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Pandemie

Covid-Todesfälle in Indien: "Mehrere Millionen" nicht "mehrere Hunderttausend"

Luftaufnahme einer Massenverbrennung von Covid-Toten in Neu Delhi Ende April 2021.
Luftaufnahme einer Massenverbrennung von Covid-Toten in Neu Delhi Ende April 2021.REUTERS
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Konnte Indien die Delta-Welle im Frühling tatsächlich mit offiziell wenigen Opferzahlen überstehen? Das wundert auch viele Wissenschaftler, die anhand von Datenanalysen von bis zu fünf Millionen Opfern ausgehen. Eine Studie zeigt außerdem: Zwei Drittel aller Inder dürften Antikörper haben.

Menschen, die vor den Krankenhäusern verstorben sind. Angehörige, die versuchen, Sauerstoff für ihre an Covid-19 erkrankten Angehörigen zu beschaffen. Indien war im April und Mai dieses Jahres mitten einer dramatischen Coronawelle. An einigen Tagen wurden 400.000 Neuinfektionen gemeldet.

Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt. Es werden täglich zwischen 30.000 und 40.000 neue Corona-Fälle gemeldet. Doch jüngste Studien zeigen auf, wie stark das Land von Sars-Cov-2 getroffen wurde. Denn in einem riesigen Land wie Indien mit seinen Mega-Metropolen und dann wiederum nur schwer erreichbaren ländlichen Gebieten ist die Dunkelziffer eine relevante und mutmaßlich hohe. Damit beschäftigen sich derzeit mehrere Studien. Einerseits wurde klar: Zwei Drittel der Menschen in Indien ab sechs Jahren hatten Kontakt mit dem Virus und haben somit Antikörper entwickelt. Und zweitens - und darüber wird mehr gestritten: Die Opferzahl dürfte weit höher sein, als bisher angenommen: 1,3 bis zu fünf Millionen Menschen könnten mit dem Virus verstorben sein. Selbst die kleinste der genannten Zahlen würde traurigen Weltrekord bedeuten: doppelt so viele Tote wie in den USA, die derzeit in der Statistik an erster Stelle liegen. Mehr als 610.000 Menschen sind offiziell mit Sars-Cov-2 in den USA ums Leben gekommen.

Mangelnde Registrierung

Wie kommen Wissenschaftler nun auf die deutlich höheren Zahlen? Recherche-Modelle mithilfe von Daten lokaler Behörden ergeben führen zu einer neuen Schätzung, die bis zu zehn Mal höher ist, als die offizielle Zahl von aktuell 419.000. Schon in der großen Delta-Welle im Mai/Juni, als zahllose Leichen im heiligen Fluss Ganges trieben und die Krematorien mit dem Verbrennen der Leichname nicht mehr nachkamen, gab es viele kritische Stimmen, die die Zählweise der Regierung von Premierminister Narendra Modi anzweifelten.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat in rund der Hälfte der 28 indischen Bundesstaaten nachgefragt und Daten von April bis Mai aus den letzten beiden Jahren verglichen. Man wollte also eine mögliche Übersterblichkeit untersuchen. Das Ergebnis sei klar: Die wahre Opferzahl sei vollkommen unterschätzt worden. Grund dafür seien eine Kombination aus zu geringen Zählungen, einer mangelnden Registrierung in den Systemen und zu wenige Testungen, sodass bei etlichen Todesfällen zum Beispiel als Ursache Herzkrankheiten notiert wurden.

Diese und noch höhere Zahlen ergaben auch Datenanalysen anderer Wissenschaftler - etwa jene von Bhramar Mukherjee, Professorin an der School of Public Health an der Universität von Michigan. Sie hat sich im letzten Jahr intensiv mit der Modellierung der Covid-Pandemie in Indien beschäftigt. Ihre Studien nennen ebenfalls eine hochgerechnete Opferzahl von 1,3 Millionen Menschen bis zum 15. Juni, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Der in Washington beheimatete Global Development Think-tank veröffentlichte am Dienstag drei verschiedene Quellen und berechnete eine mögliche Opferzahl zwischen 3,4 und 4,9 Millionen.

