Massen an digitalen Bildern und Botschaften fluten von den Fassaden herab. Welche Inhalte, Absichten, Visionen sie haben, ist Thema der 1. Media Architecture Biennale.
Mies van der Rohe hat sich nicht getäuscht, als er die blanke Fassade gegen die konservative Kritik damit rechtfertigte, dass sie ohnedies bald so sehr mit Werbung angereichert sein werde, dass sie zum Rest der Friedrichstraße passe. Das war 1921, eine frühe Station unterwegs zur Media Architecture, die uns heute ganz selbstverständlich im städtischen Raum umgibt: Fassaden voller Displays, Screens, Projektionsflächen, LED-Paneelen und Lichtdioden, über die Bilder und Botschaften fluten. So selbstverständlich erscheint Media Architecture bereits, dass Oliver Schürer, einer der Initiatoren der aktuellen Biennale in Wien, davon ausgeht, dass ihr Begriff in ein paar Jahren verschwunden sein wird, weil er für Architektur an sich stehen wird.
Moderne Großbauten kalkulieren die digitale Bespielung ihrer Hülle oft bereits mit ein. Manchmal wird die technische Umgebung zum ästhetischen Kapital. In Abu Dhabi befindet sich mit dem Yas-Hotel ein solches Beispiel, ein organischer Baukörper, über den Asymptote Architects und Arup Lightning eine fließend anmutende Medienfassade gezogen haben. In der Nacht leuchtet sie in vielen Farben, bei Rennbetrieb auf der Formel-1-Strecke, an der sich der Bau befindet, laufen Animationen über die Leuchtdioden.
Die Architektur des Geldes. Projekte wie dieses werden bis Ende Oktober im Künstlerhaus in Wien gezeigt, im Rahmen der Schau zur „Media Architecture Biennale“, an deren Anfang eine dreitägige Konferenz internationale Experten nach Wien lockt. Die unterschiedlichen Diskurse wollte damit das seit 2006 von Wien aus international tätige Media Architecture Institute zusammenführen – das Feld der beteiligten Branchen ist sehr groß und in mancher Hinsicht erst dabei sich zu vernetzen: Mediadesign, Architektur, IT-Industrie, Infrastruktur, Logistik. „Ein Interaction-Designer denkt ganz anders über eine Screen nach als eine Videokünstlerin“, sagt Oliver Schürer, der auch an der TU Architekturtheorie lehrt.
Dementsprechend vieles kann Media Architecture auch in der Wahrnehmung des Betrachters – sprich des Passanten – bedeuten: Vom Oldschool-Werbescreen bis hin zu visionärer Architektur, die allein durch Steuerung unterschiedliche Atmosphären erzeugen kann. Für die Ausstellung haben Oliver Schürer, Georg Tscherteu und Martin Tomitsch daher die Beiträge in fünf Kategorien geclustert: „Animated Architecture“ wie das genannte „Yas“, „Social Media Architecture“, die mit den Menschen interagiert oder „Spatial-Media-Art“, die Schnittstelle zur Kunst. Auch „Future-Trends“ zeigt die interaktive Schau – etwa kinetische Fassaden, also bewegliche Gebäudeteilen, oder dreidimensionale Displays. Ein ganz großes Thema ist, klar, Nachhaltigkeit.
Unter dem Begriff „Money Architecture“ rangiert vielleicht das, was sich der Stadtbenutzer am ehesten unter Media Architecture vorstellt. Weil sie am lautesten auf ihn einwirkt, wenn nicht einbrüllt: Architektur, die alle Highend-technischen Mittel nutzt, um kommerzielle Inhalte zu vermitteln. Laut und schrill wie in asiatischen Metropolen, übersichtlich, dezent noch in unseren Breiten. Unter „Money Architecture“ findet sich etwa auch des Wieners vielleicht liebstes und bekanntestes Beispiel – der Uniqa-Tower am Donaukanal, der die Visuals zum Cocktail liefert. Da gehe es nicht so sehr darum zu werben, erklärt Schürer, „sondern eher um den Unternehmensauftritt im öffentlichen Raum“.
Die Vereinnahmung der Fassaden für die Werbung ist stets ein Thema, wenn es sich um Media Architecture handelt. Ohne Polemik will sie betrachtet werden, weil die Entwicklung trotz ihrer erstaunlich langen Geschichte noch am Anfang steht. Als ein Szenario der Zukunft sieht Schürer eine Architektur, die mit uns und mit der wir in Dialog treten. Und die uns auch durchschaut: „Man weiß immer besser, zu welchen Tageszeiten welche Zielgruppe wohin unterwegs ist.“ Handys lassen sich schließlich immer besser „tracken“. Und der Datenschutz? „Der Benutzer umgeht ihn praktisch jede Minute, weil er ja laufend neue Programme aufruft“, so Schürer. Wenn sie also Interaktion und Steuerung erlaubt, dann mutiert Architektur letztlich auch zu einem Gerät im Gebäudemaßstab. „Die Technologie gibt's, das sind keine Visionen.“
Kritzeln am Künstlerhaus. Dass sich dadurch städtische Atmosphären, die Art der Wahrnehmung und die Entwurfsaufgaben ändern, liegt auf der Hand. Es beginnt bei der Frage nach der Zugehörigkeit der Fassade: „Für die Moderne war es klar, die Fassade ist dem Gebäude zugeordnet. Sie hat auszudrücken, was in dem Gebäude passiert. Media Architecture sagt laut Jormakka hingegen: ,Die Fassade gehört zur Straße‘.“ Was Media Architecture sein kann, wenn sie sich dem kommerziellen Content entzieht, sieht man derzeit nicht nur im, sondern auch auf dem Künstlerhaus. Klein, aber spektakulär die Idee: In den Pausen zwischen den künstlerischen Beiträgen kann man via Internet Hand an das Stück Fassade legen. Man ruft auf seinem Handheld eine Website auf, die das Malprogramm zum Starten bringt. Schon befindet sich der Finger nicht nur am Display, sondern auch auf dem Screen am Künstlerhaus. „Alle sehen, was die anderen in Echtzeit malen.“ Hat was, gleichzeitig mit jemand aus Alaska die Fassade zu bekritzeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)