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Theresa May vor der Downing Street 10.
Sommer-Serie

Was wurde aus Theresa May?

Lange übte sich die frühere britische Premierministerin in Loyalität, doch mehr und mehr profiliert sie sich als Kritikerin ihres Nachfolgers Boris Johnson.

London. Kaum jemandem gelingt es, den Posten des britischen Premierministers erhobenen Hauptes zu verlassen. Margaret Thatcher wurde von der eigenen Partei gestürzt, Tony Blair ging umschattet von Klagen wegen angeblicher Kriegsverbrechen und David Cameron wird als jener Mann in die Geschichtsbücher eingehen, der die Brexit-Volksabstimmung durchführen ließ. Und als seine Nachfolgerin Theresa May am 24. Mai 2019 ihren Rückzug ankündigte, waren ihre Tränen wohl die einzigen, die im ganzen Land flossen: Nach einer Expertenbefragung der Universität Leeds landet May gemeinsam mit Anthony Eden (Suez 1956) auf dem letzten Platz der 14 britischen Premierminister seit dem Zweiten Weltkrieg (Amtsinhaber Boris Johnson wurde nicht mitbewertet).

Fast drei Jahre hatte sich May mit dem EU-Austritt ihres Landes herumgeschlagen, doch eine Lösung zu finden, verwehrte ihr nicht zuletzt ihre eigene Partei. Je mehr sie den Forderungen der Hardliner entgegenkam, desto größer wurde ihr Blutrausch: „Wenn du Krokodile füttern willst, sorge dafür, dass dir das Futter nicht ausgeht“, warnte einst der Tory-Veteran Ken Clarke. Er kannte die Konservativen offenbar besser als May. Sie sprach selbst nach ihrem Sturz immer noch von ihrer „Liebe zu meiner Partei“, die zu diesem Zeitpunkt längst unerwidert blieb. 

Protest-Plakate 2019.
Protest-Plakate 2019.(c) imago images / ZUMA Press (Rob Pinney via www.imago-images.de)

Als im Juli 2018 ihr damaliger Außenminister Johnson aus Protest gegen einen Kompromiss mit der EU zurücktrat, war Mays Schicksal im Grund bereits besiegelt. Alan Duncan, der unter Johnson Staatssekretär war (und ihn nicht ausstehen kann), vermerkt in seinem (höchst amüsanten) Tagebuch: „Johnson verachtet May und hält sich für den nächsten Churchill.“ Hier die hölzerne, gehemmte und kommunikationsunfähige May, die im Wahlkampf 2017 einen 20 Punkte-Vorsprung in einen Verlust von drei Mandaten verwandelte, dort der charismatische, leutselige und zupackende Johnson, der den Briten versprach, „den Brexit zu erledigen“ – es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie aus dem Amt gemobbt hatte.

Doch die Wahrheit ist, wie der Römer sagt, „eine Tochter der Zeit“. Je mehr die Folgen des Brexit und zuletzt auch wieder der Charakter Johnsons zum Gegenstand öffentlicher Erörterung werden, desto mehr steigt das Ansehen Mays. Anders als viele ihrer Vorgänger behielt sie nach dem Rücktritt als Regierungschefin ihr Parlamentsmandat bei und wurde bei der vorgezogenen Wahl im Dezember in ihrem Wahlkreis Maidenhead, den sie seit 2010 im Unterhaus vertritt, wiedergewählt. „Ich möchte weiter meinen Wählern und dem Interesse unseres Landes dienen“, versprach sie. Man glaubt es der 64-jährigen Tochter eines Pastors, die einst als „wildeste“ Tat ihrer Jugend nannte, „Kreise in einem Kornfeld gelaufen“ zu sein.

