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Unternehmertum

Sich für Nachhaltigkeit aufzuopfern, kann frustrieren

Grüne Entrepreneurs identifizieren sich stark über ihr Klima- und Umweltbewusstsein. Dadurch sitzen die Gründerinnen und Gründer zwischen den Stühlen.
Grüne Entrepreneurs identifizieren sich stark über ihr Klima- und Umweltbewusstsein. Dadurch sitzen die Gründerinnen und Gründer zwischen den Stühlen.(c) imago images/Westend61 (imago stock&people via www.imago-images.de)
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Klagenfurter Forscherinnen und Forscher haben Gründungen im Umweltbereich untersucht. Die Menschen dahinter leiden oft unter dem Konflikt zwischen einerseits wirtschaftlichen und andererseits sozialen, klima- und umweltorientierten Werten.

„Wir sehen, dass die großen Herausforderungen, mit denen wir als Menschheit konfrontiert sind, immer mehr im sozialen und politischen Diskurs ankommen“, sagt Patrick Gregori vom Institut für Innovationsmanagement und Unternehmensgründung der Uni Klagenfurt. So finden sich immer mehr Menschen, die etwas beitragen wollen, um Herausforderungen wie Klimawandel und soziale Ungleichheit zu stemmen. „Dabei eröffnen sich auch mehr unternehmerische Wege, wie man diese Probleme angehen kann“, sagt Gregori, der mit seinen Institutskollegen Patrick Holzmann und Malgorzata Wdowiak die Hintergründe des „grünen Gründens“ erforscht hat.

Grünes Unternehmertum, das auch „Ecopreneurship“ (Ecological Entrepreneurship) genannt wird, hat prinzipiell die gleichen Hürden wie herkömmliches Gründen, wenn man etwa an die Unsicherheit bei der Finanzierung denkt. „Aber für Menschen, die nachhaltig handeln wollen, ergeben sich zusätzliche Probleme, die das Ganze verkomplizieren“, sagt Gregori. Denn bei ihnen kommt es zu Konflikten im Spannungsfeld zwischen klassischen ökonomischen Werten wie Profitabilität und den sozialen und umweltorientierten Werten.

Das Klagenfurter Team führte mit 26 Gründerinnen und Gründern in ganz Österreich tiefgehende Interviews, um herauszufinden, wie man Nachhaltigkeit und Entrepreneurship unter einen Hut bringen kann. Die Gesprächspartner waren gar nicht so leicht zu finden: Den Beginn machten Teilnehmer von Förderwettbewerben, die sich an grüne Gründer richten, und dann ging es per Schneeball-System weiter. „Auf den ersten Blick ist die Szene in Österreich eher überschaubar, aber sie ist gut vernetzt: Uns war wichtig, dass wir das persönliche Gespräch gesucht haben, denn in dieser Studie wurden auch heikle und sehr persönliche Themen angesprochen“, sagt Gregori.

 

„So möchten wir nicht sein!“

Die Auswertungen, die im Journal of Business Research veröffentlicht wurden, zeigen, dass sich grüne Entrepreneurs stark über ihr Klima- und Umweltbewusstsein identifizieren. „Die Selbstwahrnehmung und die persönliche Identität passen nicht zu der Vorstellung, was im herkömmlichen Unternehmertum wichtig ist“, sagt Gregori. Die Motivation zur ihrem Tun beziehen die Befragten großteils aus dem Naturschutzgedanken. Aber dadurch sitzen die Gründerinnen und Gründer zwischen den Stühlen, meint Gregori: „Sie sehen sich nicht als klassische Unternehmer, weil sie sich stark abgrenzen von den Werten wie Wachstum, Profit und Eigennützigkeit.“ Dieser Spagat führt zu starken Emotionen wie Traurigkeit, Frustration und Wut gegenüber einem umweltschädlichen wirtschaftlichen Verhalten.

„So möchten wir nicht sein!“, hörten die Klagenfurter Forscher oft in den Gesprächen. „Viele haben den Schritt noch nicht geschafft, Wirtschaftlichkeit und grüne Werte zu vereinen“, sagt Gregori. Vielmehr kamen Probleme zum Vorschein, die in Richtung Aufopferung für die gute Sache gehen. „Da entscheiden sich Personen, weniger zu verdienen, um die eigene Identität aufrechtzuerhalten, oder stecken mehr Arbeitsstunden hinein, als gesund ist“, führt Gregori aus. Das Thema Burn-out wurde öfters angesprochen, auch weil sich die Betroffenen allein gelassen fühlen: „Sie werden von den klassischen Unterstützungsfunktionen, die es im Gründungsprozess gibt, nicht angesprochen.“

Daher weist das Klagenfurter Team auf das neue Social Innovation Lab Carinthia hin, das soziale und umweltorientierte Gründungen fördert (siehe Lexikon). Außerdem gehen die Wissenschaftler nun weitere Projekte an, um zu klären, wie grüne Gründerinnen und Gründer verstärkt zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen können. „Die Frage ist, was wird in einer Gesellschaft wertgeschätzt? Zählt nur der ökonomische Wert?“, sagt Gregori. Ihm geht es darum, wie Unternehmerinnen und Unternehmer Prozesse anstoßen können, damit sich große Dinge ändern, etwa das Kaufverhalten der Menschen. „Es braucht neue Geschäftsmodelle, die diese unterschiedlichen Werte gut vereinen und den Kunden auch mit ins Boot holen“, sagt Gregori.

LEXIKON

Das Social Innovation Lab Carinthia ist eine neue Einrichtung an der Uni Klagenfurt, die vom Land Kärnten gefördert wird. Hier sollen gesellschaftsrelevante Innovationen unterstützt und forschungsmäßig begleitet werden. Das Institut für Innovationsmanagement und Unternehmensgründung (IUG) baut dabei auf den Ergebnissen des von der EU geförderten Interreg-Projekts SIAA (Social Impact for the Alps Adriatic Region) auf, das wichtige Problemfelder der Region identifizierte: Überalterung der Gesellschaft, Migration, Daseinsvorsorge, Nachhaltigkeit, Klimawandel und alternative Formen der Zusammenarbeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2021)