schon zu Pfingsten bejubelten Inszenierung Bellezza als eine Art „Jedefrau“. Aus den abstrakten allegorischen Figuren des Barock werden Menschen – und Händels frühes Oratorium gliedert sich in die große Salzburger Festspieldramaturgie aufs Schönste ein.

Das Libretto des kunstsinnigen Kardinals Benedetto Pamphilj erfüllte perfekt jene Erfordernisse, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts an einen Oratorientext gestellt wurden. Die Kunstform war im Zuge der Gegenreformation in Rom entstanden, rund um den 1595 verstorbenen und bald heiliggesprochenen Filippo Neri, den „Apostel Roms“ – als ein Stück geistlicher Erbauung mit wesentlicher musikalischer Unterstützung. Ihre Bezeichnung rührt vom Betsaal her (it. oratorio), die Form ist zweiteilig gewesen, sodass die Pause dazwischen Gelegenheit zu einer Predigt gegeben hat. Das Adelsgeschlecht der Pamphilj war ab Ende des 15.  Jahrhunderts zu immer größerer Bedeutung für die katholische Kirche aufgestiegen, geistliche Ämter gingen Hand in Hand mit weltlichem Besitz und allgemein politischem Einfluss.

Halten dem Publikum auch einen großen Spiegel vor: Regisseur Robert Carsen (rechts) und sein Ausstatter Gideon Davey
Halten dem Publikum auch einen großen Spiegel vor: Regisseur Robert Carsen (rechts) und sein Ausstatter Gideon Davey(c) Anne Zeuner

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war 1644 erreicht: Damals hatte Giovanni Battista Pamphilj als Innozenz X. den Papstthron bestiegen und ein elfjähriges Pontifikat begonnen. Einer seiner Neffen, Camillo Francesco Pamphilj, war Benedettos Vater – und aus heutiger Hinsicht mag pikant erscheinen, dass dieser Camillo im üblichen Nepotismus jener Zeit schon in jungen Jahren als Kardinaldiakon hohe kirchliche Ämter bekleidet hat. Bevor er jedoch im Alter von 25 Jahren seine klerikale Karriere sausen ließ und lieber Olimpia Aldobrandini heiratete, die junge Witwe des Herzogs von Borghese . . .

Von Harry Potter zu „The Crown“

Auch Benedetto war trotz seiner Kardinalswürde gewiss kein Kind von Traurigkeit, doch darüber hinaus ein außerordentlicher Mäzen und selbst Dichter und Komponist: Alessandro Scarlatti vertonte seine Opernlibretti, er förderte Komponisten wie bildende Künstler und sammelte deren Werke. Der Inhalt des „Triumphs der Zeit und der Ernüchterung“ ist natürlich dem geistlich-moralischen Anliegen der Gattung verpflichtet, indem Bellezza sich von der äußeren, vergänglichen Schönheit im Verein mit den Lockungen des Vergnügens zur inneren, seelisch-christlichen Schönheit wandelt. Aber die Faszination dieses Themas ist ungebrochen, bis hinein in die populäre Kultur unserer Zeit: Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ etwa, dieser ewige Publikumsmagnet der Salzburger Festspiele, ist schon erwähnt worden.

Nicht von ungefähr handelt außerdem die preisgekrönte TV-Serie „The Crown“ über das Leben von Queen Elizabeth II. die Enttarnung des königlichen Kunsthistorikers Anthony Blunt als russischer Spion (1963/64) gerade an einem Gemälde ab, der „Allegorie von Wahrheit und Zeit“ von Annibale Carracci, entstanden in der Frühzeit des Oratoriums. Die Zeit hat darauf als geflügelter alter Mann seine Tochter aus dem Dunkel eines Brunnens hervorgeholt: die Wahrheit. Eine Gloriole umstrahlt ihre nackte Figur, sie blickt in einen Spiegel – und tritt mit ihren Füßen die am Boden liegende Täuschung, der als Zeichen ihrer Verschlagenheit ein zweiter, dämonisch-fratzenhafter Kopf aus dem Nacken wächst. Das Motiv des Spiegels greifen auch Carsen und sein Bühnenbildner Gideon Davey in spektakulärer Weise auf: als Symbol der Eitelkeit wie als Möglichkeit der Selbsterkenntnis. Während Werke Carraccis auch in der berühmten Gemäldesammlung der römischen Galleria Doria Pamphilj enthalten sind, dürfte sich gerade dieses Bild schon zu Zeiten von Queen Anne, die Händel mit einer Leibrente bedenken sollte, in britischem Besitz befunden haben. Und dieses Motiv des trügerischen Doppelgesichts, das sich zunächst verbirgt, greift sogar J. K. Rowling im ersten Band ihrer „Harry Potter“-Serie auf. Ganz zu schweigen von den musikalischen Rückgriffen auf Händels schon erwähnte, berühmte Arie im Kino, etwa bei Lars von Trier.

