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Unterwegs

Nationalpark statt Kraftwerk

Zirbenwald
Zirbenwald(c) imago/Rainer Mirau (Rainer Mirau)
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Hirschgedanken zu Österreichs größtem Wasserkraftwerk (das dann doch nicht gebaut wurde).

Der Wildtierbeobachtungsturm wird seinem Zweck vollauf gerecht. Ein Hirsch wurde auf dem Berghang gegenüber gesichtet, um das Fernglas auf der Plattform hat ein höfliches Ringen eingesetzt. Es ist mitten am Tag und heiß, da tut sich normalerweise wenig. Der Hirsch hat sich am Rand einer Höhle niedergelassen, wo es kühl ist, und scheint seinen Hirschgedanken nachzuhängen.

Wir sind in Osttirol im Oberhauser Zirbenwald, und noch etwas lässt sich hier gut beobachten: ein prächtiger Wildbach, wie er sich seinen Weg durchs Tal hinab rempelt, sprudelnd und quicklebendig. Es könnte hier ganz anders aussehen. „Ein trauriges Rinnsal“ nennt unser Nationalpark-Ranger das Schicksal dieses Baches und unzähliger anderer, wäre hier vor Jahren ein megalomanisches Bauprojekt verwirklicht worden – sein Name mag noch nachhallen: Dorfertal.

Alle Flüsse der Gegend wären dafür unterirdisch abgeleitet und in einem Sammelstollen zu einem Stausee verbracht worden, der Österreichs größter geworden wäre, Erschließung für den Skisport inklusive. Politik, Bau- und Energiewirtschaft kämpften dafür, die Bevölkerung, jedenfalls zunehmend im Lauf der langen Auseinandersetzung, dagegen. In Innsbruck setzte ein TU-Professor das Narrativ der Betonierer: „Wenn nicht gebaut wird, gehen im Jahr 2000 in Österreich die Lichter aus.“ Statt des Kraftwerks kam der Nationalpark, die richtige Fassung für dieses Juwel einer Bergwelt. Man mag seine Schlüsse ziehen, wenn sich heute andere hinstellen und sagen: Wir brauchen diesen oder jenen Bau. Eh klar. Nur: Wer sind „wir“?

timo.voelker@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2021)