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Klangbilder. Ingo Metzmacher dirigiert in der Felsenreitschule das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. „Spiegel für Orchester“, zum 95. Geburtstag Friedrich Cerhas.
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Salzburger Festspiele

Ein Abbild der Welt in Klänge gegossen

Vom Widerhall großer Werke, von selten Gespieltem, speziellen Debüts, leisen Hoffnungsschimmern und frenetisch gefeierten Irritationen.

Noch am Vorabend der ersten Opernpremiere konzertieren heuer bereits die Wiener Philharmoniker. Sinniger könnte eine Hommage an die Festspiele wohl gar nicht beginnen: Matthias Goerne ist der diesjährige Salzburger „Jedermann“. Zumindest für zweimal, am 25. Juli und am 28. Juli singt er sechs Monologe aus Hofmannsthals Stück, begleitet von den Philharmonikern unter der Leitung von Franz Welser-Möst. Vertont hat die Fragmente aus dem Festspieldauerbrenner der Schweizer Komponist Frank Martin. Und es gelang ihm, in diesen sechs Sätzen ein Charakterporträt der Hofmannsthal’schen Kunstfigur zu zeichnen, ihren Wandel von achtloser Eitelkeit zur Humanität nachvollziehbar zu machen.

Martin ist einer jener Komponisten, denen es gelungen ist, in den Zeiten des heillosen Stilwirrwarrs der musikalischen Moderne einen ganz eigenständigen, unverkennbaren Stil zu finden, der neue Techniken mit der großen Tradition vereint. Insofern passen diese „Jedermann“-Monologe durchaus in eine Programmfolge, die im Übrigen dem Schaffen des Festspielgründers Richard Strauss gewidmet ist: Am Beginn des Abends erklingt die Orchestersuite aus dem „Rosenkavalier“, als Finale ist die riesig besetzte „Alpensinfonie“ zu hören.

Mit großer Symphonik geht es in den philharmonischen Konzerten dieses Sommers weiter: Christian Thielemann hat Bruckners Siebente auf dem Programm, jenes Werk, das dem Komponisten seinen ersten ungetrübten Triumph einbrachte. Kontrastiert werden die gewaltigen Steigerungsbögen dieses Werks am 1. und 3.  August von den intimen „Rückert-Liedern“ Gustav Mahlers, gesungen von Elīna Garanča, die eine der edelsten Stimmen unserer Zeit besitzt  – und nicht wenige Festspielbesucher werden sich bei dieser Gelegenheit an die kürzlich verstorbene Christa Ludwig erinnern, die diese Lieder mit dem abschließenden, berührenden „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ oft gesungen hat und die eigentlich den Veranstaltungsreigen dieses zweiten Jubiläumssommers mit ihrer Gesangsmeisterklasse hätte eröffnen sollen.

Besonderes Debüt

Ein anderes großes Ludwig-Solo steht in Mahlers „Dritter Symphonie“, die Andris Nelsons am 7. und 8.  August dirigieren wird. Mahlers längste und bildreichste Symphonie sieht neben einem riesig besetzten Orchester auch noch Altsolo (Violeta Urmana), Kinder- und Frauenchor vor. Der Theater Kinderchor der Festspiele und der Chor des Bayerischen Rundfunks sind diesmal aufgeboten.

Eine Woche später begeht Riccardo Muti ein besonderes Jubiläum mit einem besonderen Konzert: Der neapolitanische Maestro, der in der Geschichte der Festspiele als Operndirigent etliche Wegmarken setzen konnte und der von Herbert von Karajan dessen traditionelle Philharmoniker-Termine zu Ferragosto regelrecht „geerbt“ hat, widmet diese heuer einem Debüt. Erstmals in seiner langen Karriere dirigiert er Beethovens gewaltige „Missa solemnis“. Die späte Eroberung macht diese Konzerte am 13., 15. und 16.  August doppelt spannend für Muti-Verehrer.
Der letzte im philharmonischen Bunde ist gleichzeitig der Doyen der philharmonischen Dirigenten: Herbert Blomstedt feiert am 11.  Juli seinen 94. Geburtstag. Und er hat nebst Brahms’ herb-schöner „Vierter Symphonie“ ein Werk gewählt, das zu den bewegendsten künstlerischen Zeitdokumenten des 20.  Jahrhunderts gehört:

