Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Mein Dienstag

Von meinen Augen gefallen

TOPSHOT-FBL-EURO-2020-2021-MATCH41-FRA-SUI
Kylian Mbappé sei „von seinen Augen gefallen“, sagt Michael, der gar nicht Michael heißt.APA/AFP/POOL/FRANCK FIFE
  • Drucken

Wie aus Hüseyin Michael wurde. Und was diese Verwandlung über ihn aussagt.

Meine Friseurin ist leider erkrankt, also vertritt sie ein Kollege aus einer anderen Filiale, Michael. Ein Supermodel von einem jungen Mann – perfekt gestylt, stilsicher, cool. Sympathisch und bescheiden ist er auch. . . beinahe einschüchternd, seine Strahlkraft.

Unweigerlich kommt das Gespräch auf Fußball und die Europameisterschaft. In makellosem, akzent- und dialektfreiem Deutsch spricht Michael über seine Lieblingsmannschaft, die besten Spieler, die schönsten Tore. Dann fällt ein verhängnisvoller Satz. „Ich war immer ein großer Fan von Kylian Mbappé, aber nach dieser Euro ist er von meinen Augen gefallen.“

Der Groschen fällt und fällt. „Von meinen Augen gefallen“ ist nämlich die direkte Übersetzung einer türkischen Redewendung – das Pendant zu „in meiner Gunst gesunken“. Ob er türkischstämmig sei? Ja, ist er. Und heißt Hüseyin. Aber wie kommt er von Hüseyin auf Michael? Manche Kunden mögen es nicht, wenn sie ein Hüseyin schamponiert und frisiert, sagt er. Oder merken sich den Namen nicht so leicht. Also habe ihm seine Chefin nahegelegt, im Salon einen deutsch klingenden Namen anzunehmen. Ihm sei das egal.

Mir aber nicht. Seit jeher habe ich keine Sympathie für Menschen, die ihren ausländischen Namen eindeutschen oder internationalisieren. Sie wissen schon. . . die aus Şenol „Shane“ machen, aus Melek „Meli“, aus Ferhat „Ferro“, aus Yusuf „Josef“. Zumeist mit Erklärungen wie: Die Abkürzung dient der einfacheren Aussprache. Oder: Der Nickname ist im Freundeskreis entstanden und hat sich verselbstständigt. Konstruierte und irgendwie auch erbärmliche Rechtfertigungen, um nicht einzuräumen, dass ihnen ihr Name und ihre Herkunft in manchen Situationen unangenehm sind.

Mein Unverständnis über Personen, die so etwas machen, und jene, die sie dazu drängen, könnte ich in drei Sprachen wort- und facettenreich ausführen, mit bildhaften Darstellungen, Metaphern und Analogien. Aber das wird nicht nötig sein. Hüseyin hat schon die richtigen Worte gefunden. Auch er, der Golden Boy aus der Landstraße, ist von meinen Augen gefallen.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com