Wie man einen Wahlkampf vergrauslicht

Das am Reißbrett erfundene Duell zwischen Michael Häupl und Heinz-Christian Strache hatte Erfolg: Es wurde tief und immer tiefer. Zuletzt wirkten sogar die Herausforderinnen sympathisch.

Es muss eine klassische self-fulfilling prophecy gewesen sein, als Michael Häupl argwöhnte, der Wahlkampf werde grauslich. Wiens Bürgermeister und seine SPÖ halfen kräftig mit, sie zu erfüllen. Sie selbst – oder besser: ihre Berater, allen voran Analyse-Star Stanley Greenberg – hatten ein Drehbuch vorgelegt, an das sich alle buchstabengetreu hielten. Titel des Stücks: Duell um Wien. Dass ein solches zwischen einem Amtsinhaber, der um die absolute Mandatsmehrheit kämpft, und einem Oppositionspolitiker, der zwar Stimmen dazugewinnen, aber mangels Unterstützung der anderen Parteien nie und nimmer Bürgermeister werden kann, öde ist, tut nichts zur Sache. Medien und Partei brauchten irgendeine Geschichte.

Mit gebotenem Bierernst wurde in der SPÖ der Kampf gegen die Faschisten vulgo Freiheitlichen ausgerufen. Die sind zwar für die eigenen Parteifreunde in der Steiermark und Salzburg mögliche Koalitionspartner, aber für die Wiener Parteijugend seit den alten Donnerstagsdemonstrationen das identitätsstiftende Feindbild. Natürlich verhielt sich Heinz-Christian Strache genau so, wie das die SPÖ-Chefdramaturgen vorsahen, also ziemlich daneben. Es begann harmlos mit Wiener-Blut-Plakaten, bei denen die Empörung der Gegner schon so laut inszeniert wurde, dass für die wirklichen FPÖ-Ausrutscher keine Steigerung mehr möglich war. Dabei war der Comic mit dem historischen Verteidiger Wiens, der Heinz-Christian Strache ähnelt, jenseitig: Die Aufforderung an einen Buben, „Mustafa“ mittels Steinschleuder zu beschießen, gehört nicht in unsere politische Kultur.

Interessanterweise reichte der SPÖ die einhellige Verurteilung nicht aus. Sie musste eins draufsetzen und auch einen Comic präsentieren: In dem müssen FPÖ-Zombies und Roboter geschlagen werden, einer schaut Strache sehr ähnlich, ist hirntot und hat offenbar ein Kokainproblem. Der Zweck heiligt die Mittel nicht nur nicht, er sollte die Auswahl derselben besonders sorgsam machen. Absoluter Tiefpunkt waren dann die Vorwürfe der Duellanten wegen Wein- beziehungsweise Drogenkonsums. Strache präsentierte sogar einen – negativen – Drogentest. Hallo, geht es noch?

Doch der Wahlkampf brachte das alte Klischee, es fehle an Inhalten, ins Wanken. Wir mussten und durften über vieles kurz debattieren: über verpflichtende oder freiwillige Deutschkurse, über Pflichten von Beziehern einer Mindestsicherung, über die fehlende oder gelungene Integration von Ausländern in Wien und über die ernste Angst vieler, wie sich diese Stadt entwickelt. Thilo Sarrazin aus Deutschland half, diese Debatte facettenreich zu führen. Um die Zukunft in Wien ging es weniger, die SPÖ erzählt vor allem, wie schön es heute ist, die anderen – abgestuft –, wie unschön.


Hysterisch. ÖVP-Chefin Christine Marek und Grünen-Frontfrau Maria Vassilakou teilen sich nicht nur den kleinen Erfolg, in den TV-Debatten einfach bessere Figur als die Männer gemacht zu haben, sondern auch einen schweren Fehler: Die Festlegung, um jeden Preis mit Häupl regieren zu wollen, macht sie für SPÖ-Müde schwer wählbar. Zuletzt wurde es sehr hysterisch. Michael Häupl grub plötzlich in der Wahlkampf-Mottenkiste der Partei und fand dort die Präsenzdiener. Kurzerhand schenkte er der „Kronen Zeitung“ seine Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht (mittels Volksbefragung). Ein kommunalpolitischer Heuler.

Dann wurden zwei kleine Mädchen und ihr Vater mittels Polizeieinsatz in den Kosovo abgeschoben, die Mutter liegt noch hier im Krankenhaus. Rechtlich war das gedeckt, moralisch weniger. In der ÖVP meint man, das helfe den Grünen. In der SPÖ hingegen, es bringe der FPÖ Stimmen und sei von der Innenministerin absichtlich vor der Wahl angeordnet worden, um der Wiener SPÖ zu schaden. Die bei diesem Thema keine klare, einfache Meinung hat. Diese wahltaktischen Überlegungen klingen nicht nur unerträglich zynisch, sie sind es.



rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)