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Kino

Teenie-Romanze: (K)ein Sommer wie damals

Félix Lefebvre und Benjamin Voisin in "Sommer 85" von François Ozon
Félix Lefebvre und Benjamin Voisin in "Sommer 85" von François Ozon(c) Filmladen
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François Ozons „Sommer 85“ ist ein Film, der einen ständig vor dem warnt, was kommen wird. Und dabei seine Figuren in eine hanebüchene Geschichte einzwängt.

Vielleicht ist die Rahmenhandlung das Problem. Also zumindest eines von mehreren, mit denen dieser Film von François Ozon zu kämpfen hat: Ein 16-Jähriger hat darin etwas verbrochen. Was, wird sich erst enthüllen, Spannung muss schließlich sein. Jedenfalls hat dieses Verbrechen ihn vor den Richter geführt – und lässt die Sozialarbeiterin bedenklich den Kopf wiegen: Er soll erklären, was passiert ist, sonst kann sie ihm nicht helfen! Und weil er darüber nicht reden kann, über den Tod des Burschen, den er geliebt hat, beginnt er zu schreiben. Er tippt, auf einer klapprigen Reise-Schreibmaschine, schließlich befinden wir uns im Jahr 1985. Und während er sich erinnert, entwickelt sich der Film.

Das altvertraute „Buch im Buch“ wird hier also zum „Bekenntnisaufsatz im Film“. Was dann doch ein bisschen knirscht. Vor allem führt diese Konstruktion zu Sätzen wie: „Das ist nicht das Ende meiner Geschichte, das Ende kenne ich selbst noch nicht. Vielleicht ist es ein Anfang.“ Und Ozon meint das ernst.

Womit wir bei einem weiteren Problem wären. Dieser Film kann einfach nicht still sein. Dabei gäbe es so vieles zu zeigen! Einen ganzen Teenager-Sommer! Doch seine Protagonisten erklären sich ununterbrochen, verbreiten Weisheiten, geben Hinweise auf das, was uns, die Zuseher, erwartet. Kein Gespräch darf dahinplätschern, jedes muss irgendwo hinführen: „Das Schlimmste am Tod ist die Abwesenheit eines Menschen, den du liebst“, sagt der 18-jährige David (Benjamin Voisin) zum Protagonisten Alexis (Félix Lefebvre). „Du hast nicht wirklich David geliebt, sondern das Bild, das du dir von ihm gemacht hast“, erklärt die junge Engländerin mit dem komischen Akzent. Und im Hintergrund scheint Ozon zu nicken: Kennen wir das nicht alle?

Da war doch was... Aids?

Was zum größten Problem führt: Der Film kann mit den Teenagern, in deren Leben er eintauchen will, nicht viel anfangen. Vielleicht, weil Ozon sich zu sehr auf das tragische Ende konzentriert, das alles überschattet, keine wirklich unbeschwerte Szene zulässt. Vielleicht, weil es gar kein Film über Jugendliche ist, sondern einer über die Vorstellungen eines Mannes Anfang 50, der sich mit einer gewissen Schwermut zurückerinnert. Und dabei übrigens ganz auf Aids vergisst.Vielleicht würde das gar nicht so auffallen, hätten nicht in den letzten Jahren zahlreiche Regisseure gezeigt, wie das geht: Die Sorglosigkeit dieser Zeit zu feiern. Und die Gefahren dabei nicht zu vergessen. Nah heranzukommen, ohne aufdringlich zu sein.

Der Vergleich drängt sich im Laufe des Films immer wieder auf: Man sieht Alexis vor dem Spiegel posieren und ob seiner Verrenkungen fast umkippen, eine verblüffend unangenehme Szene – und denkt an die Burschen von „Paranza“ (Claudio Giovannesi), die ebenso posierten, wunderbar kindlich und männlich zugleich. Alexis schwingt sich aufs Rad – und man hat Stevie aus Jonah Hills „Mid90s“ vor Augen, der mit seinem Board einen Boulevard in Los Angeles entlangskatet, so frei! So im Augenblick! Alexis und David tanzen, eine weitere Szene, die einen eher ratlos lässt – und man erinnert sich an die Teenies aus Luca Guadagninos grandioser Serie „We Are Who We Are“, die derzeit auf Amazon/Starzplay läuft. Genauso wie an dessen Film „Call Me by Your Name“, der einem derzeit wohl als Erstes einfällt, wenn man an Teenager-Sommerfilme denkt. Es ist jetzt, wo wir endlich wieder ins Kino dürfen, ein Jammer: Aber dann lieber streamen.


[RNJAG]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2021)