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Rosenkriege. Machtgier, Mordlust, Familientragödien. Shakespeares Blick auf die Gesellschaft ist so blutig wie aktuell.
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Salzburger Festspiele

Königliche Grenzüberschreitungen

Gleich zwei Shakespeare-Dramen an einem Abend liefert Regisseurin Karin Henkel in „Richard the Kid & the King“ auf der Pernerinsel. Im Interview erzählt sie, wie und warum sie „Heinrich VI.“ und „Richard III.“ verbindet.

Mit Richard III. betritt eine der komplexesten Figuren der Theaterliteratur die Bühne: Sie ist manipulativ, kaltblütig, hemmungslos und zugleich witzig, verführerisch und hellsichtig. In Karin Henkels Inszenierung wird Richard von einer Frau, Lina Beckmann, verkörpert. Wir fragen die Regisseurin, wie sie Richard charakterisiert und wie sie in ihrer Inszenierung Grenzen überschreiten möchte.

Wieso haben Sie sich für eine Verbindung der beiden Shakespeare-Dramen entschieden?

Beide sind Teil einer Tetralogie über die Rosenkriege, den blutigen Kampf der Adelshäuser York und Lancaster um den englischen Thron im 15. Jahrhundert. „Heinrich VI.“ beschreibt die unmittelbare Vorgeschichte von Richards Herrschaft. Viele Inhalte von „Richard III.“ sind ohne Kenntnis dieser gar nicht wirklich verständlich. Nun erzählen wir an einem Abend Richards Kindheit, seine Herrschaft und sein Leben bis zu seinem Tod.

Welche Aspekte haben Sie aus „Henry VI.“, welche aus „Richard III.“ herangezogen?

„Henry VI.“ zeigt den Vorgänger, einen Herrscher mit moralischen, humanistischen Werten, doch leider auch schwach, naiv und etwas selbstmitleidig. Ohne dieses Machtvakuum im Zentrum wäre der anschließende Sieg des Hauses York, also der Familie Richards, gar nicht möglich gewesen. Henry VI. schafft seinen Gegnern und damit auch dem späteren Tyrannen Richard erst den Raum, aufzusteigen. Henry stellt eine wesentliche, geradezu zeitlose Frage: Kann man nicht mit Anständigkeit ein Land regieren? Eine Frage, die ich mich kaum traue, mit Ja zu beantworten. Richard und seine Brüder belegen mit ihrer Herrschaft zweifellos das Gegenteil. Shakespeare zeigt allerdings auch, dass sie in äußerst brutalen und rohen Zeiten aufwachsen, inmitten eines nicht enden wollenden Bürgerkrieges. Alle Figuren des Shakespeare-Zyklus erscheinen traumatisiert durch diesen, die Machtgier und die damit verbundenen Familientragödien.

Premiere. Karin Henkel bringt mit „Richard the Kid & the King“ die charismatische Shakespeare-Figur erstmals in Salzburg auf die Bühne
Premiere. Karin Henkel bringt mit „Richard the Kid & the King“ die charismatische Shakespeare-Figur erstmals in Salzburg auf die Bühne.(c) Anne Zeuner

Geht es Ihnen in diesem Kombinieren von zwei Stücken darum, Richard auch als Opfer und nicht nur als Täter darzustellen – und zu zeigen, wie sein Charakter geformt worden ist, als er in seiner Kindheit vieles erleiden musste? Erhöht das die Identifikation mit der Figur?

