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Liu Xiaobo: Der Mann, der Peking herausfordert

Xiaobo Mann Peking herausfordert
(c) REUTERS (PETAR KUJUNDZIC)
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Der Friedensnobelpreis geht an einen chinesischen Dissidenten. Er ist in Haft - Peking ist empört über die Ehrung.

Wann wird Liu Xiaobo erfahren, dass er den Friedens-Nobelpreis erhalten hat? Zeitung lesen erlauben ihm seine Wärter nicht, ausländische Radiosender darf er nicht hören. Angeblich darf seine Frau Liu Xia an diesem Samstag zu seinem Gefängnis in der fast fünfhundert Kilometer von Peking entfernten Stadt Jinzhou fahren und ihm die Nachricht persönlich überbringen.

Seitdem der 54-jährige Literaturwissenschaftler und Philosoph Liu Xiaobo im Dezember wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt und zum Umsturz des sozialistischen Systems“ zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, darf seine Frau ihn nur einmal im Monat sehen, dabei aber nur Familiäres besprechen. Zwei Wachleute notieren alles, was sich das Paar in dieser einen kostbaren Stunde erzählt. Stets nimmt eine Kamera die Begegnung auf: „Ich konnte ihm nie sagen, dass sich so viele Menschen für ihn einsetzen und dass er zu den Favoriten für den Friedens-Nobelpreis gehörte“, sagte die 49-jährige Künstlerin der „Presse“ vor wenigen Tagen in Peking. Aber sie glaubt sicher, dass der Preis „gut für China ist“ und das Leben ihres Mannes erleichtern wird: „Sie müssen ihn dann im Gefängnis zumindest gut behandeln.“

Die chinesische Regierung reagierte empört auf die Verleihung des Nobelpreises. „Liu Xiaobo ist ein Krimineller“, verlautete aus dem Außenamt. Nach spontanen Feiern vor Lius Haus in Peking nahm die Polizei 20 Demokratie-Aktivisten fest. Fleißig sind auch Chinas Internet-Zensoren: Wer Suchmaschinen wie Google oder Baidu aufruft und Lius Namen eintippt, dessen Bildschirm friert sofort ein.

 

Forderung nach Meinungsfreiheit

Liu ist der prominenteste Denker aus der chinesischen Bürgerrechtsbewegung: Seit über 20 Jahren setzt er sich für einen friedlichen Wandel zu einem demokratischen China ein – und hat dafür immer wieder die Freiheit verloren. Als er in jener Dezembernacht vor dem „Internationalen Tag der Menschenrechte“ des Jahres 2008 von Polizisten aus seiner Wohnung verschleppt wurde, war er vorbereitet: Wenige Stunden später sollte der von ihm mitverfasste Reformappell „Charta 08“ im Internet veröffentlicht werden, den Liu und über 300 Mitstreiter unterzeichnet hatten.

Nach dem Vorbild großer Freiheitsmanifeste erschien in China nun erstmals ein Dokument, das nicht nur die bestehende Ordnung kritisiert, sondern eine große Zukunftsvision für China entwirft. Seine Autoren sprechen sich für einen demokratischen Mehrparteienstaat aus, in dem die Bürger keine Angst davor haben müssen, ihre Meinung frei zu äußern, für einen Staat mit unabhängigen Gerichten und Religionsfreiheit.

Die Polizei hatte Liu – nach dem alten Motto „das Huhn töten, um die Affen zu erschrecken“ – festgenommen und die 303 Erstunterzeichner einzeln verhört und verwarnt. Dennoch: In den Tagen darauf unterschrieben tausende Chinesen aus allen Teilen des Landes die „Charta 08“: Schriftsteller, Professoren, Anwälte und ehemalige Parteifunktionäre ebenso wie gewöhnliche Bürger. Auf über 8000 Namen soll die Liste inzwischen angewachsen sein.

 

Spross einer Militärfamilie

Wie gefährlich diese Art des zivilen Widerstands nach Ansicht der Regierung ist, zeigt sich in dem scharfen Urteil, das die Pekinger Richter am zweiten Weihnachtstag 2009 in einem Schnellverfahren verhängt haben: Bis zum Jahr 2020 soll Liu für das „Verbrechen“ büßen, die Allmacht und Willkür der Partei herausgefordert zu haben.

Liu wird im Dezember 1955 in eine Militärfamilie in der nordostchinesischen Industriestadt Changchun hineingeboren. Als die Hochschulen nach der Kulturrevolution wieder geöffnet werden, schafft er im Jahr 1978 die Aufnahmeprüfung an die Pädagogische Hochschule der Stadt Jilin.

