Literatur: Zwischen Moschee und Minirock

Literatur Zwischen Moschee Minirock
Literatur Zwischen Moschee Minirock(c) Fischer Verlag
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Vom Alltag streng muslimischer Mädchen in Berlin erzählen die Deutschtürkinnen Güner Yasemin Balci und Melda Akbaş. Es geht um Unterdrückung, viel Gewalt und heimliche Discobesuche.

Ihr Tor zur Welt ist das geöffnete Fenster. Der Blick schweift hinaus über den Berliner Stadtteil Wedding. Eine Zigarette vertreibt die Angst vor dem Vater. Wer weiß schon, welche Laune er diesmal hat, wenn er nach Hause kommt. Ein beklemmendes Szenario beschreibt Güner Yasemin Balci in ihrem zweiten Roman „Arab Queen“. Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Mariam und Fatme, Töchter des türkischstämmigen, streng gläubigen Muslim Kamil Omar und seiner unterdrückten Frau Hawwa.

In die Schule gehen die Mädchen nicht mehr, weil sie später ohnehin nicht arbeiten gehen sollen, sondern den Haushalt für jenen Mann erledigen müssen, mit dem sie bald verheiratet werden. Wenn sie die kleine Wohnung in ihrem Viertel verlassen dürfen, dann nur, um der Mutter bei den Einkäufen zur Hand zu gehen oder die kaum deutschsprechenden Verwandten bei Behördengängen zu unterstützen. Balci, selbst Deutsche mit türkischem Hintergrund, schreibt schonungslos vom Schicksal der zwei jungen Frauen. Da platzen Lippen, da werden Köpfe kahl rasiert, weil der Vater seine jüngere Tochter an einem heißen Sommertag ohne Kopftuch erwischt, da wird die Ehefrau verprügelt, weil sie es wagt, sich über die Betrügereien ihres Ehemannes aufzuregen.


Zwischen Moschee und Minirock.
Traurig ist das und ja, manches Mal auch ein wenig klischeehaft. Denn schließlich ist klar: Nicht alle Muslime leben so. Andererseits: schlimm genug, dass es genug Mädchen gibt, die das Schicksal von Mariam und Fatme teilen. Balci erklärt in ihrem Vorwort, dass auch sie in einem ähnlichen Umfeld in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist, aber Glück hatte, weil sie keinen prügelnden Vater, keine sie verstoßende Mutter hatte.

Die Journalistin arbeitete in einem Kiezprojekt in Neukölln. Eine Arbeit, die ihr genug Stoff für die Schicksale geliefert hat, die sie nun in „Arab Queen“ erzählt. Trotz der Härte des Erzählten liest sich Balcis Roman streckenweise wie ein Jugendbuch. Was nicht unbedingt schlecht ist. Denn gerade junge Mädchen und Männer sollen wohl die Zielgruppe sein. Das Buch ist letztlich ein Aufruf zu mehr Selbstbestimmung und Mut, sich gegen Ungerechtigkeiten im Familienverband zu wehren. Balci erzählt lebendig, den Hang, bestimmte Details mehrmals zu wiederholen, hätte ihr ein gutes Lektorat allerdings austreiben müssen. Stark sind dafür jene Stellen, an denen sie knapp besonders Absurdes erzählt. Etwa, dass der besonders strenge Onkel Hamed ein Faible für blonde Haare hat. Seine schwarzhaarige Frau, die eine Burka tragen muss, schickt er deshalb regelmäßig zum Friseur, damit sie sich die Haare blond färbt.

Die kleinen Freiheiten des Lebens – ein Besuch in der Disco in Minirock und Glitzertop, ein Spaziergang durch den Park ohne die Brüder – verschaffen sich die Schwestern Mariam und Fatme nur durch Lügen. „Wir lügen alle, was sollen wir auch anderes tun?“, sagt die jüngere Schwester Fatme zu ihrer gemeinsamen deutschen Freundin Lena. Die Figur dieses Mädchens, das alle Freiheiten einer 16-Jährigen im 21. Jahrhundert hat, setzt Balci als bewussten Kontrapunkt zu den muslimischen Mädchen, um den Unterschied zwischen ihren Leben noch stärker herauszugreifen. Ein Vergleich, den es nicht unbedingt gebraucht hätte.

Von heimlich getragenen Miniröcken und Discobesuchen, die der Vater nicht mitbekommen soll, erzählt auch die 18-jährige Melda Akbaş. Auch sie lebt in Berlin und hat türkische Wurzeln. Sie schreibt aus der Ich-Perspektive von ihrem Leben in der Metropole. Allerdings liegt die Sache bei ihr ganz anders. Sie macht gerade Matura, lebt also in einem ganz anderen Bildungsmilieu. Auch muss sie sich zwar mit diversen kulturellen Unterschieden auseinandersetzen, so unterdrückt wie Balcis Figuren ist sie aber längst nicht.

So wirkt Akbaş Ich-Erzählung auch sprachlich eher wie ein netter Schulaufsatz im Plauderton und nicht wie ein Plädoyer für eigenständiges Denken und Mut zum Ausbruch. Trotzdem: Eenn junge türkische Mädchen in Berlin, Wien oder sonst wo, Bücher von jungen, selbstbewussten Frauen wie Balci und Akbaş in die Hände bekommen, dann kann das nur sein Gutes haben. Bleibt zu hoffen, dass das auch wirklich passiert.

Güner Yasemin Balci, Arab Queen oder Der Geschmack der Freiheit, S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 15,40 Euro.

Melda Akbas, So wie ich will - Mein Leben zwischen Moschee und Minirock, C. Bertelsmann Verlag, 240 Seiten, 15,40 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)

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