Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Bauphysik

Winziger Dschungel: Moose leben von Luft und Liebe

Ute Woltron
  • Drucken

Im großen Feld der Fassadenbegrünung führen Moose bisher ein Schattendasein. Zu Unrecht, sagen Wissenschaftler der Uni Wien und TU Wien und betonen die Vorteile von mit Moosen begrünten Wänden: wenig Gewicht, keine Wurzeln, kein Wasserbedarf, immer grün.

Lassen Sie Moose leben“, sagt Harald Zechmeister, Botaniker der Uni Wien. Denn diese urtümlichen Pflanzen, die sich vor über 400 Millionen Jahren entwickelt haben, schaden weder auf der Terrasse noch auf der Hauswand oder dem Dach. Im Gegenteil. Gemeinsam mit einem Team des Forschungsbereichs Bauphysik und Bauökologie der TU Wien erprobten die Vegetationsökologen der Uni Wien eine Fassadenbegrünung, die von Moosen profitiert. „Der erste Vorteil ist der Schutz der Fassade und des Untergrunds“, sagt Ulrich Pont von der TU Wien. Während an der Hauswand typische Rankpflanzen wie Efeu oder Wein mit ihren Wurzeln die Wandsubstanz angreifen, setzen sich Moose zerstörungsfrei darauf. Jede gewellte, strukturierte Oberfläche, die etwas porös ist, bietet Moosen ein gutes Zuhause, und Zechmeister hört es gar nicht gern, dass Leute an der Terrasse oder Hauswand Moose wegzupfen: „Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Biodiversität.“

Wenn man mit dem Mikroskop in das vielschichtige System hineinzoomt, erkennt man „einen richtigen Dschungel“. Zwischen den Moospflänzchen wimmelt es von winzigen Tieren wie Insekten, Spinnen und Springschwänzen. Das einzigartige Ökosystem wollen die Forscher auf keinen Fall aus der Natur entnehmen oder stören, wodurch schnell klar war, dass für die Fassadenbegrünung nur gezüchtete Moose zum Einsatz kommen sollen. „Ein Vorbild waren auch Kunstprojekte von Ólafur Elíasson, der Innenräume mit Mooswänden gestaltet, und das mit Moos und Flechten bewachsene Rathaus von Reykjavik in Island“, sagt Pont.

Die Idee des Projekts „Sondierung für die Entwicklung von moosbewachsenen Gebäudefassadenpaneelen“, das vom Klimaschutzministerium gefördert wurde, ging aber weiter. „Gerade in Innenräumen werden oft tote Moose oder künstlich erhaltene verwendet“, sagt Pont. Das Forschungsteam untersuchte hingegen genau, welche Moosarten unter welchen Bedingungen gut am Leben bleiben und sich dauerhaft als Fassadengrün eignen.

Aufwachen nach dem Sommerschlaf

„Das ist ja der große Vorteil, dass Moose ganzjährig grün sind. Vor allem im Winter, wenn andere Pflanzen wie leere Skelette wirken, sind sie strahlend grün, da sie kühles, feuchtes Klima bevorzugen“, sagt Pont. Wenn es heiß und trocken wird, sterben die kleinen Pflanzen aber nicht ab, sondern gehen in einen „Sommerschlaf“, werden ein bisschen trocken und grau. „Aber sobald wieder Feuchte da ist, ergrünen sie und wachsen weiter“, sagt Zechmeister.

Der Bauphysiker Pont betont auch, dass Moose im Gegensatz zu anderen Pflanzen weder Bewässerungsleitungen noch große, schwere Erdbehältnisse benötigen: „Beides ist aus baulicher Sicht problematisch. Der konstruktive Aufwand ist in der Regel viel geringer als bei anderen Pflanzen.“ Zudem brauchen die Moose keinerlei Pflege durch die Hausbewohner. „Moose leben fast von Luft und Liebe“, sagt Zechmeister. Sie beziehen jegliche Nährstoffe aus der Luft, durch Regen, Schnee und Staub – und decken auch ihren Wasserbedarf mit Luftfeuchte und Regen. Sogar ihr Verbreitungsweg gelingt über den Wind: Moossporen sind immer in der Luft. Daher ist eine weitere Idee des Teams, anstatt der vorgezüchteten Moos-Teppiche auch leere entsprechende Bereiche an Bauwerken zur Verfügung zu stellen, die durch ihre Struktur und Gestaltung ideale Bedingungen für eine „natürliche“ Moosbesiedelung bieten.

„Das braucht aber seine Zeit, Moose wachsen nicht schnell“, so Zechmeister. Wichtig ist jedenfalls die Orientierung an der Gebäudewand: Man kennt ja von Bäumen und alten Hütten die „Wetterseite“, also die feuchtere und kühlere Seite, an der Moose besser wachsen. In der Forschung werden aber nun auch gezielt Arten gesucht, die für Südseiten geeignet sind, ohne bewässert werden zu müssen. „Aus baulicher Sicht haben Moosansiedelungen auch den Vorteil der Schalldämmung aufgrund ihrer weichen Oberflächen sowie der Staubbindung“, sagt Pont. Sogar beim Brandschutz haben sie die Nase im Vergleich zu Rankpflanzen vorn, da sich Moose nicht gebäude- bzw. bauteilübergreifend ausdehnen und keine Gefahr eines Brandüberschlags besteht.

in Zahlen

1100 Moosarten gibt es circa in Österreich. Mit langjähriger Erfahrung und Kenntnis über die Ökologie der Arten kann man jeweils eine gute Vorauswahlen treffen, welche Moose für welche Begrünung an den verschiedenen Standorten geeignet sind.

50 Prozent
und mehr der Moosarten sind kleiner als ein Zentimeter. Sie gehören zu den ursprünglichsten Landpflanzen und haben im Gegensatz zu Farn- und Samenpflanzen keine Wurzeln. Ihre Wüchsigkeit hängt vom Substrat, ihrer Austrocknungsresistenz und Lichtpräferenz ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2021)