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Proklamiert. Bettina Hering möchte Diskussionen über wichtige Schriften anfachen.
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Salzburger Festspiele

Manifeste und einstige Größen

Schauspieldirektorin Bettina Hering wirft mit Texten und Kinoklassikern mit Festspielkonnex einen Blick zurück.

Schauspieldirektorin Bettina Hering hat anlässlich hundert Jahre Festspiele die Reihe „Manifeste!“ programmiert, in der Festspielkünstler am 6. und 8.  August Auszüge aus Schriften vortragen, die in politisch-sozialer und ästhetischer Hinsicht das letzte Jahrhundert maßgeblich beeinflusst haben – von Lenins „Dekret über Grund und Boden“ bis zu Bretons „Für eine freie revolutionäre Kunst“. Danach wird mit Carolin Emcke, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Thea Dorn, Florentina Holzinger, Mithu M. Sanyal, Milo Rau und Feridun Zaimoglu diskutiert. In einer Kinoreihe wird außerdem auf die Anfangszeit der Festspiele geschaut.

Welche Manifeste haben Sie für die gleichnamigen Lesungen ausgewählt und warum gerade diese?

Es sind einerseits politisch-soziale Manifeste und andererseits ästhetische Manifeste zu Kunst und Kultur, die die letzten gut hundert Jahre maßgeblich beeinflusst haben. Sie unterscheiden sich in Umfang, Struktur, Sprache. Was sie aber alle verbindet, ist, dass sie wichtige Zeitdokumente sind, deren Forderungen auch Taten gefolgt sind, wie das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels, Lincolns „Proklamation zur Abschaffung der Sklaverei“, das Manifest zur Gründung des Futurismus oder jenes zum Bauhaus.

Was möchte man durch die Lesungen und die anschließenden Diskussionen anregen?

Im zweiten Jahr unserer 100-Jahre-Jubiläumsfeiern nehme ich quasi eine Standortbestimmung vor: Wo stehen wir heute? Was scheint überwunden zu sein, was vergessen, zu Recht oder Unrecht? Was sollten oder könnten die Ingredienzien für ein zukünftiges Manifest sein? Gerade durch Corona wurden Konflikte verstärkt und sichtbarer, viele Diskurse global weiter entfacht. Das Bedürfnis nach aktuellen Manifesten ist da.

Inwiefern weisen diese Zeitdokumente auch in die Zukunft?

Viele dieser Manifeste haben Anteile, die durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte wieder hochaktuell sind. Seien es zum Beispiel die Grundsätze über Verteilung von Grund und Boden, die Verbesserung der sozialen Situation, der Teilnahme, Produktionsverhältnisse, auch im künstlerischen Bereich!

Einen Blick zurück werfen Sie auch mit „Theater im Kino“. Was möchten Sie zeigen und lässt sich der Filmkosmos rund um Max Reinhardt speziell charakterisieren?

Dem Kurator Olaf Möller und mir ist wichtig gewesen, dass wir die ungeheure darstellerische Kraft des sogenannten Reinhardt-Ensembles zeigen, das zwischen 1920 und 1937 in vielfältiger Besetzung im „Jedermann“ engagiert gewesen ist. Durch das große Interesse von Reinhardt am Film haben die meisten dieser Darstellerinnen und Darsteller scheinbar mühelos zwischen der Bühne und der Leinwand gewechselt und beides geprägt.

Welche Schauspieler kommen hier besonders zu Ehren?

Innerhalb von vier Wochen können vom legendären Alexander Moissi, von Johanna Terwin, Werner Krauß, Heinrich George, Dagny Servaes bis zur Thimig-Dynastie Filmklassiker der Zeit wie absolute Raritäten im „DAS KINO“ mit musikalischer Begleitung bei den Stummfilmen genossen werden.

Kann man im Kosmos jener Schauspieler, mit denen Reinhardt vorrangig gearbeitet hat, einen gemeinsamen Stil erkennen?

Reinhardts Credo, dass Schauspielkunst Enthüllung und nicht Verwandlung sei, zeigt sich daran, dass viele starke Persönlichkeiten sein Ensemble geprägt haben. Durch die darstellerische Genauigkeit, die Reinhardt geschaffen und eingefordert hat, durchaus verbunden mit Expressivität im Zusammenhang mit den großen Bühnen, die bespielt worden sind, ist jede und jeder Einzelne aus seinem Schauspielkosmos ein Ereignis.

Inwiefern kann man daraus auch Rückschlüsse über die Arbeit damals bei den Festspielen ziehen?

Nach vielen Dokumenten, die uns vorliegen, wissen wir, dass begeistert, äußerst kollegial und unermüdlich geprobt und gespielt worden ist. Diese verschworene künstlerische Gemeinschaft, die sich damals bei den Festspielen gebildet hat, ist auch heute glücklicherweise noch zu finden.

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at