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Ausstellung

Zu Besuch bei den mörderischen Pflanzen im Palmenhaus

Manfred Edlinger und Katrin Völk von den Bundesgärten im Palmenhaus, wo ab 17. Juli eine Ausstellung über fleischfressende Pflanzen zu sehen ist.(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)
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Sie haben die Fantasie der Menschen beflügelt – und sind teils vom Aussterben bedroht: Im Palmenhaus ist eine neue Schau den fleischfressenden Pflanzen und der (späten) Entdeckung ihrer tückischen Fallen gewidmet.

Natürlich sei das ein plakativer Titel, sagt Manfred Edlinger: Mord im Glashaus. Aber im Grunde seien die Pflanzen, die der Gärtnermeister für die Sonderschau in das Große Palmenhaus gebracht hat, genau das: Mörder. Geht es doch um fleischfressende Pflanzen. „Sie haben ein Motiv, sie handeln aktiv und nicht nur aus Notwehr“ – wenn sie ihre Opfer – Insekten – fangen, ersticken oder erdrücken. Oder in nektarartigen Flüssigkeiten in ihren Fallen ertrinken lassen.

Ganz so blutrünstig wie ihr Titel ist, man darf beruhigt sein, die Ausstellung der Österreichischen Bundesgärten selbst nicht, für die man unter Palmen und anderen exotischen Gewächsen im Palmenhaus von Station zu Station spaziert.

Evolutionärer Vorteil

Gleich am Anfang wird man von einer riesigen fleischfressenden Pflanze (Nepenthes, oder Kannenpflanze) begrüßt, die Insekten mit einer Flüssigkeit in ihre Fallen lockt, die sich im Lauf der Evolution aus Blättern entwickelt haben. Die Insekten rutschen an der glatten Oberfläche ab, fallen in eine Flüssigkeit, in der sie absinken und ertrinken. Die Pflanze holt sich über die Insekten (übrig bleibt nur deren Panzer) wichtige Nährstoffe. Sehr oft nämlich, erzählt Edlinger, wachsen fleischfressende Pflanzen in Gegenden mit nährstoffarmen Böden – und haben gelernt, sich über Insekten zusätzliche Nährstoffe zu holen: ein evolutionärer Vorteil. (Tatsächlich brauchen, ein großer Irrtum vieler Hobbyzüchter, fleischfressende Pflanzen nicht zwingend Insekten, um zu überleben.)

Jahrhunderte unbemerkt

Gärtnermeister Edlinger, der für die karnivoren (also fleischfressenden) Pflanzen der Botanischen Sammlung der Bundesgärten verantwortlich ist, spaziert weiter, ein Schaukasten, gefüllt mit kleineren und größeren Töpfen zeigt, wie unterschiedlich fleischfressende Pflanzen aussehen – und auf welch vielfältige Weise sie ihre Beute anlocken.

Eine eher kleine Pflanze aus der Gattung der Wanzenpflanzengewächse etwa fängt zwar „Insekten in Massen“, ist aber nicht in der Lage, deren Nährstoffe aufzunehmen. Dafür braucht sie wiederum Wanzen (denen ihre Falle nichts anhaben kann), die die Insekten fressen. Erst über die Ausscheidungen der Wanzen gelangen die Nährstoffe dann in die Pflanze. Daneben steht eine kleine Art aus Australien, die sich auf Ameisen spezialisiert hat, ihre Fallen wachsen – anders als bei anderen Arten – daher bodennah.

Bei der Ausstellung sind zahlreiche Arten der kanivoren Pflanzen zu sehen.(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)

Dass Pflanzen Tiere fressen können, war für Menschen lange nicht vorstellbar, erzählt Edlinger. Nicht nur, aber auch, weil in der Bibel steht, dass Pflanzen als Nahrung für Tiere dienen (und nicht umgekehrt). Weil es so gar nicht denkbar war, blieb diese außergewöhnliche Fähigkeit mancher Pflanze erstaunlich lange unbemerkt: So ist der Sonnentau bereits seit der Antike bekannt; dass sein Sekret zum Anlocken von Insekten gedacht ist, blieb über die Jahrhunderte aber unentdeckt.

