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10.10.10: Eine Zahl hat Geburtstag

101010 Eine Zahl Geburtstag
feier(c) Bilderbox
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Eine Zahl hat Geburtstag – dabei ist die Zehn schon Jubiläum in sich. Wir wären hilflos ohne sie. Warum sich zwischen Neun und Elf die Königin der Zahlen befindet und warum wir stets in "Top Ten" denken.

Die Elf, wiewohl arithmetisch höherwertig, hatte nie eine Chance. Was hat sie schon zu bieten? Kleine, unbedeutende Fabelwesen. Die Nationalelf – gerade in Österreich kein großes Renommee. Kein Kind käme auf die Idee, beim Versteckenspielen von elf rückwärts zu zählen (außer vielleicht, es war 20 ausgemacht). Und ungerade, wie sie ist, kann man die Elf nicht einmal mit guten Freunden teilen. Aus der Zahl wird nie was werden.

Die Zwölf könnte der Zehn schon eher Konkurrenz machen. Sie ist mythologisch aufgeladen und hat eine brauchbare Karriere in Film und Musik hingelegt. Aber leider wird die Zwölf von ihrem Alter Ego erschlagen, dem Dutzend (oft dreckig). Damit ist sie aus dem Spiel.


Eine ehrliche Haut. Die Neun als Möchtegern ist ein Fall für den Supermarkt. Dort kostet alles 9,99, aber niemals ehrliche zehn. Sie ist außerdem die letzte Zahl, die einstellig ist – eine fragwürdige Leistung. Wenn Sie neun Thesen aufstellen oder ein Neun-Punkte-Programm beschließen, wird man Sie auslachen, weil es für mehr offenbar nicht gereicht hat (Kanzler Kohl hatte in seinem Programm für die Wiedervereinigung sicher nicht mehr als neun gute Ideen, aber er hat sich dann eben Mühe gegeben und noch eine zehnte heraus geschwitzt).

Und weil man heute nicht mehr kegelt, sondern in die Bowlinghalle geht, wo zehn Pins auf den guten Wurf warten, hat die Neun auch diesen Witz verloren.

Wer glaubt, vielleicht mit der Acht der Zehn Paroli bieten zu können: nur zu. Trotz Achtung und Achterbahn wird er mitten im Achten landen, also im totalen Flop. Hätte der ORF seine Comedy als „Mitten im Zehnten“ angelegt, hätten wir vielleicht eine Art Mundl der Nullerjahre erlebt, und alles wäre gut geworden. Proloschmäh geht immer.

Wir können es abkürzen: Die Zehn ist die Königin der Zahlen. Sie ordnet unser Leben und unsere Welt. Mit den Zehn Geboten haben wir unsere moralische Leitwährung bekommen. Das zehnte Gebot ist übrigens auch das freundlichste, weil man es ohne Not befolgen kann: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Abgemacht! Dafür nehm ich dein Auto und deine Frau.

Die Zehn kann man jedem Kind erklären, denn so viel Finger hat man im Normalfall immer zur Hand. Und wenn Kinder mit etwa zwei Jahren einmal ohne fremde Hilfe bis zehn gezählt haben, hört man auch schon wieder auf, sie mit dem Zählen zu sekkieren.

Die Zehn ist rund, aber nicht langweilig. Der Zehnzylinder zum Beispiel ist der funkelnde Exot unter den Motoren, gegen ihn ist sogar der edle V12 banal, weil ungleich weiter verbreitet. Die Zehn liefert einen praktischen Countdown von Silvester bis Raketenstart und ein glaubwürdiges Ultimatum für alle Fälle.

Aktueller denn je. Wahrscheinlich kann man die ganze Menschheit sortieren nach Beckenrandschwimmern und solchen, die vom Zehn-Meter-Brett springen – dazwischen passt bequem der ganze Rest. Der altertümliche Zehent (vom zehnten Teil des Vermögens) ist genau jene Art von Steuer, die jeder bereitwillig entrichten würde. Die Zehn ist übrigens aktueller denn je: In ihr steckt der Binärcode – eins und null – und damit alles von Commodore C64 bis Facebook, und was sonst noch kommen mag.

Unsere Top Ten. Der Zahl verdanken wir vor allem aber eine Sternstunde des österreichischen Fernsehens: die Großen Zehn, „Video-Clips präsentiert von Udo Huber“, Erstausstrahlung 1983. Dafür gibt es genau zehn Gründe:

1. Erste öffentliche Experimente mit Haargel (Udo Huber und so gut wie jeder Studiogast).

2. Der erste Mann mit Frauenkleidern und Lippenstift im TV, von Tony Curtis in „Manche mögen's heiß“ einmal abgesehen: In der ersten Sendung des neuen Formats belegte „Do you really want to hurt me“ von Boy George den ersten Platz.

3. Wer damals Kinder hatte, aber keinen Farbfernseher, bekam ernsthafte Schwierigkeiten. Die Großen Zehn hatten für TV-Geräte den gleichen Effekt wie die Abwrackprämie für Autos.

4. Süße Unschuld der deutschen Sprache! Die Großen Zehn waren vermutlich das letzte Format, das nicht zwangsweise Top Ten heißen musste. Heutzutage unvorstellbar.

5. Unter Intendant Gerd Bacher (1978–1986 und 1990–1994) war das Format aus der Taufe gehoben und begraben worden.

6. Die Sendung lief genau – jawohl, zehn Jahre lang. Kurz nachdem Dominic Heinzl sie von Udo Huber übernommen hatte, wurde sie 1993 eingestellt.

Was die übrigen Punkte angeht, so sind wir in die Top-Ten-Falle getappt: Für zehn reicht es dann doch nicht.

Liebe Zehn, es ist nur angemessen, dass dein Geburtstag auf einen Sonntag fällt. Happy Birthday!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)