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Dunkelgrüne Partystimmung bei der Fehlersuche

Gruene Leben sehr Vergangenheit
(c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (ANDREAS PESSENLEHNER)
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Grüne: Keine Führungsdebatte, dezenter Galgenhumor und Kampfansage. Grüne wollen mitregieren: „Wenn sich Häupl vom Schock erholt hat.“ von Georgia Meinhart

Wien. „Leute, lasst's den Kopf nicht so hängen. Die langen Gesichter wollen wir nicht mehr sehen“, sagt der Moderator auf der Bühne in der Remise 2, zwischen Engerthstraße 160 bis 172 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Die Wahlparty der Grünen kommt trotz Bambuströgen, Thaicurry, günstigem Bier und Clubambiente nur langsam in Fahrt.
s-3;0Obwohl von der Basis bis zur Spitzenkandidatin versucht wird, den Wahlverlust klein zu reden, bleiben die Mienen betreten.  Ob des Zuspruchs für die FPÖ herrscht flächendeckendes Unverständnis. Der Hinweis, dass es auch eine Tanzfläche gebe, verhallt vorerst ungehört. Gegen 20 Uhr wartet alles auf Spitzenkandidatin Maria Vassilakou.

Als sie schließlich eine Viertelstunde später die schwach grün ausgeleuchteten, loftartigen Hallen betritt, begleitet sie eine Geräuschkulisse aus Applaus. Das Blitzlicht der Fotografen beleuchtet den Weg der Spitzenkandidatin an die Bühne. Der Ton, den Vassilakou anschlägt, ist kämpferisch: „Wir haben es mit einem Wahlkampf zu tun gehabt, dessen Start ganz schön schwierig war. Wir haben aber dennoch ein Wahlergebnis, das unglaublich spannend ist. Wien braucht eine Politik mit Rückgrat.“ Es gebe einen Weg, der „dorthin führt, wo Strache und seine Mannen nichts mehr zu melden haben, und das ist der Weg der Grünen in die Regierung. Jedes Lamento, jedes Gejammer, jede Mieselsucht, die wir in den nächsten Wochen zu hören und zu lesen kriegen  – es ist egal. Denn wir wissen, dass es an der SPÖ liegt, sich zu entscheiden.“

Derart mobilisiert, gewinnt die Grüne Party an Stimmung. Passend zum Ende von Vassilakous Durchhalteparolen füllen sich die nächsten Minuten mit Michael Jacksons „Don't Stop Til You Get Enough“. „Nicht lockerlassen“, schwört auch Stadtrat David Ellensohn das Partyvolk auf die erhofften Koalitionsverhandlungen mit dem „einzig denkbaren Partner“, der SPÖ, ein.


Dass sich die Koalition mit der SPÖ mit dem Verlust von 2,4 Prozentpunkten auf nur noch 12,23 Prozent der Stimmen noch ausgeht, bezweifeln aber auch nach der Rede viele: „Sehr optimistisch“, nennt etwa Martin Mair, Obmann der Initiative „Aktive Arbeitslose“, dieses Vorhaben. Die Grünen, meint er, seien „zu elitär“, um der FPÖ etwas entgegensetzen zu können.

„Hey, wir haben verloren“

Die Gemeinderätin Sigrid Pilz dagegen glaubt an eine Regierungsbeteiligung: „Der Herr Häupl muss sich erst einmal von dem Schock erholen.“ Es brauche nun mutige Leute in der SPÖ, die sich auf das spannende Experiment Rot-Grün einlassen. „Die abgelutschte Koalitionsvariante Rot-Schwarz ist lähmend, das sieht man ja auch an der Bundesregierung“, stimmt Migrationssprecherin Alev Korun zu.

Maria Vassilakous Vorgänger als Rathaus-Klubchef bei den Grünen, Christoph Chorherr, plädiert im Gespräch mit der Austria Presseagentur indes für Änderungen in der Landesgruppe: „Hey, wir haben verloren. Es muss sich was ändern bei den Grünen.“ Auch Eva Glawischnig zeigt sich vom Wahlergebnis „enttäuscht“. Die Parteichefin meint, dass hausgemachte Fehler, „also die Konflikte um die Listenerstellung auf Bezirksebene“, zu dem Ergebnis beigetragen hätten. Durch die Auszählung der Wahlkarten werde noch leichter Rückenwind erwartet.

Eine Führungsdebatte ersparen sich die Grünen. Der Tenor: Maria Vassilakou habe einen „ausgezeichneten Wahlkampf geführt“. Im Grünen Klub herrscht indes dezenter Galgenhumor: „Naja, SPÖ und ÖVP wären froh, wenn sie nur so wenig verloren hätten wie wir“, sagt etwa der Grüne Gemeinderat Rüdiger Maresch.
Eine Stunde nach Vassilakous Rede füllt sich die Remise langsam, auch die Tanzfläche, der Bereich vor der Bühne. Denn gefeiert wird bei den Grünen immer – unabhängig vom Ergebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2010)

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