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Migration

Auf Europa kommt ein neuer Ansturm aus Afghanistan zu

Migranten in der Türkei, hier nahe der Grenze zu Griechenland (Archivbild)APA/AFP/OZAN KOSE
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Mehr als 1000 Afghanen pro Tag kommen angeblich aktuell über den Iran in die Türkei, mit Ziel Europa. In Afghanistan fahren ganze Konvois los, teils mit Militär- und Polizeifahrzeugen. In ein, zwei Wochen könnte es im türkisch-griechischen Grenzraum brenzlig werden.

Das Migrationsproblem steht nach einer langen Phase der Milderung wegen der Pandemie und den damit verbundenen Beschränkungen - nicht zuletzt dem ernsthaften Dichtmachen von Grenzen - vor einer neuerlichen, unangenehmen Verschärfung: Demnach hat von Afghanistan aus über den Iran eine Kolonne von Migranten und Menschen eingesetzt, die vor der drohenden Machtübernehme durch die Taliban nach dem Abzug der ausländischen Truppen fliehen. Zugleich meldet die EU-Grenzschutzagentur Frontex, dass die Zahl der unerlaubten Grenzübertritte in die EU auf den Hauptmigrationsrouten in der ersten Jahreshälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 59 Prozent gestiegen ist: Man habe rund 61.000 Fälle registriert, so Frontex.

Vor allem aus dem Osten der Türkei kommen derzeit Informationen, die nichts Gutes für Europa erwarten lassen: So sieht man dort seit Tagen Massen von Menschen, die zu Fuß, in Autos und Bussen aus dem Iran kommen. Die türkische Provinz Van, die an den Iran grenzt, sei voller Afghanen, sagte der Chef des Menschenrechtsverein IHD in dieser Provinz, Mehmet Karatas, der Deutschen Presse-Agentur. Berichte, wonach geschätzt mehr als 1000 Menschen pro Tag die Grenze wo auch immer passieren, könne er bestätigen.

Absetzbewegung mit Polizei- und Militärfahrzeugen

Dazu gesellen sich befremdliche Nachrichten aus Afghanistan selbst, wonach dort ganze Fahrzeugkonvois mit Menschen, die nach Europa wollen, abfahren - wobei Fahrzeuge bisweilen aus den Beständen der afghanischen Polizei und Armee stammen. Afghanen mit höherer Bildung und/oder einigem Vermögen wiederum versuchten derzeit, über Stipendien oder durch Investitionen in Nachbarländer oder in die Türkei zu gelangen, sagt der Deutsche Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network.

Bei der aktuellen Wanderungsgeschwindigkeit dürfte die „Vorhut" der neuen Fluchtwelle innerhalb von wohl einer Woche bis zehn Tagen den Westen der Türkei bzw. den Bosporus, das Ufer der Ägäis und womöglich auch den Landgrenzraum zu Griechenland und Bulgarien erreicht haben. Die möglichen Konsequenzen dieser Massierung von Menschen, die Eintritt auf EU-Gebiet fordern dürften, sind unabsehbar.

Vize-Innenminister dementiert

Der türkische Vize-Innenminister Ismail Çataklı hat am Dienstag indes die Berichte über massenhaften Grenzübertritte zurückgewiesen. Er sagte, einige der Videos seien im Iran gemacht worden, andere an der afghanisch-iranischen Grenze oder an der afghanisch-tadschikischen. Die Türkei kontrolliere sehr wohl ihre Ostgrenze, darum seien heuer bis Ende Juni schon mehr als 62.000 illegale Migranten festgesetzt worden.

Die Videos würden mit der Absicht verbreitet, der Türkei mangelnde Sicherheitsmaßnahmen zu unterstellen. Laut Çataklı seien auch schon 149 der geplanten 259 Kilometer an Grenzmauern zum Iran fertiggebaut, dazu 90 Prozent der automatischen elektro-optischen Wachanlagen.

Kämpfen statt fliehen

Zuletzt hatte sich die Lage in Afghanistan zugespitzt. Seit Beginn des Komplett-Abzugs der internationalen Truppen im Frühjahr, der mittlerweile praktisch abgeschlossen ist, haben die militant-islamistischen Taliban mindestens ein Viertel der Bezirke des Landes eingenommen und sind in mehrere Provinzhauptstädte eingedrungen. In mehreren Provinzen stehen mittlerweile Stammesmilizen und lokal aufgestellte Bürgerwehren den strauchelnden staatlichen Sicherheitskräften zur Seite. Sie halten (noch) die Stellung und wehren sich gegen den mittelalterlich-islamistischen Feind, statt sich ins Ausland abzusetzen.

Das Land dürfte in einen weiteren Bürgerkrieg abdriften, bei dem die Regierung mit erheblicher Wahrscheinlichkeit verlieren dürfte. Auch eine Fragmentation des Landes ist gut möglich.

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Mutige Männer einer Anti-Taliban-Miliz in der afghanischen Provinz Helmand.APA/AFP/WAKIL KOHSAR

Der Zuwachs von 59 Prozent bei illegalen Migranten im ersten Halbjahr heuer im Vergleich zum 1. Halbjahr 2020 indes ist laut Frontex vor allem der Westbalkanroute geschuldet. Dort kamen mit 18.600 Personen gleich um 92 Prozent mehr Menschen durch. Im Juni ging es besonders auf der Route über das zentrale Mittelmeer von Libyen und Tunesien nach Malta und Italien wieder hoch her. Man verbuchte dort 4700 illegale Grenzübertritte, ein Plus von etwa 50 Prozent gegenüber Juni 2020.

Kaum Veränderung gab es hingegen auf der Route von Marokko nach Spanien (870 Ankünfte allein im Juni), und auf der Strecke von der Türkei nach Griechenland gar ein großes Minus: Im ersten Halbjahr heuer waren es 7340 Personen, 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Mit der Ankunft der Karawanen aus Afghanistan dürfte sich das freilich bald ändern.

(APA/DPA/red.)

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