Die „Symphonie liturgique“ von Arthur Honegger, mit der der Komponist unmittelbar auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs reagiert – auf Wut und Verzweiflung folgt ein vernichtender Finalmarsch, der aber zuletzt einem Hoffnungsschimmer weicht. Festspielbesucher erinnern sich vielleicht an eine öffentliche Probe, die Herbert von Karajan einmal zu diesem Werk bei den Festspielen abgehalten hat. Nach dem verklärenden E-Dur-Schluss meinte er in die atemlose Stille: „Jetzt sind wir wieder auf der Erde.“ Das Werk hat bei den Salzburger Festspielen eine bemerkenswerte Aufführungsgeschichte. Ernest Ansermet präsentierte es kurz nach der Uraufführung bereits im Jahr 1947, Karajan nahm es 1957 erstmals ins Programm und zuletzt wählte es Mariss Jansons für ein Gastkonzert mit dem Bayerischen Rundfunkorchester.

Die Wiener Philharmoniker bringen große Symphonik nach Salzburg. Von der riesig besetzten "Alpensymphonie" bis zu Bruckners Siebenter.

Die Aufführung unter Blomstedt schafft eine imaginäre Verbindung zum ersten großen Konzert des diesjährigen Festspielsommers: Zum Auftakt der „Ouverture spirituelle“ dirigiert Mirga Gražinytė-Tyla am 18. Juli das Gustav Mahler Jugendorchester und Mitglieder des ORF Radio-Symphonieorchester Wien sowie den Wiener Singverein und den Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor bei einer Aufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“ , eine künstlerische Aufarbeitung des Bombardements von Coventry im Zweiten Weltkrieg. Das Werk sollte eine Handreichung darstellen und anlässlich der Uraufführung deutsche, britische und russische Kräfte vereinigen. Allein, die Frontlinien waren nach 1945 schnell wieder – und neu – gezogen: Die UdSSR verweigerte der vorgesehenen Solistin Galina Wischnewskaja damals die Ausreise.

Orchestraler Wirbelwind

Nicht unmittelbar auf den Zweiten Weltkrieg, aber auf den Tod des Diktators Josef Stalin bezog Dmitri Schostakowitsch seine „Zehnte Symphonie“, in deren Zentrum ein wild gestikulierendes, brutales Scherzo steht, von dem der Komponist später meinte, es sei eine böse Karikatur des verstorbenen Diktators: Das D-Es-C-H-Motiv, die tönenden Initialen des Komponisten, stampft das Bild in Grund und Boden. Nach dem Terror, der auch für zahllose Künstler jahrzehntelang Lebensgefahr bedeutet hatte, durfte man wieder durchatmen. Der Zufall will es: Auch diese Symphonie endet in positiv-hellem E-Dur, allerdings ganz anders als bei Honegger erklingt in diesem Fall ein applaustreibender, unausweichlicher orchestraler Wirbelwind.

Entfachen wird ihn im großen Festspielhaus Manfred Honeck am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters. Am Beginn des Abends steht ein symphonischer Auszug aus Wagners „Tristan und Isolde“, ein wenig anders als im Konzertsaal gewohnt: Zwischen Vorspiel und „Liebestod“ schiebt sich diesmal der traurig-ratlose Monolog des Königs Marke aus dem zweiten Aufzug, gesungen von Matthias Goerne.

Mit Seltenheitswert

Ein apartes Programm hat auch Daniel Barenboim für seinen Auftritt mit dem West-Eastern Divan Orchester am 11. August gewählt. Auf die Ouvertüre zu Beethovens Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ folgt das nicht allzu häufig gespielte letzte Orchesterwerk von Johannes Brahms, das „Doppelkonzert“ op. 102 mit den Solisten Michael Barenboim und Kian Soltani, die beide aus dem Verband des West-Eastern Divan Orchester hervorgegangen sind. Das zweite Programm des Orchesters dirigiert heuer Barenboim-Schützling Lahav Shani. Barenboim übernimmt an diesem Abend (12.  August) das Solo in Brahms’ „Zweitem Klavierkonzert“, das als Hauptwerk an den Abschluss des Programms gerückt worden ist. Im ersten Teil erklingt nach Sergej Prokofieffs „Symphonie classique“ das „Divertimento für Streichorchester“ von Béla Bartók – eine glückliche Kombination, suchen doch in diesen Stücken zwei Vorreiter der musikalischen Moderne bei den Klassikern ihre Vorbilder und klären ihren Stil höchst publikumsfreundlich.

