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Empfehlungen

Bücher für den Sommer: Empfehlungen aus der Redaktion

Harter Boden und kluge Konversationen, ein omnipräsenter Dracula und Hochstapler im Literaturbetrieb: Welche Romane, Thriller und Krimis die Rezensenten der "Presse" in den vergangenen Monaten begeistert haben.

Unterhaltsame Lektüre und Meisterwerke der Literatur: Diese Bücher haben die Kritiker der „Presse“ im ersten Halbjahr 2021 überzeugt.

Die Jugend ist ein hartes Land

Benedict Wells ist Deutscher, in "Hard Land" aber spricht er mit einer Stimme, die an die besten amerikanischen Erzähler erinnert. Der 15-jährige Einzelgänger Sam Turner sucht in den 1980er Jahren nach seinem Platz im Leben im allgemeinen und in der Kleinstadt Grady, Missouri, im besonderen. Er findet ihn an einem ungewöhnlichen Ort: dem alten Kino. Dessen bunte Truppe von Mitarbeitern wird für Sam Heimat und Herausforderung gleichermaßen und trägt ihn durch die ersten großen Tragödien seines jungen Lebens. Berührend und herzerwärmend. (DO)

Benedict Wells: "Hard Land", Diogenes-Verlag, 352 Seiten, 24,90 Euro

Alle Weißen raus!

„Alle Weißen raus.“ So beginnt ein Seminar von Saraswati, Starprofessorin für Intercultural Studies in Düsseldorf. Und was machen die? Sie gehen. Und die übrigen Studierenden schwärmen über Saraswati, um deren Bücher wie „Decolonize your soul“ ein Kult herrscht. In den Hype stimmt auch Nivedita ein, aus ihrer Sicht erzählt die 1971 geborene deutsche Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Mithu Sanyal ihren leichtfüßigen Debütroman über ein gar nicht leichtes Thema: die inneren Widersprüche postkolonialistischer Identitätspolitik. Niveditas innere Welt gerät durch eine Enthüllung durchainander: Saraswati ist „weiß“, eigentlich heißt sie Sarah Vera Thielmann und stammt aus einem deutschen Haushalt mit Klavier und Couch. Ihre Hautfarbe hat sie verdunkeln lassen.

Mithu M.Sanyal: Identitti. Hanser Verlag, 432 Seiten, geb., 22,70 Euro


Das Geheimnis der Rebbetzin

Surie Eckstein ist ein hoch angesehenes Mitglied der jüdisch-orthodoxen Gemeinde in Williamsburg, Brooklyn. Sie ist die Frau des Rabbis, hat zehn Kinder und 32 Enkelkinder. Surie Eckstein ist 57 Jahre alt, als sie feststellt, dass sie neuerlich schwanger ist, mit Zwillingen. Diese Nachricht bringt Suries wohlgeordnete Welt ins Wanken und lässt sie die unbeugsamen Normen ihrer streng religiösen Welt hinterfragen. Dieser Roman eröffnet nicht nur Surie den Blick in eine neue Dimension. "Unorthodox" für reife Leser. (DO)

Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt, übersetzt von Anette Grube, Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 24,90 Euro

 

England-Krimi: Vier Senioren und ein Mord

Immer donnerstags treffen sich Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim im Puzzlezimmer ihres Seniorenheims, um über alte Kriminalfälle zu spekulieren. Als dann tatsächlich ein Mord in ihrem Umfeld passiert - ein Bauunternehmer wird erschlagen -, können die vier schrullig-sympathischen Senioren ihr Glück kaum fassen: ein echter Mordfall, bei dem sie parallel zur Polizei (und man ahnt es, natürlich erfolgreicher) ermitteln können! Richard Osman ist mit seinem Debüt in seiner Heimat England ein Bestseller gelungen, durchaus zu recht. Ein amüsanter Krimi, mit ungewöhnlichen Helden und unterhaltsamen Wendungen. (mpm)

Richard Osman: "Der Donnerstagsmordclub", übersetzt von Sabine Roth, List, 458 Seiten, 16,50 Euro

 

Erinnerungen an schöne und traurige Zeiten

Wie ist es möglich, dass Menschen einfach verschwinden, morgens aus dem Haus gehen und abends nicht mehr wiederkehren? Der Ich-Erzählerin in Barney Norris‘ zweitem Roman „Die Jahre ohne uns“ ist genau das passiert. Ihr Vater ist verschwunden. Und später verschwindet noch jemand aus ihrem Leben, spurlos, ohne es anzukündigen. Kann eine Wunde, die zweimal aufgerissen wurde, je heilen? Die Ich-Erzählerin lebt tapfer ihr Leben weiter, schleppt sich von Tag zu Tag, geht sogar zurück in die Gegend ihrer Kindheit, dahin, wo sie einst mit Mutter und Vater gewohnt hat. Und dann trifft sie ihn an einer Hotelbar. Auch er hat viel hinter sich. Die beiden erzählen. Barney Norris hat einen berührenden, aber nie in Kitsch abdriftenden Roman über zwei Liebende geschrieben. (cle)