Darwins Nachweis

Geändert hat sich das erst dank Charles Darwin, der mit in England heimischen fleischfressenden Pflanzen experimentierte und 1875 ein Buch zu seinen Ergebnissen veröffentlichte (Insectenfressende Pflanzen). Darwins Arbeit blieb aber lange umstritten: Bis in die 1920er-Jahre, so Edlinger, zweifelten viele andere Wissenschaftler diese an.

Die Fantasie der Menschen war jedenfalls beflügelt, (vermeintliche) Berichte über gigantische fleischfressende Pflanzen, die Menschen verschlingen, gab es immer wieder, in der Popkultur ist dieser Mythos etwa im Musical „Little Shop of Horrors“ verewigt. Menschenfresser sind die karnivoren Pflanzen freilich keine – allerdings gibt es auf Borneo Kannenpflanzen, deren Fallen bis zu drei Liter Fassungsvermögen haben, in die manchmal – versehentlich – auch kleine Säugetiere wie Beutelratten geraten.

Auch als die Habsburger für ihre botanische Sammlung Pflanzen aus aller Welt nach Wien holen ließen, waren darunter bereits 1785 einige karnivore Pflanzen aus Südafrika – freilich, ohne das man damals schon um ihre fleischfressende Fähigkeit wusste. Heute umfasst die Botanische Sammlung der Bundesgärten rund 5000 fleischfressende Pflanzen, die zu 600 Arten zählen. (Weltweit gibt es 800 bis 1000 Arten). Eine gar nicht so kleine Sammlung also, deren Pflege aufwendig sei.

Denn fleischfressende Pflanzen „haben oft sehr spezielle Ansprüche“. Anpassungsfähig sind sie nicht, was es etwa schwierig mache, Arten, die in ganz anderen klimatischen Verhältnissen leben, in den Glashäusern in Schönbrunn (unweit der Orangerie) zu ziehen. Dass sie sich schwer anpassen, ist auch ein Mitgrund dafür, dass viele karnivore Arten heute vom Aussterben bedroht sind und unter Artenschutz stehen.

Die Sammlung der Bundesgärten versteht sich daher auch als Beitrag für den Erhalt der Arten, wie Katrin Völk sagt, Dienststellenleiterin der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau der Bundesgärten. Und dies nicht nur bei den karnivoren Pflanzen: Insgesamt kultiviert man 140.000 Einzelpflanzen von rund 15.000 Pflanzenarten.

Die berühmte Venusfliegenfalle

Etwas weiter die fast verwunschenen Wege im Palmenhaus entlang gelangt man zu einem Schaukasten, in dem Exemplare der wohl berühmtesten karnivoren Pflanze zu sehen sind: Die Venusfliegenfalle, ursprünglich in North und South Carolina in den USA beheimatet. Wie schnell die Venusfliegenfalle zuklappt, demonstriert Edlinger, in dem er mit dem Finger über die Seiten der Falle streicht. Sekundenschnell schließt sich diese – ein Insekt hat so keine Chance.

Auch Exemplare der Venusfliegenfalle sind im Palmenhaus zu sehen.(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)

Auch wenn man dank der Schautafeln und eines kleinen Films über den auch im Neusiedler See vorkommenden „Wasserschlauch“ (der Mückenlarven in Wasserblasen lockt) viel über die „Mörder im Glashaus“ erfährt: Eine Führung (siehe Infobox) empfiehlt sich.

Auf einen Blick

„Mord im Glashaus“ heißt die Sonderausstellung, die ab Samstag (17. Juli) bis 15. August im Palmenhaus in Schönbrunn zu sehen ist. Gezeigt wird eine Auswahl der Sammlung fleischfressender Pflanzen der österreichischen Bundesgärten. Immer wieder führt Gärtnermeister Manfred Edlinger durch die Schau, das erste Mal am So (18. Juli., 11 Uhr). Es gibt auch Führungen für Kinder (6 bis 14 Jahre). Anmeldung (01 813 59 50 404) erforderlich.
Ohne Führung kann die Schau zu den Öffnungszeiten (9.30 bis 18 Uhr) jederzeit besucht werden. Infos und Termine: www.bundesgaerten.at