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Mein Montag

Hört auf damit, statt „äh“ immer „genau“ zu sagen!

Verlegenheitslaute dienen dazu, die peinliche Stille zu übergehen
Verlegenheitslaute dienen dazu, die peinliche Stille zu übergehen.(c) imago/Panthermedia (zestmarina)
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Der fragwürdige Trend, einen Verlegenheitslaut durch ein ganzes Verlegenheitswort zu ersetzen.

Äh, wie fangen wir am besten an? Also, wir müssen reden. Darüber nämlich, dass auch Diskurspartikel einem sprachlichen Wandel ausgesetzt sind. Diskurspawas? Sie wissen schon, das sind Wörter, die keine eigentliche semantische Bedeutung haben, aber im Gespräch eine Funktion übernehmen. Das können Gliederungssignale sein wie etwa „gell?“, nicht wahr? Oder auch, äh, der Verzögerungslaut. Das auch als Verlegenheitslaut bezeichnete Phänomen kennen wir in mehreren Varianten: Ob äh, ähm, hm oder mhh – sie alle dienen dazu, die peinliche Stille zu übergehen, wenn die Gedanken den Worten gerade nicht nachkommen und man eine Sprechpause machen muss. Natürlich, man kann das auch als Stilmittel einsetzen, um etwa Ironie oder Zweifel auszudrücken: „Das ist also dein, äh, Hund?“ Doch in der Regel ist der Pausenlaut dann doch nicht mehr als eine Denkpause für den Sprecher. Wer fremdsprachige Serien im Original schaut, weiß übrigens, dass es das nicht nur im Deutschen gibt. Uh, um, er oder erm hört man etwa auf Netflix recht häufig.

Wie wir wissen, verändert sich Sprache. Und in den vergangenen Jahren gibt es einen Trend weg vom Verzögerungslaut hin zu einem, äh, Verzögerungswort. Da wird gern nach einem Satz – oder mittendrin – „genau“ gesagt. Das Adjektiv steht an sich für gewissenhaft oder sorgfältig, es wird heute aber eben auch anstelle des nach Bejahung heischenden „gell?“ oder „nicht?“ eingesetzt. Mit dem Unterschied, dass dahinter kein Fragezeichen steht, man also scheinbar felsenfest von seiner Aussage überzeugt ist. Ein eleganter Weg, das Unsicherheit suggerierende „äh“ durch ein Zeichen der Souveränität zu ersetzen? Mitnichten, denn wer „genau“ ähnlich inflationär verwendet wie „äh“, signalisiert damit nur noch mehr Unsicherheit. Es wäre also wohl besser, auf dieses Verlegenheitswort zu verzichten. Genau.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2021)