Barney Norris, „Die Jahre ohne uns“, übersetzt von Johann Christoph Maass, Dumont, 272 Seiten, 22,95 Euro

Rossini und der Russe

Fakten und Fiktion charmant vermischt: Schauspieler Michael Dangl lässt höchst unterschiedlichen Charaktere in Venedig aufeinandertreffen. Da der 70-jährige, berühmte Rossini, der zeigt, was es heißt, die Liebe, das Leben und vor allem auch das Essen zu zelebrieren. Dort der erst 40-jährige Dostojewskij, den Gefängnisaufenthalt, Straflager in Sibirien Epilepsie und Spielsucht frühzeitig altern ließen. Einige Tage verbringen sie in dem Roman miteinander, Dangl verschmilzt die Tragik des schwermütigen Dichters mit feiner Komik. „Niemand wird mir je beweisen können“, schreibt er, dass die Geschichte „nicht doch so stattgefunden hat“. Und man vergisst es beinahe, wenn man den regen, klugen Konversationen der beiden Männer über die Bedeutung von Musik und Literatur, über die Menschen, ja, den Sinn des Lebens folgt. (mjm)

Michael Dangl: „Orangen für Dostojewskij“, Braumüller-Verlag, 480 Seiten, 24 Euro.

 

Über die Liebe schreiben

„Roman d’amour“ ist der Titel von Sylvie Schenks Roman und naturgemäß geht es um die Liebe. Formal ist es eher eine Novelle. Dass das Buch dennoch so heißt, ist raffinierter, als es zunächst scheint. Erzählt wird die Geschichte einer französischen Schriftstellerin, die, wie die Autorin selbst, seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Nun soll sie für ihren „Roman d’amour“ auf einer kleinen deutschen Insel in der Nordsee einen Preis bekommen. Vor der Zeremonie wird sie von einer lokalen Reporterin interviewt. Die alternde Autorin kann der Versuchung nicht widerstehen, die etwas naiv wirkende Journalistin zu provozieren, die aber bleibt beharrlich bei ihren essenziellen Fragen: wie wir erkennen, ob es tatsächlich Liebe ist oder ob wir uns selbst und anderen etwas vormachen. Offensichtlich also geht es um das, was zwischen Liebenden passiert. Subkutan aber wird hier eine ganz andere Geschichte erzählt, nämlich die von einer jüngeren ernsthaften Frau und einer etwas abgebrühten, desillusionierten. Sie unterhalten sich über Literatur, was ist Fiktion, was ist Realität? Die Grenzen verschwimmen. (cle)

Sylvie Schenk, „Roman d’amour“, Hanser Verlag, 128 Seiten, 18.50 Euro

 

Der Literaturbetrieb und seine Hochstapler

Den angehenden Schriftsteller Maurice Swift plagt ein immenses Handicap – der Horror Vacui, die Angst vor der leeren Seite. Und so entwickelt er ein Talent, die Geschichten anderer skrupellos und mit zunehmend krimineller Energie auf- und die Erzähler auszusaugen. Sie verfallen dem durchtriebenen Schönling und stürzen auf die eine oder andere Weise in ihr Unheil. John Boyne, Autor des Bestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“, strickt einen fesselnden Plot. „Die Geschichte eines Lügners“ ist ein Schlüssellochroman über die Eitelkeiten des Literaturbetriebs, voller Fantasie, freilich nicht frei von Klischees. (vier)

John Boyne: „Die Geschichte eines Lügners“, übersetzt von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg, Piper, 432 Seiten, 24,70 Euro

 

Polen, 1980: Die Partei sorgt für alle

„Wir waren zusammen in diesem Bus“: Der Anfang einer bittersüßen Liebesgeschichte. Einfühlsam und mitreißend erzählt Tomasz Jedrowski von der Annäherung zweier junger Männer im Sommer 1980 in Polen auf dem Weg zu ihrem verpflichtenden Landarbeitsdienst. Ludwik, der Ich-Erzähler, lernt Janusz eines Abends näher kennen. Sie kommen gleich ins Gespräch, und irgendwann erwähnt Ludwik ein Buch über die Liebe zwischen zwei Männern. Als der Arbeitsdienst vorüber ist, machen sich die beiden Studenten spontan auf in die Masuren. Sie verbringen einige Tage in schwereloser Freiheit, doch die Realität holt sie ein. Ludwik will eine Doktorarbeit schreiben, aber für eine Zulassung muss man der Partei zu Gesicht stehen. Plötzlich steckt er in einer Zwickmühle: Soll er sich über seine Mitmenschen – die Arbeiterklasse – erheben, indem er weiterstudiert? Janusz hegt solche Skrupel nicht – er nimmt eine Stelle in der Regierung an, denn: „Die Partei sorgt für uns.“ Eine bei Strafe verbotene (homosexuelle) Liebe in einem Regime, das „Gleichheit“ predigt, dessen Vertreter aber ungleich in Reichtum leben; ein Staat, der alle „Misstritte“ registriert; zugewiesene Lebensräume und Essensportionen – wie soll sich Ludwik entscheiden? (AB)

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos. Übersetzt von Brigitte Jakobeit. Hoffmann & Campe, 224 S., 23,70 Euro.

