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Sarah Aristidou
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Salzburger Festspiele

In der Schwebe

„Neither“, Morton Feldmans einzige Oper, bildet den konzertanten Höhepunkt der prominent besetzten Reihe „Still Life – Zeit mit Feldman“.

Samuel Beckett (nach längerem Schweigen, verlegen): Mr. Feldman, ich mag Opern überhaupt nicht.
Morton Feldman (unbesorgt): Ich auch nicht.
Beckett (etwas selbstbewusster, aber auch grimmiger): Ich mag es nicht, wenn meine Texte in Musik gesetzt werden.
Feldman (unvermindert aufgeräumt): Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich habe übrigens nur sehr selten Texte verwendet. Ich habe viele Stücke mit Stimme geschrieben, und die sind textlos.
Beckett (leicht gereizt): Was wollen Sie also von mir?
Feldman (nachdenklich): Keine Ahnung . . .  Ich bin auf der Suche nach der Quintessenz, nach etwas, das einfach schwebt . . .

Das könnte beinah selbst als Szene eines Beckett-Dramas durchgehen, aber ungefähr so muss er gelautet haben, der entscheidende Austausch zwischen Samuel Beckett und Morton Feldman, 1976 in Berlin. Das geforderte Schweben hat Feldman schließlich bekommen – ganz im Sinn von Becketts „einzigem Thema“, wie dieser es selbst nannte und noch am selben Tag dem Komponisten in eine mitgebrachte Partitur schreiben sollte: „Hin und zurück in Schatten, von äußeren zu inneren Schatten. / Hin und zurück. / Zwischen unerreichbarem Selbst und unerreichbarem Nichtselbst.“ Das genügte Feldman. Er begann die Komposition umgehend, also noch bevor er den kompletten Gesangstext für die einzige Figur erhalten hatte. „Ich habe gelernt, was eine Ouvertüre ist: Warten auf den Text.“ Die ersten Worte des Librettos, das Beckett nur gut zwei Wochen später an Feldman sandte und selbst einfach als „Text“ ansehen wollte, wichen dann kaum vom oben genannten Entwurf ab: zehn Verszeilen, 87 Wörter, eigentlich „nur“ ein Gedicht, inhaltlich frei sich bewegend zwischen zwei Polen und doch gefangen im Raum dazwischen – so, wie es der Titel „Neither“ suggeriert, auf Deutsch am besten: „Weder“.

Zeiterfahrung

Im Schaffen einen Komponisten, der Kammermusikwerke im Ausmaß von mehreren Stunden Spieldauer geschaffen hat, nimmt sich ein ausdrücklich als Oper bezeichnetes Werk wie „Neither“ mit nicht einmal 60 Minuten Länge geradezu schmächtig aus. Erstmals hat Feldman darin die dann für sein Spätwerk typische Kompositionstechnik erprobt, karge Klangmuster verändert zu wiederholen, wobei in seinem Manuskript jede Notenseite grafisch mit der nächsten korrespondiert. Der Orchesterpart ist groß besetzt, aber die Dynamik geht nur bis zum Mezzopiano. Zugleich setzt Feldman die Instrumente oft in extrem hohen oder tiefen Lagen ein, in denen das Leise spieltechnisch besonders schwierig zu erzielen ist. Diese Technik wird zu einem weiteren Abbild der Gefangenheit zwischen jenen widerstreitenden Kräften, um die sich in „Neither“ auf sämtlichen künstlerischen Ebenen alles dreht.

Die Singstimme transformiert den Text in eine rein instrumental gedachte Linie, die dennoch hervorragt; das ganze Geschehen ist aus einer chromatischen Dreitonzelle entwickelt. Gerade durch die Abkehr von der herkömmlichen Oper und das rätselhafte, auratische Schweben hat sich „Neither“ als eines der eindrücklichsten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts etabliert: Erregung und Entspannung, Aufschrei und Stille scheinen darin eins zu werden. „Still Life – Zeit mit Feldman“ bietet an vier Abenden die Gelegenheit zu umgekrempelter Zeiterfahrung und existenzielle Erlebnisse mit einer Musik, die scheinbar nichts will und doch so viel tut.

Sarah Aristidou

In Paris geboren, schon früh Callas-Fan und durch ihren Vater auch mit zypriotischer Volksmusik aufgewachsen, hat sie mehrfach mit extremen Sopranhöhen in Neuer Musik reüssiert. Für „Neither“ braucht sie dergleichen nicht, wohl aber reiche Schattierungen des Leisen: „Die Stimme ist in Feldmans Musik gefangen zwischen zwei unnennbaren Polen. In Becketts Text geht es um genau dieses Unsagbare.“

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at