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Gender Studies

Wie entsteht Ungleichheit – und warum?

Genderthema Rollenbild: Welche Rolle spielt man in der Gesellschaft – und wer definiert sie?
Genderthema Rollenbild: Welche Rolle spielt man in der Gesellschaft – und wer definiert sie?Getty Images/iStockphoto
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Die gesellschaftliche Relevanz des Themas ist nicht nur zu Zeiten des öffentlichen Aufschreis und der Debatten offensichtlich. Auch im Alltag kann die Wissenschaft Erhellendes zu Rollenbildern und Gleichstellung beitragen.

Die #MeToo-Bewegung, die Black-Lives-Matter-Proteste im Sommer letzten Jahres oder die Causa Fellner: In den Phasen des Aufschreis ist die mediale Aufmerksamkeit für Bekämpfung von sexueller Belästigung oder Rassismus groß. Doch bald schwingt das Pendel wieder zurück, die Medien wenden sich anderen Themen zu. Damit sind diese Probleme jedoch noch lang nicht behoben. Wie kann die Aufmerksamkeitsspanne der Gesellschaft verlängert werden?

Akteure, die jeden Tag damit verbringen, Ungleichheiten aufzudecken, zu diskutieren und die Gesellschaft zu informieren, sind die Lehrkräfte und Studierenden der Gender Studies in Österreich. Insgesamt existieren an heimischen Universitäten drei Studiengänge. Das Profil der Studierenden lässt jedoch einige Wünsche im Hinblick auf Diversität offen.

 

Aktuelle Diskurse analysieren

„Der Studienplan des interfakultären Masterstudiums Gender, Kultur und Sozialer Wandel ist darauf ausgerichtet, aktuelle Diskurse aufzugreifen und sie zum wissenschaftlichen Gegenstand zu machen“, erklärt Maria Furtner vom Büro für Gleichstellung und Gender Studies an der Universität Innsbruck. Die multidisziplinäre Ausrichtung des Studiums mache es möglich, mit theoretischen und methodischen Perspektiven Phänomene wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus wissenschaftlich zu analysieren. Forschungsergebnisse werden etwa in Form von Projekten in die gesellschaftliche Debatte eingebracht. So würden Diskurse gefördert und Themen sichtbar gemacht sowie präsent gehalten, sagt Furtner. Bestes Beispiel: die Broschüre „Allyship in Action“, ein fast 50-seitiges Dokument, das von Studierenden der AG Study Group in Innsbruck letztes Jahr herausgegeben wurde. Diese vermittelt objektiv, in einfacher Sprache und mit illustrativen Beispielen Informationen zu White Privilege und Racial Profiling, klärt auf und animiert zur Selbstreflexion. Diese Bewusstseinsschaffung sei auch ein Weg, um Politik mitzugestalten, findet die Professorin. „Gender Studies haben viel dazu beigetragen, Gleichstellung voranzutreiben, es bleibt aber noch viel tun. Ein Weg ist, mehr Bewusstsein zu schaffen und die Gender- und Diversitätsexpertise zu stärken – unsere Masterabsolventen bringen diese Expertise mit“, sagt Furtner.

Gender Studies seien von dem Bestreben geprägt, das Bestehende kritisch zu analysieren und Möglichkeiten für Veränderungen aufzuzeigen, sagt Sarah Zapusek, Koordinatorin für Gender Studies an der Universität Graz. Diese bietet das Masterstudium Interdisziplinäre Geschlechterstudien an, welches sich durch die fächerübergreifende Zusammenarbeit von Studierenden und Lehrenden auszeichne. „Gemeinsam werden viele lokale wie globale kritische Perspektiven auf Wissenschaft und Gesellschaft erarbeitet und Selbstverständlichkeiten faktenbasiert infrage gestellt“, sagt sie. Zapusek findet die mediale Diskussion bestimmter Ereignisse sinnvoll und wichtig. Doch sie betont: „Dabei sollte auch immer thematisiert werden, dass hinter diesen Ereignissen ein problematischer ,Normalzustand‘ steht. Dessen kritische Analyse und das Aufzeigen von und Insistieren auf Veränderungsnotwendigkeiten kann ein Beitrag der Gender Studies sein.“

 

Gender Studies in der Öffentlichkeit

Ganz allgemein gehe es um Fragen danach, wie Ungleichheiten entstehen, reproduziert werden und abgebaut werden können. Doch dies muss nicht nur auf theoretischer Ebene geschehen. Sabine Grenz, Assistenz-Professorin für Gender Studies an der Universität Wien, betont den Anwendungscharakter der Gender Studies, sie beinhalten „einen starken Transfer in verschiedene Anwendungsfelder wie die soziale Arbeit, Gender Mainstreaming, Personalentwicklung, Politikberatung, Technikdesign oder Architektur“. Zwar orientierten sich Gender Studies nicht an der Tagespolitik, allerdings gebe es Übereinstimmungen in den Themenfeldern, wie die Retraditionalisierung der Arbeitsteilung und die Zunahme häuslicher Gewalt während der Pandemie. Außerdem berichtet sie, dass Genderwissenschaftler mit ihren Forschungsthemen durch die sozialen Medien und das Internet sowie eine teilweise Öffnung der klassischen Medien seit einiger Zeit auch stärker in die Öffentlichkeit treten. Zudem würden sie von Regierungen, Ministerien, Behörden und Politikern zur Beratung angefragt, sagt Grenz.

 

Wenig Vielfalt in Studium, Gesellschaft

Mit „sie“ ist jedoch oft das weibliche Personalpronomen gemeint, da Männer im Studium (noch) wenig vertreten sind. Die Universität Graz zählte im Wintersemester 33 Erstsemestrige, davon einen Mann, Zahlen zur Selbstidentifikation der Studierenden gibt es keine. „Der kritische Blick darauf, welche Stimmen in den eigenen Forschungs- und Diskussionspraktiken präsent sind und welche nicht, ist immanenter Bestandteil des Feldes“, sagt Zapusek.

Im Masterstudium achte man im Hinblick auf Lehrinhalte und Lehrende auf Heterogenität. In Innsbruck liegt der Männeranteil seit 2010 bei zwölf bis 16 Prozent. Maria Furtner fügt hinzu, dass auch das Fehlen von anderen Perspektiven – wie Klasse, Herkunft oder Behinderung – Diskussionen beeinflusst. „Leider spiegelt sich die gesellschaftliche Vielfalt in den meisten Settings nicht wider – das ist in Lehrveranstaltungen genauso wie in Unternehmen oder Aufsichtsräten und Leitungsgremien der Fall“, fasst sie zusammen.

LEXIKON

Gender Studies (von englisch: gender – „soziales Geschlecht“) sind ein Fachgebiet, das Geschlechterverhältnisse und ihre Auswirkungen in der Gesellschaft (zum Beispiel Bildung, politische und wirtschaftliche Macht) wissenschaftlich untersucht. Aus den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften kommend, wird das Thema auch in der Medizin, Rechtswissenschaft, Biologie oder Theologie behandelt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Fragen nach Hierarchie, Differenz, Rollen und Stereotypen von, zwischen und über Geschlechter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2021)