Das "Kriegstagebuch 1914-1918" dokumentiert die Mordlust eines Autors. Die Grundlage für seinen frühen Bestseller "In Stahlgewittern" ist von ekelhafter Kälte, noch ohne die spätere perfekte Ästhetisierung.
Er hat sich auf den Krieg gefreut. Das wird schon auf der ersten Seite von Ernst Jüngers Kriegstagebuch klar, als er mit dem 73. Füsilier-Regiment an die Front kommt: „1. 1. 15.Um 7 Uhr in Sedan Erbsensuppe bekommen. Stimmung war fidel. Die Gegend bekommt kriegsmäßiges Aussehen. Zerstörte Häuser, gesprengte Brücken, die langsam überfahren werden, und die verfaulten Garben der Ernte auf den Feldern.“ Vergnügt fühlt sich der 19 Jahre alte Jünger, als er an der Westfront in den Ersten Weltkrieg zieht. Das Wort „fidel“ klingt heute im Kontext der Zerstörung obszön, so wie die Adjektive „kolossal“ oder „wunderschön“, die dem Krieger auch einfallen, nachdem er emotionslos das Schlachten beschrieben hat.
Das Euphorische war damals die Norm, zumindest 1914/15. Deutsche, italienische, englische, französische Kriegsgedichte, zuhauf im Feld geschrieben, sind voller Hurra-Patriotismus. Selbst ein überlegter Autor wie Robert Musil ließ sich von der Begeisterung mittragen. Generationen von Briten weinten über Rupert Brooke, der in Sonetten hymnisch-prophetisch den eigenen frühen Tod besang. (Er starb 1915 an Malaria, auf einem französischen Schiff, am Weg zum Einsatz in Gallipoli.) Nur wenige schrieben von Anfang an über den Horror des Horrors, wie etwa Georg Trakl. Er starb im November 1914 an einer Überdosis Kokain, nachdem er die Schlacht von Grodek in einem ungeheuren Gedicht verarbeitet hatte.
Zehn Millionen Tote in vier Jahren
Die Ernüchterung kam für die meisten erst später, im Stellungskrieg der perfektionierten Tötungsmaschine der Schützengräben. Zehn Millionen Soldaten und Zivilisten fielen dem „Großen Krieg“ zum Opfer. Doch Jünger hat von Anfang an mit interesselosem Wohlgefallen das Handwerk des Tötens beschrieben. Das wird im „Kriegstagebuch 1914–1918“ offenbar, das Herausgeber Helmuth Kiesel nun in einer vorbildlich dokumentierten, mit Kommentar, Essay und ausführlichen editorischen Notizen versehenen Ausgabe dem Gesamtwerk des 1998 verstorbenen Autors hinzufügte. Die 15 Hefte des Tagebuchs dienten als Grundlage für Jüngers Bestseller „In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“ (1920), an dem er in Folgeausgaben noch jahrzehntelang gefeilt hat, um die Beschreibung des Ungeheuren zu ästhetisieren. Das ursprüngliche Tagebuch ist nüchterner. José A. Santos hat die beiden Texte statistisch ausgewertet. Im Kriegstagebuch mit 464 Seiten verwendete Jünger 500 Metaphern, in den „Stahlgewittern“ sind es auf 324 Seiten schließlich 1150.
Unverblümt wird man im Tagebuch, das auch noch schülerhafte Banalitäten enthält, mit Kriegsalltag konfrontiert, mit Ekel. Jünger findet zwei Fingerknochen: „Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte ...noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab.“ In „Stahlgewittern“ wird das Grauen verknappt. Über ein Opfer, dem ein Geschoß den Kopf zerschmettert, heißt es dort: „Er starb augenblicklich. Auf dem Postenstand lagen große Stücke des Schädelbeins.“ Im Tagebuch steht ausführlicher: „Er starb in wenigen Augenblicken. Als ich heut vormittag zum Stand ging, lagen noch Stücke von der Schädeldecke dort. Ein großes Stück war ganz weiß ohne Haare und Hirn, nur etliche kleine Äderchen waren zu sehen.“ Und dann wird schon wieder „gescherzt und gelacht“.
Der ideale Stoßtruppführer
Man muss sich nämlich Ernst Jünger glücklich denken, als idealen Stoßtruppführer voll Aggression und mörderischem Gefühlsdefizit. Der Krieg war für ihn die „unvergleichliche Schule“ des Lebens, wie er 1929 in „Das Abenteuerliche Herz“ schrieb. Im Essay „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“ (1932) sah er die Zukunft als eine Kette von Kriegen und Bürgerkriegen, für die der Weltkrieg nur eine Kaderschmiede war. Schon als Schüler hatte sich Jünger mit 18 zur Fremdenlegion gemeldet, um seine Jagdleidenschaft zu befriedigen. Er desertierte, wurde gefasst, mit Vaters Hilfe ausgelöst.
Ein Jahr später ist Jünger wieder auf Menschenjagd, drei Jahre und neun Monate lang. Er dokumentiert das mit der Kälte des Psychopathen, schreibt auch explizit, dass ihn die Einschläge der Granaten und die zerfetzten Leiber „vollkommen kalt“ lassen. Er hat einen Zählzwang. Selbst im Krieg fängt er Käfer für seine Sammlung, ordnet sie ein. Das wirkt gnadenlos, er schaut nämlich dem Menschen beim Sterben so ungerührt zu wie dem Tier.
Hat der Mann keine Ängste? Doch. „10.VIII.18. (...) Jedesmal, wenn man verwundet in ein Lazarett kommt, fällt man in die Hände der Schwestern. Im Allgemeinen empfinde ich den Wechsel vom männlichen zum weiblichen Wesen unangenehm.“ Er bleibt lieber im Schützengraben. Dort ist das Schreiben für ihn eine Befreiung von Erfahrungen der Zerstörung. In „Wäldchen 125“ (1924) notiert Jünger, dass in der „einfachsten Darstellung ein gewisser Trost“ liege. Er hat den Schrecken von Anfang an literarisch verarbeitet. Illusionslos. Denn wie heißt es am Ende des Tagebuchs: „Der Mensch ist unberechenbar, Im Umgange mit ihm muß man auf Alles gefasst sein. Es gibt nichts, das von ihm nicht zu erhoffen, nichts, das von ihm nicht zu befürchten stünde.“
Autor und Werk
Ernst Jünger, * 1895 in Heidelberg, † 1998 in Riedlingen. Schriftsteller, Offizier, Insektenkundler. Wichtige Werke: „Strahlungen“, „Siebzig verweht“, „Auf den Marmorklippen“, „Die Zwille“. Sein berühmtes Buch „In Stahlgewittern“ hat inzwischen die 46. Auflage erreicht. Die Vorlage zu diesem „Tagebuch eines Stoßtruppführers“ liegt nun ebenfalls im Verlag Klett-Cotta vor: „Kriegstagebuch 1914–1918“, Hrsg. Helmuth Kiesel, Stuttgart 2010. 656 Seiten, 33,90 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2010)