Dracula ist jetzt überall

Ein Dorf nahe Bukarest. Mit blühenden Gärten, in denen Gießkannen verrosten, mit lauschigen Wäldern und tristen Tankstellen. Eine Idylle. Aber brüchig. Mittendrin: Eine Villa wie anno dazumal, in der eine heitere Gesellschaft ihre Sommerfrische verlebt. Man lagert auf Ottomanen, isst von gold umrandeten Tellern, Klassiker werden zitiert. Mit einer Mischung aus Wehmut und Witz beschreibt Dana Grigorcea diese Gesellschaft, über die bald Düsteres hereinbrechen wird, denn die rumänisch-schweizerische Autorin lässt den Woiwoden-Fürsten Vlad wiederauferstehen. Der finstere Fürst Transsilvaniens, Vorbild für Bram Stokers „Dracula“, liegt im Familiengrab und der gruselige Friedhof wird von Besuchern aus dem Ausland überrannt.

Dana Grigorcea: Die nicht sterben, Penguin Verlag,, 272 Seiten, geb., 22,70 Euro.

Marokkos harter Boden: Slimanis Familiensaga

Die Elsäßerin Mathilde ist hart im Nehmen, aber das hilft ihr erst mal wenig, als sie im Marokko der Fünfzigerjahre landet. Der Boden ist so hart wie die Menschen, und die Liebe, deretwegen sie ihre Heimat verlassen hat, hat sie enttäuscht. Zunehmend gewalttätig zeigt sich ihr exotisch-schöner Mann nach der Ankunft, und oft genug sagt er ihr, wie das Leben hier in Marokko eben nicht läuft. Es ist ein Land der Männer - und ein Land in Unruhe. Die französischen Kolonisten kommen unter Druck, die Einheimischen werden stärker. Die politische Unterdrückung, die familiäre und die Not in der unmittelbaren Umgebung: Nichts steht still im ersten einer auf drei Teile angelegten Familiensaga. Mitreißend und in eindrücklichen Bildern erzählt. (rovi)

Leïla Slimani: Das Land der Anderen, übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma. Roman. Luchterhand Literaturverlag, 384 Seiten, geb., € 22,70

Der Kampf um den Plastikschwan

Claasen macht den Zufall zum Gesetz und will genau dort ein neues Leben beginnen, wo ein Hundehalsband vom Armaturenbrett rutscht. Schließlich landet er in Zandschow, einem Nest im äußersten Norden Deutschlands. Es wirkt wie das ins Absurde überdrehte Klischee vom renitenten, vom Westen „kolonialisierten“ Ex-DDR-Dorf. Dort findet er Sansibar, den Indischen Ozean und Grimms Reh: Schon mit seinen Skurrilitäten unterminiert der Roman jeden Realismus, formal tut er es noch mehr. Es gibt keine lineare Handlung, ganze Textpassagen wiederholen sich im Verlauf des Romans mit nur minimalen Variationen, werden unentwegt neu kombiniert. Beschreibungen kippen in Nonsens, in freie Assoziation, Formeln aus unserer Konsumwelt brechen herein („Weil die Dorfbewohner mit dieser Mitteilung zufrieden waren, drückten sie die Eins“). „Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst ist nicht nur literarisch grandios. Der Roman lässt einen auch freier atmen. (sim)

Thomas Kunst: „Zandschower Klinken“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
254 Seiten, 22 Euro.

Auch kleine Tiere können beißen

"Alle kleinen Tiere werden von den großen gefressen", fasst Tom in Anne Goldmanns Spannungsroman seine bisherigen Lebenserfahrungen zusammen. Tom ist einer von vier vom Leben gebeutelten Außenseitern, die Goldmann in einer Wiener Stadtrandsiedlung aufeinandertreffen lässt. Aber wie sich bald herausstellt, haben auch kleine Tiere Zähne. Und damit beißen sie zu, wenn sie in die Enge getrieben werden. Anne Goldmann hat mit dem literarischen Thriller ihre künstlerische Heimat gefunden. Über dieses Buch denkt man noch länger nach. (DO)

Anne Goldmann: Alle kleinen Tiere, Argument Verlag mit Ariadne, 300 Seiten, 18 Euro