In die Welt des französischen Barock führt uns Teodor Currentzis mit seinen Ensembles musicAeterna Chor und Orchester am 14.  August: Er setzt den ganzen Abend lang auf Musik von Jean-Philippe Rameau, dem zweiten großen Opernmeister von Versailles nach Jean-Baptiste Lully. Rameau reicht mit seinem Œuvre noch in die Mozart-Zeit herein und hat dem Musiktheater nicht nur große Vokalmusik, sondern auch zündende Tanzmusik geschenkt. Ausschnitte aus den bekanntesten Rameau-Titeln, darunter „Hippolyte et Aricie, Zoroastre, Les Boréades“ und „Les Indes galantes“ stehen im Mittelpunkt des Abends. Sara Blanch singt die Sopransoli.

Wachgeküsstes Verkanntes

Unverwechselbar originell gemischt sind die Programme der traditionellen Gastkonzerte der Berliner Philharmoniker zum Festspielausklang, seit Kirill Petrenko der Chefdirigent des Orchesters ist: Am ersten Abend (29.  August) steht zwischen dem Elfenzauber von Carl Maria von Webers „Oberon“-Ouvertüre und den „himmlischen Längen“ von Franz Schuberts „großer“ C-Dur-Symphonie ein Werk, das bestens geeignet ist, dem Publikum die Angst vor den großen Namen der musikalischen Moderne zu nehmen: Paul Hindemiths „Mathis der Maler“.

Die Berliner Philharmoniker überraschen mit unverwechselbar originell gemischten Programmen.

Noch viel mehr überraschen wird das Publikum der zweite Abend der Berliner: Da folgt auf Tschaikowskis leidenschaftliche Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ zunächst Sergej Prokofieffs „Erstes Klavierkonzert“ mit Anna Vinnitskaya – noch so ein Werk, das gar nicht „modern“, sondern wie ein Nachhall der großen romantischen Konzertliteratur klingt. Und nach der Pause die Tondichtung „Ein Sommermärchen“ von Josef Suk. Diese Komposition des Schwiegersohns von Antonín Dvořák gehört in jene Kategorie spätester Romantik, die Kirill Petrenko besonders zu lieben scheint und die dem Publikum immer wieder neue Einblicke in die jüngere Musikgeschichte gibt, um zu beweisen, dass es in manchen Fällen nur eines Dirigentenprinzen bedarf, der ein verkanntes Werk wachzuküssen imstande ist. So war es bei Petrenko mit Elgars Zweiter und – auch in Salzburg – mit Franz Schmidts Vierter. Kann leicht sein, dass auch diesmal wieder viele Musikfreunde am Tag nach dem Konzert auf die Suche gehen, ob es von dieser Entdeckung eine gute Aufnahme gibt. Sie werden fündig: Petrenko hat das „Sommermärchen“ schon in seiner Zeit als Chefdirigent der Komischen Oper Berlin mit seinem damaligen Orchester eingespielt.

Zum Geburtstag

Eine Pioniertat hat übrigens auch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien geleistet, als es vor Jahren das orchestrale Hauptwerk des führenden Wiener Avantgarde-Meisters Friedrich Cerha für Schallplatten aufgenommen hat: Die „Spiegel für Orchester“ zählen zu den Meilensteinen der Moderne und stellen einen Versuch dar, mit den klanglichen Mitteln eines riesigen Orchesters sozusagen malerisch tätig zu werden. Es sind in sich bewegte, grandiose Klangbilder, die da entstehen. Musik wie abstrakte Malerei. Es ist noch nicht lang her, dass solches ein Festspielpublikum irritiert hat. Mittlerweile aber haben alle erkannt, welch bahnbrechendes Meisterwerk Cerha hier gelungen ist.

Zuletzt ernteten die „Spiegel“ regelmäßig frenetischen Beifall. Ingo Metzmacher dirigiert das RSO am 7.  August in der Felsenreitschule, dem idealen Ort für solche gigantisch dimensionierten Klangschüttbilder. Die Aufführung ist eine Verbeugung vor Friedrich Cerha zu seinem 95.  Geburtstag, der im Februar zu feiern gewesen ist. Salzburg hat allen Grund, diesem Meister dankbar zu sein: Das Jubiläum ist nämlich ein doppeltes. 1981, also vor genau 40 Jahren, triumphierte Cerha das erste Mal im Festspielhaus – seine Brecht-Vertonung „Baal“ mit dem unvergessenen Theo Adam in der Titelpartie war eine der erfolgreichsten Uraufführungen, die jemals in Salzburg stattgefunden hatten.

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at