Alle Figuren in dem Stück, auch die Mordopfer, werden von Shakespeare als unglaublich brutale oder korrupte Menschen beschrieben. Das eindeutige Zuschreiben von Täter oder eben Opfer greift hier zu kurz. Es geht natürlich nicht darum, Richards Gewaltherrschaft, so wie Shakespeare sie darstellt, in irgendeiner Form zu entlasten, geschweige denn zu entschuldigen. Uns interessiert vielmehr die Frage, wie ein Mensch zu so einem brutalen Machthaber wird. Ist es Veranlagung, sind es die Umstände, ist es die Gesellschaft? Und wie muss es um diese Gesellschaft stehen, damit sie den Aufstieg eines solchen Despoten überhaupt ermöglicht? Shakespeare zeigt: Richard wird als Kind ständig gedemütigt, nirgendwo findet er Mitleid oder Liebe. Wenn er selbst dann Freude daran findet, andere zu demütigen, ist dies sicher auch als Rache an Menschen von „besserer Gestalt“, wie er sie nennt, zu verstehen. Shakespeare zeigt jedoch zusätzlich, dass dieser zutiefst verletzte „Triebtäter“ ohne das Versagen seiner unmittelbaren Umwelt niemals auf den Thron gelangt wäre. Auch die Beschreibung dieser Machtstrukturen macht den Stoff aktuell.

Inwiefern haben Sie den Text bearbeitet – wie viel ist Shakespeare, wie viel stammt von Ihnen?

Natürlich haben wir den Text bearbeitet. Für jede Inszenierung erstelle ich in Zusammenarbeit mit den Dramaturgen eine Spielfassung. Mehr als 400  Jahre nach dem Erscheinen eines Stückes verlangt es meiner Meinung nach einen Blick von heute auf die erzählte Geschichte. Einige Aspekte haben wir weggelassen oder verkürzt, da sie für den Zuschauer vielleicht nicht mehr verständlich sind, oder nicht mehr brisant genug. Andere werden mehr in den Fokus gerückt und zugespitzt. Ich kann nicht verhehlen, dass unsere Aufführung ein beherzter Zugriff auf das Original ist.

Was macht die Faszination der Hauptfigur aus?

Richard III. ist einer der größten Antihelden der Theaterliteratur: Er ist hemmungslos, sadistisch, kaltblütig, brutal, geradezu die Inkarnation des Bösen. Gleichzeitig ist er clever, witzig, heuchlerisch, verführerisch. Er ist ein unverschämter Lügner, weiß um die Manipulierbarkeit der Menschen, spielt mit ihr, ist ein Virtuose der Instrumentalisierung anderer und genießt, sich selbst zu inszenieren. Das macht ihn ungeheuer attraktiv.

Wieso lassen sich die Mitmenschen von ihm verführen, obwohl sie wissen, dass sich die Lage unter seiner Herrschaft zuspitzen wird?

Shakespeare erklärt nicht, er gibt keine eindimensionalen Antworten. Er legt viele Fährten. So ist Richard trotz seiner extremen narzisstischen, pathologischen Störung auch Zerrspiegel einer Gesellschaft, die selbst grausam und gewalttätig ist. Und sein Machtstreben korrespondiert mit der Gier, der Ignoranz, der Mittäterschaft und dem feigen Wegschauen seiner Umwelt. Und auch mit der Bereitschaft, sich seiner Skrupellosigkeit zu ergeben. Da gibt es Mitläufer, die glauben, von seinem Aufstieg zu profitieren, andere sind blind für seine Gefährlichkeit, und es gibt welche, die seine Abgründe und sein zerstörerisches Potenzial erkennen, aber schweigen und hoffen, dass ihre schlimmsten Befürchtungen nicht eintreten.

Inwiefern wird er sich auch mit dem Zuschauer verbünden?

Richard spielt auch mit dem Publikum, kommentiert das Geschehen und sein Tun in direkten Ansprachen, macht die Zuseher so zu seinen Mitwissern, ein genialer Coup Shakespeares, der diese in seinem Vergnügen, der Geschichte Richards zu folgen, zu stillen Teilhabern seines Komplotts werden lässt. So muss sich auch das Publikum sehr unmittelbar der Frage stellen: Was macht die Attraktion dieses „Dreckskerls“ aus?

Wieso spielt bei Ihnen eine Frau die Titelrolle?

