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Der ökonomische Blick

Große Transformation, auf die wir uns freuen können

Laut Klimabarometer 2021 rangiert der Klimaschutz als Forderung an erster Stelle.
Laut Klimabarometer 2021 rangiert der Klimaschutz als Forderung an erster Stelle.Getty Images
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Für das Klima ist Innovation zentral, aber nicht nur in der Industrie, sondern auch in unseren Lebensmustern.

An Bewusstsein mangelt es in der Klimakrise nicht mehr. Wenn es um die Frage geht, welche Welt wir hinterlassen und wir in die Augen unserer 12-jährigen Töchter oder 14-jährigen Söhne schauen – oder auf eine repräsentative Umfrage aus dem Frühjahr von Gallup Österreich, das Klimabarometer 2021: Der Klimaschutz rangiert als Forderung an erster Stelle, noch vor Bildung oder der Ankurbelung der Wirtschaft. Dies sogar noch vor den jüngsten Unwettern und verheerenden Bildern aus Deutschland.

Die Pandemie hat letztlich mitgeholfen. Die gemeinwohlorientierte Landwirtschaft etwa berichtet, dass nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 alles schnell wieder zurückgekippt sei in alte Muster, aber mit den folgenden Lockdowns die Nachfrage nach ihren Produkten nun dauerhaft gestiegen sei. Auch die Industrie spürt es überdeutlich, etwa wenn Auftraggeber der österreichischen Autozulieferer plötzlich den ausgewiesenen CO2-Fußabdruck für alle ihre Vorprodukte einfordern: In vielen Branchen ist fundierter Klimaschutz – jenseits von „green washing“ – längst zur wirtschaftlichen Überlebensfrage geworden, gerade in einem exportorientierten Land wie Österreich.

Die politischen Ziele sind demgemäß markiert: Klimaneutralität bis 2040 steht in Österreichs Regierungsprogramm. Und die EU-Kommission hat für die erste Etappe bis 2030 ihr bisher umfassendstes Gesetzespaket überhaupt dem Klimaschutz gewidmet, das die EU für 55 Prozent Emissionsreduktion fit machen soll.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Wunsch und Wirklichkeit

Sind solche Ziele erreichbar? Oder besser: Was sind die Voraussetzungen für eine Zielerreichung und wie gelangen wir dorthin?

Dazu braucht es ein genaueres Zielbild. Dieses ist zwar erst im Detail unter Einbeziehung aller Betroffenen in der Gesellschaft auszuhandeln, aber einige Eckpunkte scheinen schon festzustehen. In der Energienachfrage beobachten wir eine weitgehende Elektrifizierung: von E-Mobilität über industrielle Produktionsprozesse (z.B. zur Wasserstoff-Route – aus erneuerbarem Strom – in der Stahlproduktion) bis zur Wärmepumpe, dem heute am häufigsten neu eingebauten Heizsystem.

Gleichzeitig ist erneuerbarer Strom in dezentraler Erzeugung und Speicherung wirtschaftlich geworden: In den vorigen zehn Jahren sind Fotovoltaikmodule um den Faktor zehn, Speicher um den Faktor acht billiger geworden. Trend ungebrochen. Aber auch erneuerbare Stromerzeugung bedarf Ressourcen und ist daher nicht unbegrenzt verfügbar. Die Analysen für Österreich zeigen, dass zur Klimaneutralität etwa eine Halbierung des heutigen Energiebedarfs erforderlich ist, der dann erneuerbar abgedeckt werden kann. Utopisch? Zum einen lohnt sich ein Blick auf andere Länder: Gegenüber 2005 ist die Energienachfrage bereits vor Corona in fast allen EU-Staaten gesunken, nicht jedoch in Österreich. Dennoch sind Länder wie Schweden bei absolut sinkendem Energieverbrauch in ihrem Bruttoinlandsprodukt stärker gewachsen.

