"Die Ratten": Der Verfall des Dramatikers Hauptmann

Ratten Verfall Dramatikers Hauptmann
Ratten Verfall Dramatikers Hauptmann(c) APA (ROLAND SCHLAGER)
  • Drucken

"Die Ratten" im Wiener Volkstheater sind zu bieder für ein klassisches Skandalstück geraten. Das Ensemble will sich aber an diesem Abend nicht zum Ganzen fügen.

Vor hundert Jahren waren die naturalistischen Dramen Gerhart Hauptmanns noch ein Skandal. Wilhelm II. kündigte nach der Uraufführung von Die Weber 1892 im Deutschen Theater seine Loge. Auch die Tragikomödie Die Ratten, die 1911 in Berlin uraufgeführt wurden, erregte die Gemüter der Bourgeoisie, die in dieser bitteren Geschichte einer Kindesentführung mit dem Milieu von Proletariat, Künstlern, Kriminellen und Kleinbürgern konfrontiert wurde.

Heute gehören Die Ratten zum Bildungskanon. Wer wird nicht einen Hauptmann loben? Aber anschauen? Der Skandal ist weg, daran hat auch die behutsame Bearbeitung des Dichters Dimitré Dinev nichts geändert, die Regisseur Ingo Berk fürs Wiener Volkstheater als Vorlage genommen hat. Das schwangere Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (Andrea Wenzl), dem die kinderlose Frau John (Claudia Sabitzer) ihr Baby abluchsen wird, ist jetzt eine „Tschuschin“ mit seltsam verknappter Sprache, Einsprengsel wie „heast“, „hackln“ oder „Blunzn“ sollen Wiener Kolorit erzeugen, aber gespielt wird bei der Premiere am Freitag doch recht bieder.

Die Ausnahmen in dem zweieinhalbstündigen Fünfakter für zwölf Darsteller in fünfzehn Rollen: Sabitzer und Wenzl lassen sich zu Ausbrüchen klassischer Tragödie hinreißen. Matthias Mamedof überzeugt als unglücklicher Theologe, den es zum Theater hinzieht. Erich Schleyer liefert als verkrachter Exdirektor ein Kabinettstück, das die Grenzen zwischen Können, Pathos und Schmiere enthüllt, Inge Altenburger als Morphinistin zeigt, wie man diese Grenze dreist überschreitet, während Susa Meyer sie ebenso mühelos achtet.


Ein Hühnerstall. Das Ensemble will sich aber an diesem Abend nicht zum Ganzen fügen, wenn er auch im Finale an Dramatik (und Sentiment) gewinnt. Vielleicht liegt das auch am allzu lieblosen Bühnenbild. Hauptmanns Diktum „Alles ist hier morsch“ wurde sehr abstrakt umgesetzt. Damian Hitz hat eine Box aus Holzlatten in die Bühnenmitte gestellt, die sich meist langsam dreht (zu Musik, die an Weill-Melodien oder Fellini-Filme erinnert). Wie ein überdimensionierter Hühnerstall sieht diese Mietskaserne aus, die zwischen den Akten als Projektionsfläche für Schwarz-Weiß-Filme dient. In der Box stehen Umzugkartons, als Mauern oder Sitzgruppen. Nach welcher Logik die Darsteller diese Boxen umbauen, wissen weder Hauptmann noch Kaiser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.