Richard III. zu spielen ist eine außerordentliche schauspielerische Aufgabe, für die es eine große emotionale Intelligenz und Tiefe, Schnelligkeit, Witz, Verwandlungsfähigkeit braucht. Und Lina Beckmann, mit der mich schon viele gemeinsame Arbeiten verbinden, beherrscht diese ungewöhnliche Bandbreite. Tatsächlich habe ich mich wegen ihr überhaupt zur Inszenierung dieses Stoffes entschlossen. Die Figur selbst streitet bei Shakespeare alle Klischeeattribute der Männlichkeit für sich selbst ab. Richard beschreibt sich als deformierten Menschen, für den es so etwas wie Liebe und Sexualität nie geben wird. Er kennt keine Zuneigung und behauptet von sich, er sei das mitleidloseste Wesen, das es überhaupt gibt. Er spricht von sich als Wesen, als Kröte, aber nie nennt er sich Mann. Lina hat Charisma – und Richard III. braucht eine charismatische Besetzung.

Mächtig. Lina Beckmann, schon 2017 bei den Festspielen als Rose Bernd gefeiert, übernimmt die Titelrolle.
Mächtig. Lina Beckmann, schon 2017 bei den Festspielen als Rose Bernd gefeiert, übernimmt die Titelrolle.(c) Jeanne Degraa

Auch weitere Rollen werden nicht geschlechtsspezifisch besetzt sein, warum?

Ja, beispielsweise spielt Kristof van Boven Heinrich VI., seinen Sohn, aber auch Richards spätere Frau Lady Anne – also alle Mitglieder des Lancaster Clans. Für mich ist eine geschlechtsspezifische Besetzung dieser Rollen nicht ausschlaggebend. Vielmehr können Klischees so durchbrochen oder ausgestellt werden. Die spezifischen Eigenschaften einer Theaterfigur werden vielleicht über eine Distanzierung im expressiven Spiel noch sichtbarer.

Wie viel Freiheit lassen Sie Ihren Schauspielern, wie viel bringen diese in die Inszenierung ein und in welchen Situationen gibt es klare Vorgaben von Ihnen?

Theater funktioniert nur gemeinschaftlich. Die Inszenierung benötigt natürlich meine Vorarbeit und die des Teams, entsteht aber im Wesentlichen bei den Proben. Ohne diese Freiheit würden meine Inszenierungen gar nicht funktionieren. Das ist ein langer Prozess von gemeinsamem Ausprobieren, Verwerfen und Neuerfinden, an dessen Ende eine möglichst lebendige Aufführung stehen soll.

Wie wird die Bühne der Pernerinsel ausgestattet sein?

Katrin Brack hat für diesen Abend einen zugleich reduzierten wie metaphorisch aufgeladenen Raum gefunden. Details werden an dieser Stelle natürlich nicht verraten, aber eines steht fest: Ihr Raum hat auch mich zu vielen konkreten Bildern inspiriert.

Sie sagten einmal, Theateraufführungen dürfen Grenzen überschreiten, laut, grell, brutal und widersprüchlich sein – was davon wird „Richard the Kid & the King“ haben?

Hoffentlich alles davon. Intime Momente, in denen der Zuschauer fast in die Figuren hineinhorchen kann, wechseln sich ab mit ausgestellt brutalen lauten Szenen. Je komplexer ein Theaterabend ist, umso spannender ist er. Auf der Bühne darf man zuspitzen, auch durch Übertreibung beunruhigen. Aber immer geht es darum, auch für unsere Realität wichtige Fragen zu stellen, die latenten Tiefenschichten, die uns mit dem Stoff und den Motiven, Sehnsüchten, Ängsten und Aggressionen der Figuren auf der Bühne heute noch verbinden, offenzulegen. Wenn das gelingt, ist zumindest die Grenze zum Publikum überschritten, ein Erlebnis, das wir alle lang vermisst haben.

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at