Anfang der Achtzigerjahre zieht er mit seiner ersten Frau Tao Li nach Peking und spezialisiert sich auf vergleichende Literaturwissenschaft. 1988 promoviert er mit einer Doktorarbeit über „Ästhetik und die Freiheit des Menschen“ an der Pekinger Normaluniversität und beginnt zu unterrichten.
Wie viele chinesische Intellektuelle wirft er sich in den Achtzigerjahren auf die philosophischen Bücher, die erstmals wieder aus dem Ausland nach China hereinkommen: Nietzsche, Hegel, Kant und Heidegger. Er veröffentlicht bald eine Fülle von Artikeln, in denen er die Haltung Intellektueller gegenüber der Obrigkeit kritisiert.

 

Als „Drahtzieher“ verhaftet

Als Studenten 1989 den Tod des wegen seiner relativ aufgeschlossenen Politik beliebten ehemaligen KP-Chefs Hu Yaobang beklagen, schilt er sie als Heuchler und fragt, warum sie nicht um den Dissidenten Wei Jingsheng trauerten, der seit 1979 im Gefängnis sitzt, weil er es gewagt hat, Demokratie zu fordern.

In den folgenden Jahren reist Liu zu kürzeren Forschungsaufenthalten in Ausland, unter anderem nach Oslo und Hawaii. Als im April 1989 Pekinger Studenten auf den Tian'anmen-Platz marschieren und für größere Freiheiten demonstrieren, kehrt Liu aus den USA zurück. Er schließt sich der Demokratiebewegung an. Liu setzt sich für gewaltfreien Widerstand ein, auch als die Panzer gegen die Demonstranten rollen.

In der Nacht zum 4. Juni gelingt es Liu, mit den Militärs zu verhandeln und die Studenten zum Abzug vom Tian'anmen-Platz zu überreden. Zwei Tage später wird er verhaftet. Die Behörden werfen ihm vor, „Drahtzieher“ der Proteste gewesen zu sein und verurteilen ihn zu 18 Monaten im Qincheng-Gefängnis in Peking.

Als er wieder freikommt, hat er Berufsverbot: Er darf nicht mehr unterrichten und auf dem chinesischen Festland keine Essays und Bücher mehr veröffentlichen. Er gründet zusammen mit anderen Autoren den von Chinas Behörden nicht anerkannten Schriftstellerverband PEN. Das Internet wird ihm zur intellektuellen Lebensader. Es hilft Liu wie vielen Bürgerrechtlern aus der Einsamkeit.

 

„Hass zerfrisst die Weisheit“

1995 wird er unter Hausarrest gestellt und ein Jahr später wegen seiner regierungskritischen Artikel für drei Jahre ins Umerziehungslager geworfen. Dort darf er im Jahr 1998 seine zweite Frau Liu Xia heiraten, die ihren Job als Steuerbeamtin aufgegeben hat und als Fotografin, Malerin und Dichterin arbeitet.

Aus dem einst scharf argumentierenden Liu ist in diesen Jahren ein versöhnlicher Mann geworden. Er wird beschattet, steht häufig unter Hausarrest. Seiner Grundüberzeugung, dass Konflikte friedlich gelöst werden müssen, bleibt er trotz aller Schikanen treu.

In seiner Verteidigungsrede vom Dezember 2008, die er vor Gericht nicht halten darf, sagt Liu, er habe „keine Feinde und empfinde keinen Hass“ – auch nicht gegen die Polizisten und die Richter, die ihm seine Freiheit raubten.

Liu: „Hass zerfrisst die Weisheit und das Gewissen eines Menschen. Eine Geisteshaltung, die in Feindschaft wurzelt, kann eine Nation vergiften.“

Seiner Frau Liu Xia hat er in seiner Verteidigungsrede eine der schönsten Liebeserklärungen gemacht: „Auch wenn man mich zu Pulver zermahlt, meine Asche wird dich umarmen.“

Reaktionen

Deutschland. Bundespräsident Wulff sagte dem Nobelpreisträger Deutschlands Unterstützung zu und forderte dessen Freilassung.

EU. Kommissionspräsident Barroso sprach von einer starken Botschaft der Unterstützung für alle, die für Freiheit kämpfen.

UNO.Menschenrechtskommissarin Navi Pillay begrüßte die Anerkennung eines „wichtigen Verteidigers der Menschenrechte“.

Tibet. Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger von 1989: Eine Ermutigung für Reformer in China.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2010)