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Nobelpreis an einen Kartografen der Macht

Nobelpreis einen Kartografen Macht
(c) REUTERS (SUSANA VERA)
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Mario Vargas Llosa erhält den Literatur-Nobelpreis 2010. Ausgezeichnet wurde der politische Autor – aber der Peruaner konnte auch anders: fantastisch, burlesk, tief komisch.

Es ist vermutlich eine der komischsten Szenen der lateinamerikanischen Literatur: Ein Verfasser von Hörspielen, getrieben von seinem eigenen Erfolg, von der stetig wachsenden Nachfrage nach seinen Radio Novelas, kennt sich irgendwann einfach nicht mehr aus: Welche Figur spielt noch einmal in welcher Serie? Wie heißt gleich die Geliebte des Helden? Und worum ging es noch einmal genau? Von den eigenen Figuren und ihren Geschichten in die Enge getrieben, löst der Lohnschreiber den gordischen Knoten mit einem gewaltigen Streich: In einem finalen Akt lässt er die Figuren all seiner Hörspiele aufeinandertreffen und metzelt sie nieder. Er ist befreit. Und das Radio, das die Hörspiele gesendet hat, auch.

„Tante Julia und der Lohnschreiber“, 1977 erschienen, ist eines der erfolgreichsten Bücher von Mario Vargas Llosa – und zeigt eine wichtige Facette des Autors: die (selbst-)ironische, anarchische. Diese Facette prägt auch das „Lob der Stiefmutter“, den leicht hingetupften, burlesken, dabei durchaus erotischen Band über einen engelsgleichen Knaben, der nach allen Regeln der Kunst die neue Frau seines Vaters verführt. Oder den Roman „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“: Ein biederer Offizier wird beauftragt, seine Untergebenen davon abzuhalten, die weibliche Bevölkerung zu belästigen – und tut sich mit einer Puffmutter zusammen. Was ist möglich? Was ist denkbar? Was könnte sein?

 

Bissige Bilder vom Widerstand

Wenn man der Begründung des Nobelpreiskomitees folgt, wird der Peruaner allerdings nicht für seine lustvoll überbordenden, die Psychologie seiner Figuren ausreizenden Werke ausgezeichnet. Mario Vargas Llosa, 1936 in Arequipa im Süden Perus geboren, in Bolivien aufgewachsen und nach Studien in Lima und Madrid in Europa genauso beheimatet wie in Lateinamerika, erhält den Preis für seine „Kartografien von Machtstrukturen und seine bissigen Bilder von Widerstand, Revolte und Niederlage des Individuums“. Also vor allem für seine politischen Werke: „Die Stadt und die Hunde“, 1962 erschienen, wird explizit genannt: Ein nicht gerade für zart besaitete Gemüter gedachtes Werk, mit dem der Autor das oft gebrauchte Diktum von der Belletristik als der „schönen“ Literatur Lügen straft. Der regimekritische Band, in dem Vargas Llosa eigene Erfahrungen aufgreift und sich gegen die Militärs und eine von Gewalt bestimmte Erziehung wendet, wurde öffentlich in Lima verbrannt.

Mario Vargas Llosa, in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, verstand sich damals als links. Später rückte er von seinen Überzeugungen ab, überwarf sich mit Gabriel García Márquez, über den er promoviert hatte und den er dann „Höfling Castros“ nannte – und sprach einer neoliberalen Wende in seinem Land das Wort. Mit diesem Programm trat er 1990 als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático für die peruanischen Präsidentschaftswahlen an, scheiterte aber im zweiten Wahlgang gegen Alberto Fujimori, der in der Folge drohte, ihm die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Seither ist Mario Vargas Llosa spanischer Staatsbürger und hält sich vor allem in London und Madrid, aber auch in Paris und den USA auf.

Seine Erfahrungen als Politiker verarbeitete er in dem – wie er selbst erklärte – eng an die Realität angelehnten Band „Der Fisch im Wasser“ (1993): „Ich erzähle so ehrlich wie möglich meine Geschichte des politischen Vereinnahmtseins“, erklärte er 1993 in einem Gespräch mit der „Presse“. „Der Fisch im Wasser“ provozierte in Peru wütende Reaktionen, Gegendarstellungen, Vorwürfe von Mitstreitern und Kontrahenten.

 

Die Macht des Autors in Lateinamerika

Der Autor führte seinen Kampf gegen das Fujimori-Regime von Europa aus weiter. Dass er als Tagespolitiker gescheitert war, erkannte Vargas Llosa allerdings bald und wandte sich wieder dem zu, was er die „Macht des Autors in Lateinamerika“ nannte, wo sich die idealistische Vorstellung vom Autor als moralisches und soziales Gewissen weit länger erhalten hat als in Europa. Dazu gehören neben Essays, Artikeln und Interviews auch jene vom Nobelpreiskomitee gemeinten Romane, die sich mit Strukturen der Macht, mit Machtmissbrauch, mit Korruption und der verbreiteten Alltagsbrutalität in Lateinamerika und darüber hinaus beschäftigen. In „Der Krieg am Ende der Welt“ (1982) beschreibt er die Auswirkungen von politischem Fanatismus, „Maytas Geschichte“ (1984) handelt davon, wie revolutionäre Ideale schmählich und tragisch scheitern. „Das Fest des Ziegenbocks“ (2000), von manchen als eines seiner stärksten Bücher bezeichnet, mischt Vargas Llosa Historie und Fiktion: Im Mittelpunkt des Romans steht der sadistische Diktator Rafael Leónidas Trujillo, der die Dominikanische Republik in Angst und Schrecken versetzte – und letztlich von ehemaligen Mitarbeitern umgebracht wurde.

1996 wurde Vargas Llosa mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, für seine „Zivilcourage“ und dafür, dass er „Freiheit und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seines erzählerischen Schaffens“ stellt. Das Nobelpreiskomitee schlägt in die gleiche Kerbe. Mario Vargas Llosa, der politische Autor, hat es auf den Gipfel des Ruhms geschafft.

Vargas Llosa, der fantastisch-überbordende Autor, hat vermutlich mehr Leser.

Reaktionen

„Gar nicht so dumm“ sei die Wahl der Stockholmer Jury diesmal, sagte der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Das Votum sei eine „sehr gute Entscheidung“. „Vargas Llosa ist ein Schriftsteller mit Fantasie und Realismus, mit Gefühl für die Figuren. Und er ist sehr gut lesbar.“

„Eine bessere Wahl wäre nicht möglich gewesen“, findet Autor Daniel Kehlmann. Der große Bewunderer lateinamerikanischer Literatur hat in den vergangenen Jahren immer wieder für Vargas Llosa als Literatur-Nobelpreisträger plädiert.

An einen Scherz glaubte Mario Vargas Llosa selbst beim ersten Telefonanruf. Er sei von der Entscheidung völlig überrascht worden. „Schon seit mehreren Jahren war mein Name nicht mehr im Zusammenhang mit dem Nobelpreis genannt worden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2010)