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Igor Levit

Was Igor Levit heute Abend spielt

Das Programm des ersten Konzerts des Pianisten bei den Salzburger Festspielen ist auch Teil seiner jüngsten CD-Produktion, die demnächst in den Handel kommt.

Wär’ nicht Igor Levit, wenn er einfach eine neue Schostakowitsch-Aufnahme veröffentlichte. Die Studioproduktion der Präludien und Fugen op. 87, die demnächst veröffentlicht wird, kombinierte der Pianist mit der „Passacaglia“ von Ronald Stevenson - und so spannt sich auf den CDs dieser Box ein Bogen von Levits sensationellem Salzburger Festspielauftritt von 2017 zu seinem heutigen Konzert im Rahmen der „Ouverture spirituelle“ der Festspiele 2021.

Gigantische "Passacaglia"

Wie sooft konfrontiert der Pianist sein Publikum mit einem gigantischen Klavierwerk, das die Ansprüche an den Interpreten - wie auch an das Publikum - schon allein durch die Ausdehnung über pausenlose 80 Minuten in höchste Regionen lizitiert. Im Salzburger Mozarteum hat Igor Levit während der Festspiele auch schon einmal Ferruccio Busonis „Fantasia contrappuntistica“ vorgestellt, ein Werk äußerster polyphoner Verdichtung, dem Stevenson offenkundig auch verpflichtet ist.

Nur, dass er in sein noch ausgedehnteres Stück gleich auch noch die diversen Kompositionsprinzipien der abendländischen  Kunstmusik integriert: die klassische „Sonate“ ist ebenso eingebunden wie die barocke Tanzsuite. Die Variationsform beherrscht ohnehin das gesamte Gebilde, das auf den Tönen D, Es, C, H ruht, dem Passacaglia-Prinzip gehorchend, das ein und dieselbe Tonfolge unablässig wiederholt  - oder auch, wie in diesem Fall: in fortwährender Transformation - zur Grundlage immer neuer Entwicklungsprozesse macht.

Schostakowitschs Bach-Hommage

Damit ist die Verbindung zu Schostakowitsch gegeben, der mit diesen, seinen in Tönen „geschriebenen“ Initialen ebenfalls des öfteren in seinem Werk präsent ist. Stevensons „Passacaglia“ ist eine gewaltige Hommage an den russischen Meister - wobei über allem der Geist Johann Sebastian Bachs schwebt, der für alle Komponisten, die derartige ausgreifende Klavierzyklen geschrieben haben, das ewig unerreichbare Vorbild, der Reibebaum für handwerkliches Können und die Fantasie ist und bleiben wird.

Ihm schuldet Busonis 1910 entstandene „kontrapunktische Fantasie“ ebenso ihr Dasein wie Schostakowitschs ganz offenkundig nach dem Muster des „Wohltemperierten Klaviers“ gebaute Folge von Präludien und Fugen in allen Tonarten, begonnen im Bach-Jahr 1950. Schostakowitsch schrieb sie im Gefolge einer Reise zu den Bach-Zelebrationen in Leipzig für die Pianistin Tatiana Nikolaeva. Und - wie so vieles - in offenkundiger Opposition zu den Doktrinen der sowjetischen Kulturpolitik, die gerade in den Jahren nach dem berüchtigten Schdanow-Erlaß jegliche „absolute Musik“ verpönte, die sich nicht dem Gebot der Nutzbarkeit der Kunst für Parteizwecke und die Erbauung des Arbeiter- und Bauernvolks fügte,

Unvergessliche Festspiel-Momente

In diesem Sinn ist Schostakowitschs Opus 87 ein Menetekel: 24 Präludien und Fugen als scheinbar jeglicher Realität entrücktes Spiel der Töne, Themen und Harmonien; 48 Hohelieder der artifiziellen musikalischen Handwerkskunst. Aber freilich: Das ist bei Schostakowitsch nur die Folie, vor der sich dem aufmerksamen Hörer intime, hie und da dramatische, oft in sich meditativ kreisende, nur hie und da dramatisch aufbrausende Botschaften  erschließen. Wenn Gustav Mahler einmal gesagt hat, eine Symphonie zu komponieren, das sei wie „eine Welt aufzubauen“, dann hat sein gelehriger Schüler Schostakowitsch, der in seinem Symphonien die Welt in ihren rasenden, tobenden Eruptionen zum klingen brachte, das Prinzip mit diesem Klavierzyklus nach innen gekehrt: Da fegen die Seelenstürme zu Zeiten im Pianissimo über die Tasten, je stiller, desto intensiver.

Unvergeßlich der Moment im Salzburger Festspielkonzert, in dem sich die dieserart aufgeladene Hochspannung nach einem endlich im Fortissimo und in äußerster Geschwindigkeit erreichten äußeren Höhepunkt entladen durfte: Nach der Des-Dur-Fuge durchbrach heftiger Applaus die zuvor atemlose Stille im Auditorium.

Stevensons verwirrende Erzählung

Die Spannungsbögen aufzubauen und durchzuhalten gelang Igor Levit auch im Sony-Studio.  Die CD-Edition setzt die Schostakowitsch-Aufnahmen nun vor die Einspielung der Stevenson-Passacaglia, die der Pianist heute Abend auch bei den Salzburger Festspielen präsentiert: Ein Werk, das seine Vielgestaltigkeit und seine formalen Experimente allesamt in einen zwingenden Verlauf integriert, der den Hörer in seinen Bann schlägt wie eine spannende Märchenerzählung. Igor Levit breitet sie vor uns mit einem Farben- und Klangreichtum vor uns aus wie ein guter Filmregisseur, der für jede Episode wieder neue Überraschungen parat hat. Manche erstaunliche, frappierende, vielleicht schockierende Volten öffnen uns immer wieder Türen in ungeahnte Regionen. Man kann sich, lernt man da, auch hörend verirren, findet sich in einem Dickicht, aus dem uns der musikalische rote Faden über verschlungene Weg wieder herausführt.

Die neue CD

Die neue CD-Produktion Igor Levits gibt uns hernach die Möglichkeit, den Plan noch einmal aufzuschlagen und zu studieren. Es bedarf vieler Versuche, ehe man lernt, die Wegmarken zu deuten. Zwischendurch zu Schostakowitschs „Präludien und Fugen“ zurückzugehen, die nicht von ungefähr hier integriert sind, lohnt sich: Schon diese Musik führt den Hörer aus oft geradezu aufreizend simpel wirkenden Anfängen in komplexeste Schichtungen: Im kontrapunktischen Geflecht der melodischen Linien geht das Gefühl für den Grundton oft rasch verloren und muß dann in mühevollen modulatorischen Prozessen zurückgewonnen werden. Das sind akustische Balanceakte, dank Igor Levits immer beredtem Spiel gewinnen sie zuweilen immense Ausdruckskraft. Beim einmaligen Hören dieser CDs wird es wohl nicht bleiben . . .

Bei den Salzburger Festspielen 2021 ist Igor Levit dann noch einmal zu erleben: Am 31 Juli spielt er im Großen Festspielhaus Beethovens "Eroica" in Franz Liszts Klavierarrangement sowie Werke von Schubert und Prokofieff.

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