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Mein Samstag

Ode an die Artischocke

Clemens Fabry
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Einfach macht es einem die Pflanze ja nicht, sie zu mögen. Aber es zahlt sich aus.

Deutsch gehört nicht unbedingt zu den lieblicheren Sprachen, aber für die Artischocke ist eine Bezeichnung gewachsen, die der Pflanze vergleichsweise gerecht wird. Ich finde, das hört sich schön an. Anders als im Italienischen. Denn dafür, dass das Land so sehr von seiner Artischocke zehrt, gab es ihr mit carciofo einen ziemlich unrühmlich klingenden Namen.

Dabei sieht man die Pflanze in Italien überall: Auf dem Markt werden die erstaunlich hübschen, grün-violetten Blüten als Blumenstrauß verkauft. Getrunken wird die Artischocke auch: Cynar ist der bitterere kleine Bruder des Aperol, der zu den Aperitivo-Familienfesten kommen darf. Und gegessen wird der carciofo, im Italienischen ist die Artischocke nämlich männlich, sowieso: vom Stiel bis zum Herz.

Aber der Pflanze nähert man sich für gewöhnlich nur sehr vorsichtig an: Nicht nur, weil sie – das musste ich nachlesen – ein Distelgewächs ist. Als Kind ist sie, die seltenen Male, an denen man mit ihr in Berührung kommt, meistens ziemlich suspekt. Es ist eben Gemüse. Und auch später macht es einem die Artischocke nicht ganz einfach. Ist man alt genug, um sie probieren zu wollen, stellt man fest: Es ist ziemlich viel Arbeit für wenig Sättigung. Zuerst zupft man die Blätter ab, dann saugt man ihr Fleisch ab und fragt sich skeptisch,wie viel man davon nagen kann. Am Ende wundert man sich, wie viel auf dem Teller übrig bleibt. Wobei das Essen immer noch weniger anstrengend ist als das Kochen. Erst nach einer Weile lernt man, wie viele Arten es gibt. Und dass es sich lohnt.

Übrigens: Die Namen für Artischocke und carciofo leiten sich offenbar beide aus dem Arabischen ab. Wobei der deutsche Begriff aus dem norditalienischen articiocco entlehnt wurde. Und das ist eigentlich auch ganz hübsch. Wie die Artischocke eben.

E-Mails an: iris.bonavida@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2021)