So sind wir also im opernfeindlich-klerikalen Rom des Jahres 1707 und in gewisser Weise doch zugleich mitten in unserer Zeit mit „Il trionfo del tempo e del disinganno“ aus der Feder des jungen Georg Friedrich Händel: Als Gast und Günstling des Kardinals, der seinerseits eine untrügliche Nase für Talent besaß, setzte der „caro sassone“, der „liebe Sachse“, das Libretto seines Gönners in Musik. Und auch wenn er sich formal ganz an die gattungsmäßigen Gepflogenheiten hielt, wusste die Abkehr von der Vergänglichkeit kraft seiner Musik zu einer glänzenden Lustbarkeit zu veredeln – mit einer Kette aus Rezitativ und Arie, mit wenigen Accompagnati und Ensembles sowie ganz ohne Chor. Carsen freilich belebt die Szenerie durch ein Tanz- und Statistenensemble, das desto wichtiger ist, als es am Schluss durch Abwesenheit mithilft, die Drastik einer völlig leeren Bühne zu unterstreichen.

Triumph der Schönheit über die Zeit

Hochindividuelle Nummern mit scharfem Affektprofil weisen den 22-jährigen Händel bereits als kommenden Stern am Opernhimmel aus, etwa das mit wild-zerklüfteten Linien verstörende „Fosco genio“ von Piacere, einer weiteren Paraderolle für Cecilia Bartoli: „Sie ist die Teufelsfigur und der Teufel hat immer den meisten Spaß am Leben“, sagt der Regisseur. Als Pläsier für Bellezza und Publikum gleichermaßen wusste sich Händel auch einen effektvollen obligaten Orgelpart auf den Leib zu schreiben: Um die betörenden Klänge im Palast Piaceres auszudrücken, hat sich der Komponist als Solist in den Handlungsablauf gleichsam selbst hineinreklamiert – und mit Davide Pozzi haben die brillanten Musiciens du Prince-Monaco unter Gianluca Capuano einen virtuosen Solisten auch dafür. Kein Wunder, dass das reichhaltige Frühwerk Händel noch öfter beschäftigt hat.

„Cecilia Bartoli spielt eine Teufelsfigur, und der Teufel hat immer den meisten Spaß.“

Robert Carsen

Für Umarbeitungen, die letzte davon 50 Jahre später in London als „The Triumph of Time and Truth“, dann schon mit stilistisch ganz anderen, am englischen Oratorium orientierten Ansprüchen, das er selbst erfunden hatte, aber auch als Materialsammlung für schlechte, sprich: eilige Zeiten. Der eigentliche Treppenwitz an der Sache aber ist, dass die in „Rinaldo“ als „Lascia ch’io pianga“ so glücklich wiederverwertete, traumhaft schwebende Arie „Lascia la spina“, ein Glanzstück der Bartoli hier wie dort, eigentlich noch älter ist als das Oratorium: Ihr Melodiekern taucht als instrumentale Sarabande schon 1705 in seinem Hamburger Opernerstling und Debütwerk „Almira“ auf. Dadurch ist dies vermutlich die älteste Musik, die niemals eine Renaissance erleben musste, weil sie seit dem Barock durchgehend präsent geblieben ist, zumindest als Klavierstück: Hier hat die Zeit der Schönheit nichts anhaben können. 

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at