Edwin Herbert Land hat keinen Nobelpreis bekommen. Schade! Denn ihm verdanken wir zauberhafte Effekte.
Zum zweiten Mal bin ich in diesem herbst nach Graz gefahren, und es hat sich wirklich ausgezahlt. Denn in Graz wurde ich daran erinnert, dass ich den Namen Edwin Herbert Land schon seit Jahren vergessen habe. Sie wissen schon, das ist jener Physiker, der in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit Polyvinylalkohol und eindiffundiertem Jod experimentiert hat. Er hätte für seine friedlichen Erfindungen den Nobelpreis verdient, aber wahrscheinlich war er den schwedischen Juroren nicht akademisch genug.
Land gründete 1937 in Boston die Firma Polaroid. Ohne ihn hätte der polnische General Jaruzelski nicht so schmucke Brillen gehabt, hinter denen er verbarg, was er von Moskau wirklich hielt, aber auch die schicken Künstler der Sechziger- und Siebzigerjahre hätten gar nicht gewusst, wie sie ihre spontanen Einfälle dokumentieren sollten. Denn Ed Land ist auch der Erfinder der Sofortbildkamera, die leider durch den heute gängigen digitalen Schnickschnack gänzlich aus der Mode gekommen ist. Seither, und da wage ich einen Analogievergleich, ist es mit der Fotografie so rasend schnell bergab gegangen wie mit dem Sonett seit der Erfindung des SMS.
Als nun im Grazer Schauspielhaus die Darsteller einer brandheißen Inszenierung wie wild Polaroidfotos schossen, um ihr Treiben für die Nachwelt zu dokumentieren, war mir ganz nostalgisch zumute. Vor 35 Jahren habe ich selbst einmal versucht, mein Leben mit Polaroidfotos einzufangen. Ihre Chemie hat nämlich einen zauberhaften Effekt. Sie dreht die Zeitachse um. Während in der Erinnerung die Bilder verblassen, verläuft bei den Sofortbildern (wenigstens für Minuten) der Prozess umgekehrt. Ein Klick, ein Surren; auf der noch feuchten, monokoloren Bildoberfläche entstehen langsam Konturen, dann sogar noch Farben. Und schon lächelt einem quadratisch die Welt entgegen, die man Augenblicke zuvor über den Sucher wahrgenommen hat. Es riecht nach Säure, aber der Moment ist magisch, und die Bilder haben eine angenehme Wärme.
Im Vergleich zu diesen Zauberkästen des Herrn Land sind die künstlichen digitalen Klickereien geradezu seelenlos. Und von kurzer Dauer. Die Fotos aus den späten Neunzigerjahren, die ich meinem Laptop anvertraut und nicht ausgedruckt habe, gingen nach einem Headcrash längst perdu, die kunstvollen Polaroids aus den Siebzigerjahren hingegen sind in Würde gealtert. Ich kann mich darauf sogar noch erkennen. Damals hat man auf solchen Instant-Fotos noch gelächelt, heute ist das streng verpönt.
Wer findet es denn wirklich lustig, wenn einem das iPhone herausfordernd entgegengestreckt wird, ehe es blitzt. Ich setze dann immer einen Blick auf, der nur in Ansätzen verrät, was ich sagen will, zum Beispiel: „Unterlassen Sie das, Sie widerlicher Libertinär! Ich bin nicht frisiert!“
In Wirklichkeit aber denke ich fatalistisch: „Wahrscheinlich kann morgen jeder Freak auf Facebook sehen, dass ich weit nach Mitternacht in der Roten Bar abgesackt bin, und wo ist meine mitternachtsblaue Seidenkrawatte geblieben?“ Früher hatte man einfach mehr Zeit, sich zu sammeln.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2010)