Zum anderen ist klar, dass sich die zukünftige Entwicklung nach Bereichen stark unterscheiden wird. In der Industrie wird der Energiebedarf eher nicht sinken, aber in der Raumwärme, in der Vermeidung von Umwandlungsverlusten, und in der Mobilität sind gewaltige Reduktionen auch ökonomisch sinnvoll. Es geht dabei um kein „Zurück in die Steinzeit“ – und ja, „wir können nicht mehr leben wie im vergangenen Jahrhundert“ (Sebastian Kurz). Gerade deswegen darf nicht alles nur auf den (nun elektrischen) Pkw fixiert sein! Es braucht die Innovation – in Technologie UND Lebensmuster. Auch an letzteren gilt es kontinuierlich und insbesondere in Zeiten der Transformation zu arbeiten. In den Worten von Albert Einstein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und dabei andere Ergebnisse zu erwarten.“

Selbst wenn die Halbierung des Gesamtenergiebedarfs gelingt: Der Ausbaubedarf für erneuerbaren Strom ist gewaltig. Das soeben im Nationalrat beschlossene Gesetz zum Ausbau der Erneuerbaren sieht z. B. bei der Strombereitstellung aus Fotovoltaik eine Erhöhung um elf Terra-Wattstunden vor. Legt man die Durchschnittsgröße der 2020 installierten geförderten Anlagen zugrunde (130m2), müssten bis 2030 im Schnitt jeden Werktag über 200 solcher Anlagen neu ans Netz gehen!

Kann es in allen hauptemittierenden Wirtschaftssektoren – sowohl in Industrie, Energie, Verkehr und Raumwärme – überhaupt gelingen, den Umstieg zu schaffen, der auf dem Weg zur Klimaneutralität die von Österreich im Kontext der EU geforderte Emissionsreduktion gewährleistet? Um das Ergebnis einer komplexen Analyse, die als „Wegener Center Report 91-2021“ online abrufbar ist, auf einen Satz zu verkürzen: Wenn die Rahmenbedingungen, besonders für die Verfügbarkeit der Erneuerbaren, rechtzeitig gesetzt werden, UND die Transformation im Lebensstil gelingt, lautet die Antwort „Ja“. Insbesondere im Nach-Corona-Kontext lässt sich dieser Umstieg so gestalten, dass auch Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt und Beschäftigung ansteigen. Die Betonung liegt dabei auf „lässt sich gestalten“ – denn es ist bei Weitem kein Selbstläufer.

Nicht auf „die anderen“ warten

Wer muss zuerst handeln – die Politik, die Unternehmen oder die Zivilgesellschaft? Diese Bereiche sind voneinander abhängig. Wenn wir immer auf „die anderen“ warten, werden wir das Ziel nicht erreichen, und nicht nur unser Wirtschaftsstandort wird an Bedeutung verlieren.

Mit unserem Handeln in jedem dieser Bereiche setzen wir gleichzeitig die Rahmenbedingungen für die anderen: Unternehmens-Pioniere entwerfen die grünen Produkte und Geschäftsmodelle, die der Bevölkerung erst ermöglichen, diese nachzufragen und der Politik die Ordnungspolitik darauf auszurichten. Pioniere aus der Bevölkerung probieren neue Lebensstil-Muster aus und ermöglichen erst damit Unternehmen diese Nachfrage zu erkennen und zu bedienen, und der Politik jene Rahmenbedingungen als mehrheitsfähig zu erkennen, die diese Lebensstile bevorzugen. Und schließlich gehen Pioniere der Politik voran und setzen Rahmenbedingungen durch, die es gemäß Aktienrecht der Wirtschaftlichkeit verpflichteten Vorstandsvorsitzenden erst erlauben, auf grüne Wege umzuschwenken und einen nachhaltigen Lebensstil für die Menschen erst leistbar machen.

Warum es sich (auch) lohnt, zu handeln? Eine Projektgruppe, die die eigene Stadt klimaneutral in darstellender Kunst zu präsentieren trachtete, berichtete von ihren Erfahrungen. Zuerst waren viele Mitglieder skeptisch: So ein Umstieg würde ja ohnehin nicht gelingen, wäre außerdem von Verzicht geprägt. Je tiefer sie in die Fragestellung eindrang, umso mehr wandelte sich das Bild. Bis der Schalter umkippt: Es wurde zu einem partizipativen Projekt, das ganz stark Lust machte auf eine Gestaltung der eigenen Zukunft, mit tiefer Lebensfreude und zwar weit über die Klimaziele hinaus.

DER AUTOR

Karl W. Steininger (*1965) ist Professor für Klimaökonomik am Wegener Center der Universität Graz, mit den Forschungsschwerpunkten Klimafolgen und Nachhaltige Transition. Er ist im Präsidium der Nationalökonomischen Gesellschaft, und berät mehrere europäische Länder, u. a. die österreichische Regierung.

Karl W. Steininger
Karl W. SteiningerBeigestellt

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2021)

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