„Schlimmste Tragödie Indiens seit der Teilung"

"Unabhängig von der Quelle und der Schätzung sind die tatsächlichen Todesfälle während der Covid-Pandemie wahrscheinlich um eine Größenordnung höher als die offizielle Zählung", so der Bericht, der von Arvind Subramanian, dem ehemaligen Chef-Wirtschaftsberater der indischen Regierung, und zwei weiteren Forschern mitverfasst wurde. "Die wahre Zahl der Todesfälle liegt wahrscheinlich bei mehreren Millionen, nicht bei Hunderttausenden, was dies wohl zur schlimmsten menschlichen Tragödie Indiens seit der Teilung und Unabhängigkeit macht."

Die Behörden wollen diesen Studien wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen. Eine Mitteilung aus dem Gesundheitsministerium vom 14. Juli nennt neue Covid-Todeszahl-Schätzungen „spekulativ“. Minister Mansukh Mandaviya erklärte dem Parlament am Dienstag, es gebe „detaillierte Richtlinien“ für alle Bundesstaaten, wie Todesfälle dem Ministerium gemeldet werden sollten. Es habe außerdem keine konkreten Meldungen von Todesfällen wegen Mangels an Sauerstoff gegeben, ergänzte der Minister. Berichte und Bilder vom Höhepunkt der Covid-Krise in den Metropolen zeigten eine andere Lage.

Premier Modi sieht Indien als Vorzeigeland

Die neuen Studien über möglicherweise deutlich höhere Opferzahlen durch Covid-19 bringen das Narrativ der Regierung ins Wanken. Premier Modi betont stets, Indien habe die Krise besser überstanden als jedes andere Land - mit dem Argument der wenigen Toten. Nachdem das Gesundheitssystem in etlichen Teilen des Landes kollabiert war, sanken auch Modis Beliebtheitswerte von 75 Prozent in 2019 auf immer noch beachtliche 51 Prozent, das zeigte zumindest eine Umfrage von LocalCircle von Ende Mai.

Historisch ist es in Indien üblich alle zwei Jahre eine Sterblichkeits-Statistik zu veröffentlichen. Datenjournalistin Rukmini S. fordert gegenüber Bloomberg, das sofort zu tun. Mehrere Reporter hätten ohnehin schon Zugriff darauf. Die Daten seien „verfügbar und sollten öffentlich gemacht werden. Wir müssen nicht zwei Jahre warten“, so die Journalistin. Dass die Regierung allerdings Zahlen veröffentlich, die ihrem Standpunkt widersprechen, ist wenig wahrscheinlich.

Antikörper-Studie zeigt weite Verbreitung von Covid

Bei den Zahlen der Todesfälle lässt sich vieles nur erahnen und berechnen. Doch wie tief das Coronavirus in die indische Bevölkerung vorgedrungen ist, zeigt eine andere aktuelle Studie. Zwei Drittel der Menschen in Indien ab sechs Jahren hatten Kontakt mit dem Coronavirus oder eine Corona-Impfung erhalten und entsprechende Antikörper entwickelt. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung im Auftrag der indischen Regierung mit Proben von mehr als 36.000 Menschen vom Juni und Juli, wie das Gesundheitsministerium mitteilte.

Diese Zahlen bedeuten keineswegs Herdenimmunität und Sicherheit. Die Bürger sollten sich an die Corona-Regeln halten, denn noch hätten rund 400 Millionen Inder keine Antikörper. Angesichts einer niedrigen Impfrate und einer zurückkehrenden Normalität im Alltag warnen Experten vor einer dritten Welle. Bislang sind knapp 24 Prozent der Menschen mindestens einmal gegen Corona geimpft und rund sechs Prozent vollständig. Bei der vorangegangenen Antikörper-Untersuchung in Indien im Februar 2021 und damit vor der zweiten Welle hatten erst 21 Prozent der Menschen Corona-Antikörper. Damals wurden Menschen ab zehn Jahren entsprechend getestet.

(klepa/Ag.)