May 2016 neben ihrem Außenminister Boris Johnson.
May 2016 neben ihrem Außenminister Boris Johnson.(c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)

In der breiten Öffentlichkeit geriet May noch rascher in Vergessenheit als sie von der (knallharten) Innenministerin des Jahres 2010 zur (überforderten) Premierministerin 2016 aufgestiegen war. Der legendäre BBC-Anchorman Jeremy Paxman spottete einmal: „Sie ist die Art von Person, mit der man nur einmal Mittagessen geht.“ In ihrer neuen Rolle als Hinterbänklerin verhielt sich May zunächst ultraloyal, und für pikante Interviews, sei es mit Kritik oder Tratsch, stand sie nicht zur Verfügung. „Ich habe selbst oft genug am eigenen Leib verspürt, was es heißt, wenn Teile der eigenen Partei gegen die Führung rebellieren“, sagte sie.

Umso mehr mag es da erstaunen, dass May sich in letzter Zeit zu einer der führenden Kritikerinnen ihres Nachfolgers Johnson entwickelt hat. In der Bekämpfung der Coronaepidemie gehört sie mittlerweile zu den öffentlichen Wortführern jener konservativen Abgeordneten, die dem Regierungskurs mit tiefem Misstrauen gegenüberstehen. Als sie im vergangenen November im Unterhaus das Wort ergriff und der Regierung „manipulativen Umgang mit Daten“ vorwarf, verließ Johnson demonstrativ den Sitzungssaal.

Das Verhältnis der beiden ist seither nicht besser geworden:  Zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden veröffentlichte May einen Zeitungsartikel, der eine brutale Abrechnung mit Johnson war: „Wir haben die globale moralische Führung verloren“, warf sie ihrem Nachfolger vor, und erinnerte ihn zugleich: „Starke Führung weiß, wann es gilt, Kompromisse einzugehen, um einem größeren Ziel zu dienen“. Der Beitrag erschien zu einem Moment, als die Londoner Regierung einen vollen Konfrontationskurs mit der EU wegen Nordirland fuhr. 

Einmal auf den Geschmack gekommen, hält May immer weniger mit ihrer Meinung zurück. Als die Regierung zuletzt eine Kürzung der Entwicklungshilfe ins Parlament brachte, kritisierte sie Johnson persönlich: „Sie lassen damit die Ärmsten der Armen im Stich.“ Die Folgen seien aber auch für Großbritannien schwerwiegend: „Die Menschen hören auf uns, weil wir unsere Werte in Taten umsetzen. Daher werden diese Kürzungen negative Konsequenzen für unser Ansehen haben.“ Erstmals in ihrer 24-jährigen Karriere als Abgeordnete stimmte May gegen ihre eigene Regierung.

May und Johnson.
May und Johnson.(c) APA/AFP/UK PARLIAMENT/JESSICA TAYLOR (JESSICA TAYLOR)

Gerade die Tatsache, dass die Ex-Premierministerin weder Interesse noch Angebote für eine Rückkehr ins Zentrum der Macht hat, wirkt für sie – ähnlich wie dem glücklosen Thatcher-Nachfolger John Major (1992-1997) – heute wie eine Befreiung. Weil sie weder etwas zu gewinnen noch etwas zu verlieren hat, ist May heute, in den Worten des Kommentators James Forysth „immun gegen innerparteilichen Klubzwang“.

Eine glänzende Rednerin wird sie wohl nie werden: „Hölzern wie ein Kaffeehaustisch“, sagte einmal der frühere Unterhauschef John Bercow über sie. Aber sie punktet genau damit, was man Johnson abspricht: Anstand, Moral und Glaubwürdigkeit. Und das lässt sich auch zu barer Münze machen. Seit Juli 2019 verdiente sie mit weltweiten Vorträgen fast 1,9 Millionen Pfund, mehr als jeder Abgeordnete des britischen Unterhauses. US-Präsident Donald Trump, der aus seiner Abneigung gegenüber May nie ein Geheimnis gemacht hat, soll darauf gehöhnt haben: „Ich würde 100.000 Dollar zahlen, um sie nicht reden zu hören.“