Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der ökonomische Blick

Wie entstehen populistische Tendenzen? Ein ökonomischer Erklärungsansatz

Demonstration in Nordirland: Die Diskussion rund um Populismus wurde unter anderem durch den Brexit angeheizt.
Demonstration in Nordirland: Die Diskussion rund um Populismus wurde unter anderem durch den Brexit angeheizt.REUTERS
  • Drucken

Warum gibt es zunehmend populistische Tendenzen in westlichen Demokratien? Die zwei Ökonomen Lubos Pastor und Pietro Veronesi bieten einen Erklärungsansatz.

Die Zunahme von populistischen Tendenzen in westlichen Demokratien ist ebenso wie die zunehmende globalisierungskritische Einstellung breiter Bevölkerungsschichten eine bereits seit längerem immer wieder diskutierte Entwicklung, die aber in der unmittelbaren Vergangenheit durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und durch das Votum für den Brexit im Vereinigtem Königreich noch stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist. Es wurden dafür verschiedene Erklärungsansätze ins Spiel gebracht, wie zum Beispiel der generelle Rückgang aufklärerischer Werte oder eine zunehmende – durch soziale Medien verstärkte – Naivität der Wählerschaft im Umgang mit populistischen Versprechungen. Diese Diskussion wurde durch einen rein ökonomischen Erklärungsansatz erweitert, der von den beiden renommierten an der University of Chicago lehrenden Ökonomen Lubos Pastor und Pietro Veronesi in einem rezenten Arbeitspapier vorgestellt wurde.

Dieser Blogbeitrag versucht diesen Erklärungsansatz einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen und beruht nicht auf meinen eigenen wissenschaftlichen Arbeiten.

Der weiteren Vorstellung dieser Idee sei vorangestellt, dass es sich hier um ein ökonomisches Modell handelt, das unter gewissen – sehr genau beschriebenen – Annahmen einen Sachverhalt beschreibt, von dem man dann sagen kann, dass es in Wirklichkeit genauso sein könnte, aber ohne Abgleich mit empirischen Daten niemals sagen wird können, dass es genauso sein muss. Pastor und Veronesi liefern in ihrem Arbeitspapier, das auch noch heuer im Journal of Finance publiziert werden wird, allerdings auch erste empirische Evidenz, die eine starke Unterstützung für ihr Modell zu sein scheint.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

Das Modell von Pastor und Veronesi betrachtet das wirtschaftliche Gleichgewicht in einer Ökonomie mit zwei hypothetischen Ländern, deren Bevölkerung einen unterschiedlichen Grad an Risikoaversion aufweist. In beiden Ländern besteht eine Präferenz gegen Ungleichheit, wobei Ungleichheit als Streuung der Höhe der Anteile der einzelnen Individuen am gesamten Konsum gemessen wird. Im Ausgangszustand besteht ein völlig freier Handel zwischen den beiden Ländern (d.h. die Wirtschaft befindet sich im Zustand der Globalisierung). Der unterschiedliche Grad an Risikoaversion bedingt unterschiedliches Investitions- und Konsumverhalten und in beiden Ökonomien entsteht eine asymmetrische Konsumverteilung, in dem Sinne, dass die Ungleichheit vorrangig durch die extrem hohen Konsumanteile sehr reicher „Eliten“ erzeugt wird. Die Bevölkerung beider Länder hat in der zweiten Stufe des Modells die Wahl zwischen einer „Mainstream“-Regierung, die den jeweils aktuellen Zustand in Bezug auf die Verteilung des Konsums und den Freihandel beibehält, und einer „Populisten“-Regierung, die den Handel zwischen den Ländern beendet und dadurch auch die Ungleichheit in der Konsumverteilung aufgrund der dann geringeren Gesamtproduktion verringert.

Pastor und Veronesi zeigen, dass in ihrem Modell im Land mit der höheren Risikobereitschaft zwar ein höherer Level an Konsum erwirtschaftet wird, dies aber auch mit einem höheren Level an Ungleichheit einhergeht. Die Bevölkerung dieses Landes steht nun vor der Wahl zwischen Mainstream und Populismus. Wählt sie den Populismus, entstehen zunächst Einbußen aufgrund des in der Autarkie geringeren Konsumlevels, die aber bei hinreichend großer Ungleichheit durch den zusätzlichen Nutzen durch die dann geringere Ungleichheit aufgewogen werden können. Dieses Land ist folglich das erste der beiden Länder, das den Populismus wählen wird.

Nach der Wahl steigt der Aktienmarkt

Das Modell von Pastor und Veronesi sagt also voraus, dass populistische Regierungen (im Sinne von anti-elitär und globalisierungsfeindlich) dann eher gewählt werden, je größer die Risikobereitschaft und je größer der Grad an wirtschaftlicher Ungleichheit ist. Dem Modell zufolge neigen Länder mit höherem Pro-Kopf-Einkommen, besser entwickelten Finanzmärkten und größeren Handelsbilanzdefiziten eher zum Populismus. Eine weitere spannende Modellaussage ist, dass nach der Wahl einer populistischen Regierung der Aktienmarkt in diesem Land steigt und die Schwankungen des Konsumlevels im Zeitablauf reduziert werden.

Die abschließende empirische Analyse aller Wahlen nach 2014 in den USA und in der EU zeigt eine erstaunlich gute Übereinstimmung mit den Vorhersagen des Modells. So vereinfachend das Modell in seinen Annahmen auch gestrickt ist, es demonstriert auf irgendwie beklemmende Weise, dass der Rückfall in Isolationismus und Elitenfeindlichkeit nicht unbedingt ein Ausfluss dunkler, irrationaler Emotionen sein muss, sondern durchaus auch das Ergebnis einer Abfolge völlig rationaler ökonomischer Entscheidungsprozesse sein kann.

Besonders interessant ist der Ausblick, den die Autoren in Bezug auf die Policy Implications geben, was also die Politik gegen solche populistischen Entwicklungen aktuell unternehmen könnte. Ihrer Meinung nach am effektivsten – wenn auch in der Umsetzung sehr unrealistisch – wäre die Einführung einer progressiven Konsumsteuer (also einer Art „Luxussteuer“, wie sie teilweise schon in manchen Ländern existiert), um den Grad an Ungleichheit zu kontrollieren. Einen anderen etwas mühsameren aber vielleicht realistischeren Weg sehen Pastor und Veronesi in der Verringerung der Auswirkung fundamentaler Risikoereignisse für die Bevölkerung, z.B. durch die Einführung einer wirtschaftlichen Absicherung im Krankheitsfall. Solche eher sozialstaatlichen Maßnahmen gemeinsam mit geringerer Korruption (was die Aversion gegen hohe Einkommen verringert) könnten die Präferenzen in der Bevölkerung in eine Richtung verändern, die die Wahl von populistischen Regierungen zumindest weniger wahrscheinlich machen.

Der Autor

Stefan Pichler ist Professor für Banken und Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Stefan Pichler
Stefan Pichler(c) © Katharina Schiffl