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Zufallsfund: Hirn wird jung und flexibel

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Ketamin oder Lichtflimmern löschen alte Erinnerungen.

Der Duft von Omas Kuchen, der Klang der ersten Fahrradklingel – Erinnerungen aus der Kindheit sind oft fest im Gehirn verankert. Das schaffen u. a. perineuronale Netze (PNN), indem sie die Verbindung zwischen Neuronen stabilisieren. Die gitterartige PNN-Struktur umfasst Synapsen, den Spalt zwischen zwei Nervenzellen, und verhindert auch, dass sich dort neue Synapsen bilden und alte Erinnerung überschreiben.

Ein junges Gehirn ist offen für Neugestaltungen, doch mit steigendem Alter verfestigen sich immer mehr Synapsen und machen das Hirn unflexibel. Einem Team des Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg fiel an Mäusen auf, dass in deren Gehirn die PNN verschwanden, nachdem man sie für andere Forschungszwecke betäubt hatte. Sieben Tage lang waren die PNN verschwunden, die Nervenverbindungen fixieren.

Appetit der Fresszellen

Das Team um Sandra Siegert und Alessandro Venturino führte diese Besonderheit auf das Narkosemittel Ketamin zurück, das in der Tiermedizin und selten auch bei Menschen eingesetzt wird. In Cell Reports (6. 7.)bestätigen sie nun, dass Ketamin kleine Fresszellen im Gehirn dazu anregt, PNN zu entfernen. Das macht die Nervenverbindungen zugänglich für Neues, es versetzt das Gehirn in einen jüngeren Zustand.

Clevere Testreihen zeigten dann, dass der Appetit der Mikroglia-Fresszellen auch durch Lichtimpulse angeregt wird: Leuchtet man den Mäusen mit Lichtflimmern (60 Hertz) ins Auge, verschwinden ebenfalls die starren PNN-Gitter. Die Hoffnung ist nun groß, dass Ketamin und Lichtflimmern auch bei Menschen sinnvoll wäre, um etwa traumatische Erinnerungen aufzulösen oder anderweitig das Gehirn jünger zu machen. (APA/vers)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2021)